“Bad Boy Kummer“ von Miklós Gimes

Wenn Fiktion zum Feind wird

“Bad Boy Kummer“ von Miklós Gimes

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Zwischen 1993 und 2000 schrieb der Berner Journalist Tom Kummer für die Magazine des Tagesanzeigers und der Süddeutschen Zeitung. Berühmt wurde er für seine Interviews mit Stars wie Pamela Anderson, Sharon Stone oder Sean Penn. Als herauskam, dass diese Interviews nie stattgefunden hatten, sondern erfunden waren, war Kummer als Journalist am Ende. In „Bad Boy Kummer“ besucht ihn sein ehemaliger Arbeitskollege Miklós Gimes und spricht mit ihm über den Presseskandal.

Von Lukas Hunziker.

Eigentlich muss man Tom Kummer recht geben, wenn er rückblickend sagt, wer seine Interviews damals für echt gehalten habe, müsse wirklich dumm sein. Seine Gespräche mit Hollywoodstars, an die kaum ein Journalist je wirklich herankam, waren tatsächlich unglaubhaft viel interessanter als die üblichen hirnlosen Frage-Antwort-Spielchen, die sich Starinterview schimpfen. Sharon Stone, Pamela Anderson, Brad Pitt, Sean Penn, Charles Bronson und Quentin Tarantino – mit allen schien Kummer plaudern zu können wie ein Psychiater mit mitteilungssüchtigen Patienten. Dass er einen Fehler gemacht hat, wollte Miklós Gimes, der stellvertretender Chefredakteur des Tagi-Magis war, als Kummer die Interviews schrieb, trotzdem von ihm hören. Und so entstand “Bad Boy Kummer”, ein eigenwilliges Porträt eines glücklicherweise uneinsichtigen Problemkindes des deutschsprachigen Starjournalismus’.

Lieber er-logen als ver-logen

Für Tom Kummer begann alles mit einem Interview mit Pamela Anderson, dass er im Rahmen eines Pressetermins des Filmstars im Presseraum eines Hotels führen sollte. Die Unterwürfigkeit der anwesenden Pressevertreter angesichts der inszenierten Präsenz der Schauspielerin war Kummer so zuwider, dass er ein Interview erfand, wie er es gerne gelesen hätte, anstatt den üblichen Schund zu liefern, der bei einem solchen Presseauftritt eben sonst zustande kommt. Dieses Interview kam so gut an und führte so schnell zu weiteren Aufträgen, dass Kummer weitere Interviews erfand, über deren Fiktionalität, so glaubte er, die Redaktion Bescheid wissen musste. Für ihn waren seine Texte eine neue Form des Journalismus, der zwar fiktional war, aber deswegen nicht weniger unecht als die inszenierten Gespräche mit denselben Stars, denen “Echtheit” attestiert wurde.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Seit dem Skandal im Jahr 2000, der die beiden Chefredakteure des SZ Magazins den Kopf kostete und das jähe Ende von Kummers Karriere als Journalist bedeutete, ist der Berner als Tennislehrer in Los Angeles tätig, wo er mit seiner Familie wohnt. Dass er Fehler gemacht hat, gibt er in den Gesprächen mit Miklós Gimes zu. Dass er die Redakteure in Deutschland bewusst an der Nase herumgeführt und etwas “gefälscht” haben soll, sieht er anders. Und so mancher Zuschauer wird es ebenfalls anders sehen. Denn auch wenn Kummers Texte gegen zentrale Spielregeln des Journalismus verstossen haben mögen, so fällt es schwer zu leugnen, dass Kummer die ohnehin unechteste aller journalistischen Textsorten gefälscht hat, und jenen Leuten Worte in den Mund gelegt hat, denen sämtliche billigen Magazine der Welt Worte in den Mund legen.

Nicht sympathisch, aber trotzdem cool

Was Miklós Gimes mit seinem Film will, wird über die 90 Minuten hinweg eigentlich nie klar. Reue ist das Letzte, was man als Zuschauer vom vielleicht nicht immer sympathischen, aber eigentlich doch ziemlich coolen Tom Kummer hören möchte. Auch wenn man es ihm kaum abnimmt, dass er wirklich geglaubt hatte, die Redaktion wisse über den fiktionalen Charakter seiner Texte Bescheid, so fällt es ebenso schwer zu glauben, dass diese wirklich nie auch nur einen Verdacht hatte. Gut möglich, dass Ahnungen auf Seiten von Kummers Auftraggebern vom Wissen über den Erfolg der Interviews im Keller eingesperrt wurden.

Wer die Geschichte um den Skandal von Kummers Interviews kennt, wird in “Bad Boy Kummer” denn auch nicht viel Neues lernen. Gimes gelingt es, Tom Kummer interessant zu porträtieren; ein neues Licht auf die Affäre Kummer zu werfen vermag er jedoch nicht. Trotzdem ist ihm ein Dokumentarfilm gelungen, der unterhaltsam ist und einige spannende Fragen zum Thema Journalismus und die Grenzen zwischen Berichterstattung und Fiktion stellt.

Ausstattung

Die DVD enthält neben des Hauptfilms ein fast einstündiges Gespräch zwischen Tom Kummer, Miklós Gimes und dem inzwischen verstorbenen deutschen Journalisten André Müller, ein 20minütiges Interview mit Miklós Gimes zur Entstehung des Films, sowie einige gelöschte Szenen und den Trailer.


Seit dem 24. Oktober 2011 im Handel.

Originaltitel: Bad Boy Kummer (Schweiz 2010)            
Regisseur: Miklós Gimes
Darsteller: Tom Kummer, Miklós Gimes
Genre: Dokumentarfilm
Dauer: 92 Minuten
Bildformat: 16:9
Sprache: Originalversion (CH-Deutsch/Deutsch/Englisch)
Untertitel: Deutsch, Französisch, Englisch
Audio: Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0
Bonusmaterial: Deleted Scenes, Interview André Müller, Interview Miklós Gimes, Trailer
Vertrieb: Praesens

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Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „“Bad Boy Kummer“ von Miklós Gimes

  • 14.12.2011 um 09:47
    Permalink

    Na bitte, da war an Kummers “Interview” vielleicht mehr echt als an … Pam Anderson?!

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