Ingeborg Bachmann: “Die Radiofamilie”

Wiederentdeckung des humoristischen Nachkriegsradios

Ingeborg Bachmann: “Die Radiofamilie” (Skriptsammlung)

“Die Radiofamilie” zeigt uns Ingeborg Bachmann von ihrer heiteren Seite – Erfrischende Einblicke ohne Selbstzensur!

Von Angela Stella Hoppmann.

DieRadiofamilieWenn er an Ingeborg Bachmann denkt, kommen dem Leser erst einmal folgende Assoziationen in den Sinn: Einsamkeit, Leiden, Selbstzerstörung. Doch im Herbst 1951 erobert Ingeborg Bachmann die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders “Rot-Weiß-Rot” in Wien und macht für zwei Jahre die Radiofamilie Floriani zur beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit.

Die Florianis sind eine durchschnittliche Familie: Der Vater ist ein vorbildlicher Bürger und Familienvater; paternalistisch, anständig, korrekt, durchschnittlich eben. Er stellt das unangetastete Österreich der Vorkriegszeit dar. Guido, der Bruder, verkörpert als Nazi hingegen die dunkle Seite der Familiengeschichte. Die kroatische Mutter Vilma ist offen für neue Einflüsse, obschon sie weitgehend unemanzipiert bleibt und die frechen Kinder wickeln den Vater um den kleinen Finger, werden aber von den neuen Erziehungsmethoden nicht verschont. Die Kinderflausen entlarven das biedere Erwachsensein und verleihen ihm einen kontrastreichen und unverfälschten Schwung.

In kleinen Episoden und insgesamt 351 Folgen – wobei lediglich 15 Bachmann zugeschrieben werden – wird im Familienkreis Wichtiges und weniger Wichtiges diskutiert und im Rahmen des bürgerlichen Denkens verarbeitet.

Satirisches Porträt einer Wiener Familie

“Die Radiofamilie” ist eine Soap-Opera fürs Ohr, die auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Ausstrahlung Unterhaltungswert hat und den Leser über die eine oder andere Sichtweise der Nachkriegszeit schmunzeln lässt. Der Herausgeber Joseph McVeigh hat die Latte allerdings hoch gelegt: Wer denkt, die “kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach” von einer vollkommen neuen Seite kennenzulernen, wird enttäuscht sein. Der Leser erhält zwar einen erfrischenden Einblick in das heitere Profil der Schriftstellerin, allerdings sind die Skripte nichts, worauf man sich in Bezug auf Bachmanns Seelenleben wirklich verlassen kann. Die Radiosendung wurde als satirisches Porträt konzipiert, um den Optimismus der Nachkriegszeit in spannende, unterhaltsame Geschichten zu verpacken.

Die Leichtigkeit des Alltags

Die Alltagsszenen und Bachmanns Unbeschwertheit im sprachlichen Ausdruck machen die Skriptsammlung zu einer leicht zugänglichen und damit empfehlenswerten Lektüre für Bachmann-Liebhaber und solche, die die Autorin als junge Frau am Karrierestart erfahren wollen.


Titel: Die Radiofamilie
Autorin: Ingeborg Bachmann
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 411
Richtpreis: CHF 35.50

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