Bruce Bégout: “Der Park”

Perversion als Freizeitvergnügen

Bruce Bégout: “Der ParK” (Roman)

Massenproteste, Aufstände, Hunger- und Naturkatastrophen bevölkern die aktuellen Schlagzeilen, die Anzahl der Todesopfer klettert stetig in die Höhe. Die Idee, die „Übel der Welt“ in ein Freizeitvergnügen zu verwandeln, scheint daher erst mal abartig und pervers. Und bleibt dennoch innerhalb der Grenzen des Vorstellbaren.

Von Lisa Letnansky.

DerParKDisneyland und Europa-Park sind passé. Die Zukunft gehört dem ParK! Diese von einem russischen, dank Waffen- und Unterhaltungsindustrie zu Geld gekommenen Milliardär erdachte Anlage liegt auf einer Privatinsel vor Borneo und verkörpert den „Park der Parks, die äußerste Synthese, die alle anderen hinfällig macht“. Das scheint dann auch schon der einzige Zweck von ParK zu sein: alle denkbaren Parks, Lager und Einhegungen in sich zu vereinen. Denn ParK ist nicht nur einfach eine megalomanische Vergnügungsstätte, er ist noch viel mehr: Wildgehege, Erlebnispark, Konzentrationslager, Technologiezentrum, Jahrmarkt, Flüchtlingslager, Friedhof, Zoo, Altersheim, Baumschule und Gefängnis.

Die Qual der Wahl

Pro Tag dürfen nur 100 Besucher diese heilige Stätte der Massenunterhaltung betreten. Der Eintritt kostet pro Person 15’000 Dollar, eine Summe, die ParK zum absoluten Eliteprodukt erhöht. Auf der Insel ist man dann mehr oder weniger sich selbst überlassen, Pläne oder Orientierungspunkte fehlen ebenso wie Informationsschalter oder Erklärungen zu den Installationen. Alles kann man an dem einen Tag, den die Auserwählten auf der Insel verbringen dürfen, sowieso nicht besichtigen. Man muss Prioritäten setzen, was bei der Vielfalt der Highlights kein einfaches Unterfangen scheint. Soll man nun im „Todeskamp I“, einer Synthese von KZ und Casino, zwischen heruntergekommenen und ausgehungerten Insassen sein Geld verjubeln, oder doch lieber in der perfekten Nachbildung eines amerikanischen Gefängnisses im Irak Folterknecht spielen und das Ganze mit der Handykamera filmen? Zwischendurch kann man ja dann immer noch sozusagen als Auflockerung eine etwas neutralere Ausstellung besuchen oder eine Runde mit dem Nostalgie-Karussell drehen.

Vom Riesenrad zum Foltergefängnis

Bruce Bégout, der in Bordeaux Urbanitäts- und Alltagsforschungen betreibt und lehrt, führt in „Der ParK“ ein Gedankenexperiment ad absurdum. Wo vor ein paar Jahrzehnten ein Riesenrad noch das Highlight jedes Jahrmarkts und Vergnügungsparks darstellte, reihen sich heute immer extremere, sensationellere und aussergewöhnlichere Attraktionen aneinander. Wo könnte das enden, wenn diese Entwicklung so rasant weiter verläuft? Eine mögliche Antwort auf diese Frage zeigt dieser Kurzroman ohne Handlung. Frei von moralisierenden Statements treibt Bégout anhand der Schilderung des Anlage und ihrer Sehenswürdigkeiten Adrenalinsucht und Sensationsgeilheit auf die Spitze.

Der Leser darf selbst entscheiden, ob er das Geschilderte interessant, empörend oder abstossend findet. Im neutralen Stil eines Journalisten beschreibt der namenlose Ich-Erzähler schlicht das Vorhandene, tappt betreffend Zweck und Absichten der Anlage oft im Dunkeln, scheitert bei vielen Nachforschungen und ist sich im Grunde nur bei einer Sache sicher: ParK ist ein aussergewöhnliches Ereignis, das keinen Besucher kalt lässt, eine „Weltausstellung der Übel unserer Zivilisation“. Die Grundidee des Erbauers lässt sich auf eine einfache Maxime herunterbrechen: „Nichts erregt, was nicht auch quält.“ Indem ParK alle möglichen Stimmungen aufeinanderprallen lässt (am auffälligsten geschieht dies wohl im Casino-KZ), formuliert er eine mögliche Zukunft der Massenunterhaltung: „Perversion als akzeptiertes Freizeitvergnügen“.

Ein Bestandteil des Menschseins

Was auf den ersten Blick völlig übertrieben und an den Haaren herbeigezogen erscheint, wirkt bei näherer Betrachtung aber gar nicht mehr so unvorstellbar: Die Freude an Gewalt und Leiden ist so alt wie die Menschheit selbst. So verkörpern Splatterfilme und Shooter-Games nicht etwa die Bedürfnisse einer postmodernen, gelangweilten und moralisch abgestumpften Generation – Gladiatorenkämpfe im alten Rom und ellenlange mittelalterliche Schilderungen von Kämpfen und Blutbädern sind die besten Beispiele dafür, dass diese düstere Lust auf das Böse schon immer ein Bestandteil der Menschheit war. Das Neue an ParK ist, dass er die Grenzen zwischen Realität und Fiktion noch mehr verwischt, als wir uns es heute schon gewohnt sind: Die wenigen echten Besucher gehen unter in einem anonymen Heer von Statisten, wobei stets unklar bleibt, ob diese freiwillig oder unfreiwillig auf der Insel weilen – gerade bei den Inhaftierten und Gequälten hinterlässt diese Unklarheit einen schauderhaften Beigeschmack.

Obwohl als Roman etwas sehr statisch und linear, ist „Der ParK“ als Ausarbeitung einer einfachen Idee durchaus geistreich und lesenswert. So ganz abwegig ist die Vorstellung dieses futuristischen Orts der Sensationsgeilheit und der Schaulustigen ja nicht. Dass man dafür eigentlich nur die Zeitung aufschlagen und die aktuellen Meldungen aus dem Nahen Osten, Ägypten oder dem Horn von Afrika lesen müsste, das ist die traurige Gegenvariante der Realität.


Titel: Der ParK
Autor: Bruce Bégout
Übersetzerin: Franziska Humphreys-Schottmann
Verlag: diaphanes
Seiten: 176
Richtpreis: CHF 15.00

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