Christian Zehnder: „Julius“

Ein seltsamer junger Mann

Christian Zehnder: „Julius“ (Roman)

Aus unendlicher Ferne scheint in Christian Zehnders kurzem Roman ein nüchterner, aber durchaus mitfühlender Beobachter das Erwachsenwerden des träumerischen Julius’ zu verfolgen. Ungreifbar und schwebend ist diese Geschichte, und dabei schön und poetisch.

Von Sandra Despont.

juliusJulius ist ein etwas seltsamer Jugendlicher: ernst, träumerisch, sensibel. Er lässt vieles aus, was seine Altersgenossen umtreibt, von wilden Partys, Alkohol- und Drogenexperimenten kann keine Rede sein. Er wirkt träge, scheint keine Leidenschaften, keine Hobbies zu haben. Seine Pubertät verbringt er mit grosser Ernsthaftigkeit, wartend, eigentlich ist er erwachsener als jeder Erwachsene. Seine Eltern sind gleichzeitig froh und irritiert. Sie haben einen Jungen, der sich nicht auflehnt, aber auch nicht lacht, für den das Treppensteigen eine der interessantesten Tätigkeiten ist, die man sich vorstellen kann. Sein einziger Freund Martin wohnt seit langem in einem anderen Kanton, neue Freunde sucht sich Julius nicht. Bis er wieder an Martin denkt, ihn besucht, vergehen fünf Jahre. Erst als Julius wieder mit Martin zusammenzieht, kommt etwas mehr Bewegung in sein Leben.

Leben durch Martin

Doch wo ein Mensch wie Julius, der Tage braucht, um auf einfache Fragen zu antworten, der nicht mit Gleichaltrigen abhängt, sondern lieber stundenlang durch Felder streift und an Waldrändern sitzt, im Leben einen Platz finden soll, bleibt fraglich. Lange scheint er bloss durch seinen Freund Martin etwas vom prallen Leben, das dieser für sich entdeckt, abzubekommen. Er schreibt Martins Seminararbeiten, bleibt aber für sich selbst ohne jede Ambition, verharrt in einem stillen Nachdenken, begleitet Martin und seine Freundin, statt sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auch das zärtliche Mädchen, mit dem er seine erste, beglückende Liebesnacht verbringt, ist eine Bekannte Martins. Julius bleibt Beobachter, Stadtwanderer, er lernt die Gesichter der Passanten auswendig, sieht den Verkäuferinnen nach ihrem Feierabend zu, wie sie der Sonne ausweichen und rauchen. Die Begegnung mit Jadwiga gibt seinem Leben schliesslich eine etwas genauere Richtung.

Rätsel Julius

In „Julius“ geht es um das Hinaustreten ins Leben, um das Erwachsenwerden eines Jugendlichen. Doch statt Einblicke in die Seele eines Pubertierenden zu erhalten, lesen wir einen Text, der seltsam zwischen neutralem Bericht und mitfühlender Charakterstudie schwankt. Einerseits scheint der Erzähler angesichts seines seltsamen Studienobjekts ebenso irritiert wie der Leser, andererseits wirbt er mit zärtlichen Worten um Verständnis für den andersartigen jungen Mann. Nahe kommt man dem Titelhelden Julius nicht; und wenn, dann nur in flüchtigen Augenblicken des Verstehens und nur kurz bevor Julius wieder zum Rätsel wird. Mit grosser Distanz blickt der Erzähler auf diesen Knaben, beschreibt, wie er Freundschaft und erste Liebe erfährt, wie er seinen Platz im Leben sucht. Doch Julius’ Gänge durch eine namenlos bleibende, aber doch als Bern erkennbare Stadt bleiben durch die meist fehlende Innensicht, die Zeitsprünge, den raschen Szenenwechsel kaum nachvollziehbar. Diese Ferne zu ertragen, ist nicht immer leicht. Man wünschte sich oft, man würde einen Schlüssel in die Hand bekommen, das einem das Rätsel Julius zu lösen hilft.

Gesucht poetisch mit stillen Gesten

Andererseits entfaltet „Julius“ gerade durch diese schwebende Ferne einen besonderen Reiz. Wie könnte ein so sonderbarer Mensch, der schon als Kind stundenlang über sich selbst nachgedacht hat, überhaupt gefasst werden? Julius ist so, weil er eben Julius ist. Er fügt sich nur widerstrebend in die normale Alltagswelt. Er geht in ihr spazieren, ohne Teil zu haben oder Teil zu werden, er beobachtet und leidet auf seine ihm ganz eigene Weise.

Wer diese Unsicherheiten etragen kann, wer den trägen, etwas gesucht poetischen Schreibstil von Christian Zehnder zu schätzen weiss, wer keine pompösen Ereignisse braucht, sondern mit zarten, stillen Gesten ebensogut leben kann, wird diesen Roman, der sprachlich so träumerisch und unbestimmt gestaltet ist wie sein Titelheld, mit Genuss lesen.


Titel: Julius
Autor: Christian Zehnder
Verlag: dtv premium
Seiten: 120
Richtpreis: CHF 18.90

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