Ironie im Angesicht des Unausweichlichen

Ironie im Angesicht des Unausweichlichen

„Old Ideas“, Leonard Cohens erstes Studioalbum seit acht Jahren, ist ein intimes, spartanisch instrumentiertes Werk, auf welchem der kanadische Songpoet mit ironischer Distanz einen Blick auf das letzte Drittel des Lebens und dessen unausweichliches Ende wirft sowie die verschiedenen Ebenen der Liebe thematisiert.

Für Überraschungen ist Leonard Cohen, der mittlerweile 77-jährige Songpoet aus Montreal, immer wieder gut. Anfang 2008 kündigte er, wohl angetrieben von dem, was er damals etwas euphemistisch „meine ärgerliche finanzielle Situation“ nannte (seine ehemalige Managerin hatte ihn um fast sein ganzes Vermögen betrogen), nach 15 Jahren Bühnenabstinenz eine neue Welttournee an. Diese sollte schliesslich zweieinhalb Jahre dauern und fast 250 Konzerte umfassen. Wobei Konzert ein zu profaner Begriff dafür ist, was Cohen zusammen mit seiner virtuosen, neunköpfigen Band – in der Schweiz zuletzt im September 2010 in Basel – bot: Eine über dreistündige Reise durch einen während mehr als 40 Jahren entstandenen Songkatalog, mit einer derartigen Intensität vorgetragen, dass man eher von einer Audienz in Cohens Songkathedrale sprechen konnte. Als das neue Album angekündigt wurde, durfte man deshalb – nach dem meditativen, aber etwas aseptischen „Ten New Songs“ (2001) und dem unausgegorenen „Dear Heather“ (2004) – endlich mal wieder ein Cohen-Album in sattem Band-Sound erwarten.

Doch weit gefehlt: Seine „Unified Heart Touring Band“ist auf „Old Ideas“ nur gerade im bluesigen, bereits live interpretierten „The Darkness“ zu hören. Leise Enttäuschung kommt deshalb beim erstmaligen Hören auf. Doch je öfter man den zehn neuen Liedern andächtig lauscht, desto mehr versteht man Cohens Entscheid, sich statt auf Musik im Cinemascope-Format auf die in tiefstem Bariton vorgetragenen Texte zu fokussieren und musikalisch nur mit ausgewähltem Instrumentarium Akzente zu setzen. Ein intimes Album ist so entstanden, auf welchem Cohen mit ironischer Distanz einen Blick auf das letzte Drittel des Lebens und dessen unausweichliches Ende wirft sowie die verschiedenen Ebenen der Liebe thematisiert. Im Eröffnungslied „Going Home“, höhnt das Erzähler-Ich, der Leonard, dieser „lazy bastard in a suit“ wolle eigentlich eher ein Liebeslied oder eine Anleitung für das Leben mit Niederlagen schreiben. Stattdessen habe er ihm jedoch aufgetragen, die folgenden Worte mantrahaft zu wiederholen: „Going home without my burden/going home behind the curtain/going home without the costume that I wore“. Und so singt Leonard also vom Unausweichlichen, dem Angesicht des Todes.

Bild: Dominique Issermann
Bild: Dominique Issermann

Natürlich thematisiert Cohen, der „Ladies’ man“, auf „Old ideas“ auch die Liebe. Im schon fast tanzbaren „Different Sides“, in welchem die Reime mit den Klängen eine perfekte Symbiose eingehen, geht es um die kleinen Kriege in Paarbeziehungen („We find ourselves on different sides/of the line nobody drew“). In „Crazy to love you“, in welchem sich Cohen mit der akustischen Gitarre selber begleitet, erzählt der Sänger von der Gelassenheit der Liebe im Alter („I’m tired of choosing desire/I’ve been saved by a blessed fatigue“). Der emotionale Höhepunkt des Albums ist jedoch das fast achtminütige „Amen“. In diesem Klagelied, in welchem sich die Klänge einer Trompete mit jenen einer Violine vermählen, wird die Liebe dem Horror in der Welt gegenübergestellt („Tell me again when the victims are singing/and the laws of remorse are restored/tell me again that you know what I’m thinking/but vengeance belongs to the lord“). Der „lord“, er wird auf Cohens neustem Album, dem wohl spirituellsten seit „Various Positions“ (1984), oft angerufen. „Show me the place“ und „Come Healing“ sind mit ihren Hammond-Orgel-Klängen und dem engelhaften Backgroundgesang (von der langjährigen musikalischen Weggefährtin Jennifer Warnes beziehungweise der noch wenig bekannten Dana Glover, übrigens die Entdeckung dieses neuen Albums) eine Art Hymnen. Da wird die geliebte Person – oder auch Gott – aufgerufen, zu zeigen, wo das Wort Mensch wurde und das Leid begann oder es wird um Heilung des Geistes und des Körpers gebeten.

Es finden sich auf „Old Ideas“ jedoch auch ein paar in jeder Hinsicht leichtgewichtigere Songs: So verlieben sich im besänftigenden Wiegenlied „Lullaby“ Katz und Maus und reden anschliessend in Zungen oder Cohen besingt ein kaputtes „Banjo“, welches im dunklen, verseuchten Meer herumdümpelt. Das jazzig-angehauchte „Anyhow“ wäre auf „Dear Heather“ besser aufgehoben gewesen und stört merklich den Fluss des Albums. Dennoch: So wie Cohen in seinen Konzerten vor Band und Publikum immer wieder seinen Hut zog, kann man vor diesem weisen, berührenden Alterswerk nur eines: ehrfürchtig den Hut ziehen.

Label: Sony Music

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