Gerard Donovan: “Morgenschwimmer”

Von verlorenen Dingen

Gerard Donovan: “Morgenschwimmer” (Irische Geschichten)

In dreizehn Geschichten erzählt Gerard Donovan von Menschen an Wendepunkten, Menschen, die etwas verloren haben, die sich an etwas erinnern, was plötzlich nicht mehr da ist. Die Atmosphäre des ländlichen Irlands färbt die geschilderten Landschaften und Stimmungen und hängt dabei wie ein Schleier über den Schicksalen. Dennoch sind Donovans Geschichten nicht einfach typisch irisch, sie sind universell und könnten genau so auch hier um die Ecke geschehen.

Von Lisa Letnansky.

MorgenschwimmerIn der Geschichte, die dem Erzählungsband „Morgenschwimmer“ ihren Namen gibt, lesen wir zunächst von Joe, der wie jeden Morgen im Meer schwimmen geht: „Die Kälte legte sich ihm wie ein Schraubstock um Kopf und Brust und hüllte Eis um seinen Körper, als er ganz in die grüne Stille eintauchte und die Augen dem Salz und dem wehenden Tang öffnete, dem Ballett dicker Ranken in einer langsamen Strömung.“ Das Gefühl beim Eintauchen in die eiskalte See weist voraus auf das, was Joe nur wenig später erleben wird: Aus einer Umkleidekabine heraus hört er zufällig seine beiden Freunde darüber sprechen, dass ihn seine Frau schon seit längerem betrügt und er der einzige ist, der nichts davon zu wissen scheint. Was ein ganz normaler Tag hätte werden sollen, endet in einem Fiasko und nicht nur Freundschaften zerbrechen danach.

Wenn man gerade nicht hinschaut

Auch die zwölf anderen Geschichten handeln von Wendepunkten in individuellen Leben: Beziehungen verändern sich aufgrund eines einzelnen geäusserten Satzes, vergangene Zeiten werden schmerzlich vermisst, was gestern wichtig schien, hat heute auf einmal keinen Wert mehr. In „Uns geht’s doch gold“ bringt Frank Delany, ein erfolgreicher Anwalt, der gerade eine Sinnkrise durchlebt, das Thema von Donovans Erzählreigen auf den Punkt: „Er hätte seinen Kollegen gern erzählt, was ihm an diesem Morgen passiert war, sie gefragt, ob aus ihrem Leben schon einmal etwas verschwunden war, als sie gerade nicht hinsahen.“ Genau von diesen Momenten handeln diese Erzählungen. Dabei ist es nicht immer die Geborgenheit von zwischenmenschlichen Beziehungen, die auf der Strecke bleibt, oft geht es auch um das vertraute Gefühl von Heimat, das mit einem Mal nirgends mehr festgemacht werden kann.

Meerbrise und Whiskey

Dass es sich bei „Morgenschwimmer“, wie im Untertitel betont wird, um „Irische Geschichten“ handelt, fällt besonders bei jenen auf, die im ländlichen Irland rund um Galway verortet sind. Das launische Wetter und die salzige Brise, die vom Meer her landeinwärts weht, tauchen Stimmungen und Szenerien in eine typisch irische, manchmal auch etwas provinzielle Atmosphäre, in der das Drama des einzelnen Lebens nicht von Weltdramen überschattet wird. Dass dabei aber gerne, oft und viel Whiskey getrunken wird, trägt zu dieser Stimmung natürlich auch noch bei. Wie mitfühlend und glaubwürdig Donovan aber auch von den zwischenmenschlichen Schicksalsschlägen auf dem Lande erzählt, richtig stark werden die Geschichten, wenn er den geographischen Rahmen sprengt und Grenzen überschreitet.

Gesprengte Rahmen

In „Harry Dietz“ zum Beispiel macht sich in der Nähe von Chicago eines frühen Morgens ein geistig verwirrter älterer Mann auf, um Milch für seinen Kaffee zu besorgen, landet aus Versehen auf der Autobahn und fährt spontan nach Chicago. Seit Jahrzehnten quälen ihn nicht nur die Erinnerungen an seine erste und einzige Freundin, sondern auch die Angst vor den Russen und einem Atomkrieg, die ihm seine Eltern bereits früh eingebläut hatten. In Chicago verliert er dann völlig den Bezug zur Realität, irrt ziellos und paranoid durch zwielichtige Gegenden, bis er schliesslich einem wohl durch eine Terrordrohung in Panik geratenen Menschenstrom in den Untergrund folgt, wo er die Atombunker vermutet. Dass Donovan diese Geschichte nicht in Irland ansiedeln konnte, kommt daher, dass es in Irland keine U-Bahnen gibt, denn in einer solchen sitzt Harry, während er auf die ersten Geräusche des Bombenangriffs wartet.

Diese Überschreitungen des geographisch gesetzten Rahmens sprengen jedoch nicht den thematischen Kontext. Auch Harry ist jemand, der etwas verloren hat – diesmal den Bezug zur Realität –  und er ist es schliesslich, der dem Leser vor Augen führt, dass diese Geschichten nicht nur in Irland, sondern überall auf der ganzen Welt geschehen.


Titel: Morgenschwimmer
Autor: Gerard Donovan
Übersetzer: Rudolf Hermstein
Verlag: Luchterhand
Seiten: 224
Richtpreis: CHF 24.50

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