Aimee Bender: “Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen”

Emotionen, Essen, Empathie?

Aimee Bender: “Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen” (Roman)

Der Roman der US-amerikanischen Autorin Aimee Bender basiert auf dem Entwurf einer sonderbaren vierköpfigen Familie. Im Mittelpunkt steht der sehr zarte und gefühlvoll erzählte Lebensweg von Rose, der Tochter, zwischen Kindheit und Erwachsenwerden. Der Fokus des Portraits liegt auf ihrer besonderen Gabe, nämlich, die Gefühle anderer Menschen in Lebensmitteln schmecken zu können.

Von Angela Stella Hoppmann.

DieBesondereTraurigkeitKurz vor ihrem 9. Geburtstag entdeckt sie, Rose Edelstein, ihr Talent, die Gefühle anderer in Lebensmitteln zu schmecken. Von diesem Tag an hat jeder kleine Bissen eine grosse Bedeutung, denn Rose erfährt durch jede Mahlzeit mehr über andere Menschen und insbesondere ihre Familie, als ihr lieb ist: Die Abwesenheit des Bruders im Marmeladentoast, die Schuld des Vaters im Roastbeef und die unendliche Traurigkeit der Mutter im Zitronenkuchen. Sie hätte auf vieles lieber verzichten und vieles besser nicht mitfühlen mögen. Rose stellt damit indirekt die Kernfrage des Buches: Wie viel wollen wir eigentlich von unseren Liebsten wissen?

Der Familienroman ist die Geschichte der Protagonistin, die lernt, mit ihrer besonderen Gabe zu leben, die der problematischen Beziehung ihrer Eltern und die des realitätsfernen Bruders, dem am Ende die Weltflucht gelingt. Der Leser begleitet Rose nicht nur durch ihr eigenes Dilemma, sondern auch durch das der ganzen Familie.

Geht Liebe durch den Magen?

Die Schilderung von Geschmacksnuancen in Speisen und Geruchsnuancen von Lebensmitteln gehört bekanntermassen zu einer der grössten sprachlichen Drahtseilakte. Aimee Bender stellt sich dieser Herausforderung und wagt mit ihrem Buch etwas ganz Neues. Die Geschichte lebt von dieser fantastischen Grundidee, die jedoch aufgrund der familiären Dynamik in den Hintergrund gerät. Die Emotionen werden zur Nebensache und das Buch verliert aufgrund der wenig kreativen, bisweilen plakativen Nennungen an Tiefe.

In Aimee Benders Kosmos der erzählten Gefühle tendiert die Moral zudem sehr deutlich in Richtung Unerschütterlichkeit und Vermeidung intensiver Gefühle. Denn diese sind im Leben der Protagonistin fast immer gleichbedeutend mit Leid und Unglück. Die ersehnte Liebe und die Sprachmagie bleiben dabei auf der Strecke.

Ein Mehr an Magie

Was jedoch an positiven Gefühlen fehlt, wird durch ein Mehr an Zauber ausgeglichen. Während die Spannung ein gleichbleibendes Niveau hält, umgibt alle Familienmitglieder ein Hauch von Magie, denn sie alle haben übernatürliche Fähigkeiten. So verschwindet beispielsweise Roses Bruder mehrfach für kurze Zeit aus seinem Zimmer und taucht dann urplötzlich und völlig erschöpft wieder auf. Aimee Bender bewegt sich damit am Rande des inflationären Umgangs mit Magie, ohne die Grenze zu überschreiten. Vielmehr hebt sie die Besonderheiten von Vater, Mutter, Joseph und Rose hervor und schafft es damit, die Leser in den Bann der Familie zu ziehen.

Der Titel und die Grundidee des Buches versprechen mehr als der Inhalt am Ende halten kann. Als Familienroman ist dieses Buch jedoch gelungen und für Freunde emotionsgeladener Beziehungsdynamiken lesenswert.


Titel: Die besondere Traurigkeit von Zitronenkuchen
Autorin: Aimee Bender
Übersetzerinnen: Christiane Buchner, Martina Tichy
Verlag: Berlin Verlag
Seiten: 320
Richtpreis: 28.50

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