Ragnar Jonasson: “Schneebraut”

Let it snow, let it snow, let it snow

Ragnar Jonasson: “Schneebraut” (Thriller)

In Ragnar Jonassons “Schneebraut” schneit es oft. Doch das ist nicht der einzige Grund, wieso sich eine deprimierende und erdrückende Stimmung beim Leser breitmacht. Nervige Wiederholungen, zu viele Figuren, kaum vorhandene Spannung und ein Schluss, der viele Fragen  offen lässt, bringen den Leser fast zum Verzweifeln.

Von Birke Tunç.

schneebrautSiglufjördur ist ein völlig abgelegenes Fischerdorf im Norden Islands, das nur durch einen Bergtunnel zu erreichen ist. Die Bewohner kennen sich seit ihrer Kindheit und bilden eine eingeschworene Gruppe, die kein Interesse an den Geschehnissen in der restlichen Welt hat und Fremde nicht gerade mit offenen Armen empfängt. Alle sind sich einig: In Siglufjördur passiert nie etwas. Und dann passiert doch was, welch Überraschung…

Dorfgeheimnisse

Ari, ein junger Polizeischüler, ist gerade dabei, seine Ausbildung abzuschliessen, als er ein festes Jobangebot in dem Örtchen Siglufjördur erhält. Es lässt daraufhin seine enttäuschte Freundin Kristin in Reykjavik zurück und macht sich auf den Weg nach Norden. Angekommen, deutet alles auf eine ereignislose und ruhige Zeit hin. Polizeichef Tomas versichert Ari, dass in Siglufjördur nie etwas passiert und seine Hauptaufgabe darin besteht, im Schnee stecken gebliebene Fahrzeuge wieder fit zu bekommen.Womit der junge Polizist allerdings wirklich zu kämpfen hat, ist das Wetter: ununterbrochen schneit es. Ausserdem wird er von den Dorfbewohnern nicht ernst genommen und ist ein Aussenseiter. Nur die hübsche Ugla, welche auch eine Zugezogene ist, gibt sich mit Ari ab, und es dauert nicht lange, bis die beiden Gefühle füreinander entwickeln.

Trotz des Versprechens von Tomas, dass in Siglufjördur nie etwas passiert, tut sich  bereits nach einer Woche was im kleinen Fischerdorf: Während der Probe des neusten Stücks des örtlichen Laientheaters kommt es zu einem Unfall. Hrolfur Kristjansson, Dorfberühmtheit und ehemals weltbekannter Schriftsteller, stürzt in der Pause die Treppe hinunter. Da er zuvor schon einiges getrunken hatte, sieht Tomas keinen Grund, in diesem Fall weiter zu ermitteln. Als nur einige Tage später Linda, die Frau eines Theatergruppenmitglieds, halb nackt und halb tot vor ihrem Haus im Schnee gefunden wird, muss allerdings sogar Tomas zugeben, dass es mit der Ruhe in Siglufjördur vorbei ist. Ari ist sich sicher, dass zwischen den beiden Fällen ein Zusammenhang besteht, doch die Aufklärung entpuppt sich als schwierig. Alle Dorfbewohner haben nämlich ein dunkles Geheimnis.

Gute Ideen und deren ziemlich schlechte Umsetzung

Ragnar Jonasson macht es dem Leser leicht “Schneebraut” nicht zu mögen. Als erstes wären da die nervigen Wiederholungen wie „Siglufjördur ist ein Dorf im Norden und hier passiert nie was“, „Ari hat sein Theologiestudium hingeschmissen“ oder „es schneit“, die einem das Gefühl geben, dass eigentlich während über 300 Seiten nichts passiert. Die Bezeichnung ‚Thriller’ erscheint hier mehr als unangebracht. Ausserdem sind da die seitenlangen Wiedergaben der Lebensläufe so ziemlich jedes Dorfbewohners, welche beim Leser ein Ohnmachtsgefühl auslösen. Wahrscheinlich war Jonassons Gedanke dahinter derjenige, dass so mehrere Figuren im Vordergrund stehen, somit eine grosse Anzahl von Verdächtigen vorhanden ist und die Geschichte dadurch spannend wird. Es ist aber einfach zu viel des Guten und man muss sich ziemliche Mühe geben, um sich daran zu erinnern, wer denn jetzt schon wieder spielsüchtig ist und wer doch gleich eine auserlesene Weinsammlung hat.

Trotz all diesen Figuren scheint das eigentliche Thema von “Schneebraut” die Winterzeit in Island zu sein, welche den Menschen das Leben erschwert. In jedem zweiten Satz wird erwähnt, wie kalt es ist und wie viel Schnee rumliegt, um das Gefühl der Dunkelheit und der Einsamkeit zu vermitteln. Eigentlich ist es ja ziemlich clever, mit Hilfe der Natur eine Stimmung kreieren zu wollen, doch auch hier übertreibt es Jonasson. Auch bei der Auflösung des Krimis konnte sich der junge Autor nicht zurückhalten: Der Leser hat absolut keine Chance, das Rätsel selber zu lösen. Natürlich, es darf nicht offensichtlich erkennbar sein, wer für die Verbrechen verantwortlich ist und der Leser soll immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt werden. Doch die in “Schneebraut” in den Mittelpunkt gerückten Dinge wie etwa die Dreiecksbeziehung Ari-Kristin-Ugla , die vielen Figuren/Verdächtigen und der Bezug zu deren Vergangenheit, liegen sehr weit von den eigentlichen Ereignissen entfernt.

Das einzig gute an “Schneebraut” von Ragnar Jonasson ist die letzte Buchseite. Denn damit endet diese literarische Folter zum Glück.


Titel: Schneebraut
Autor: Ragnar Jonasson
Übersetzerin: Ursula Giger
Verlag: Scherz
Seiten: 367
Richtpreis: CHF 23.50


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