Elfriede Hammerl: “Kleingeldaffäre”

In der Psyche der Geliebten

Elfriede Hammerl: “Kleingeldaffäre” (Roman)

In „Kleingeldaffäre“ fasst Elfriede Hammerl am Beispiel der Liebesbeziehung ihrer namenlosen Ich-Erzählerin mit dem verheirateten G. den ewigen Widerspruch zwischen Liebe und Vernunft und die Verzweiflung am Älterwerden in Worte. Dass sie dies ganz unverkrampft, verspielt und scharfzüngig tut, macht ihren Roman zu einem grossen, niemals seichten Lesevergnügen.

Von Sandra Despont.

kleingeldaffaereDie Ich-Erzählerin ist „in einem Alter, in dem Frauen für gewöhnlich nicht mehr Geld kriegen, wenn sie mit einem Mann schlafen“. Doch sie tut das. G., ihr verheirateter Liebhaber, belohnt sie für ihre sexuellen Dienste, die sie im übrigen gern erbringt, nicht mit klug ausgedachten Geschenken, sondern steckt ihr Geld zu. Das Geld seiner Frau. Sie nimmt es ohne schlechtes Gewissen an und gibt es nebenher, achtlos aus. Erst als G. und sie sich trennen, merkt sie, wie viel ihr die Beziehung zu ihm bedeutet hat und bedauert, von dem Geld nicht ein spezielles Erinnerungsstück gekauft zu haben. Doch ehe sie sich’s versieht, meldet sich G. wieder und eine neue Runde im frohen Beziehungsspiel beginnt. Da tanzen Nähe und Distanz, Treue und Verrat, Liebe und Hass, Vertrauen und Eifersucht einen fröhlichen Reigen und amüsieren sich köstlich, während die Frau mit der verfahrenen Situation, mit ihrem unsensiblen Liebhaber und mit widersprüchlichen Gefühlen hadert, dabei aber immer weiss: Wenn G. auftaucht, verliert sie flugs ihren Kopf, gibt all ihre Grundsätze auf, wird zur begnadeten Selbstbetrügerin.

Entfesselte Gefühle eines nicht existierenden Selbst

Klug und klar reflektiert die Ich-Erzählerin ihre Beziehung zu G., sinniert über die Regeln des Begehrens und des Begehrtwerdens, die Mechanismen von Liebesbeziehungen, erklärt psychologisierend und rational, warum G. ausgerechnet mit ihr schläft, obwohl auch wesentlich jüngere Frauen nach ihm gieren, warum sie auf G. willentlich hineinfällt, obwohl sie durchaus auch andere Optionen hätte. Alle ihre Überlegungen zeugen von einem scharfen Verstand, der kaum durch sentimentale Gefühlsduselei getrübt scheint. Doch nach der Trennung von G. stossen Rationalität und plötzlich entfesselte Gefühlswelt aufeinander: Die Neurologen behaupten, es gebe kein beständiges Ich, was der Ich-Erzählerin plausibel vorkommt, und trotzdem leidet sie, fühlt Schmerz, den sie als eigentlich gar nicht existentes Selbst unmöglich empfinden kann. Wie können Gefühle und rationales Denken in Einklang gebracht werden? Warum lässt sie sich von G. so viel gefallen, warum lässt sie sich bewusst benutzen, glaubt seinen fadenscheinigen Lügen? Warum durchschaut sie alles, besteht aber trotzdem beharrlich auf romantischen Inszenierungen, inszeniert sich selbst als die reich beschenkte, unabhängige Geliebte, während sie auf ihre verheirateten Freundinnen neidisch ist?

Der kastrierte Mann

Was nach tiefsinnigen Gedanken und schwerer Lesearbeit klingt, ist in Wahrheit ganz leicht, denn die Ich-Erzählerin ist trotz Kummer über G. mit einem wachen Geist, Selbstironie und einer gehörigen Portion Stuten-Bissigkeit ausgestattet, die immer wieder zu wunderbaren Zuspitzungen führen. So stellt sie etwa Überlegungen darüber an, warum sie immer von G. schreibe, den Vornamen ihres Liebhabers abkürze. Rücksichtnahme könne es nicht sein, kommt sie zum Schluss, viel plausibler scheint ihr, dass sie den Mann so symbolisch kastriere. Und, wie sie sagt: „G. legt Wert darauf, ein sehr männlicher Mann zu sein, so einen zu kastrieren zahlt sich aus.“ – Doch eigentlich mag sie G. gerade wegen seiner Männlichkeit. Ein nüchterner Schattenparker ohne Sinn für Romantik und Leidenschaft, einer, der seinen Mann nicht steht, einer, der zwar als Projektion taugt, mit dem es sich gut telefonieren lässt, der aber als Anwesender enttäuscht, kommt ihr nicht ins Haus. Das Schwanken zwischen Anspruch und Wirklichkeit, das nüchterne Einschätzen der eigenen Möglichkeiten als älter werdende Frau und die Träume von einem, der G. ersetzen könnte, lässt Elfriede Hammerl ihre Ich-Erzählerin pointiert und mit komischen Bildern angereichert schildern. So macht sich die Frau etwa Sorgen, dass sie bei ihrer Flucht vor G. einem Raubtier im Zoo gleich bloss einer Beute am Schlepplift, einer blossen Simulation hinterherjagt, um beim Erhaschen dieser Beute erkennen zu müssen, dass diese längst tote Materie sei. Mit grosser Ehrlichkeit legt die Ich-Erzählerin ihre Schwächen bloss: Ihre hilflose Begierde nach G.s Aufmerksamkeit, ihre Sorge, mit dem Alter unattraktiv zu werden, ihre Unfähigkeit, Körperbehaarung, das Ergrauen der Haare und das Erschlaffen der Haut zuzulassen und, wie ihre Freundinnen sagen, „in Würde“ zu altern. Sie steht dazu, gefallen zu wollen, von der Billigung von Männern abzuhängen, von ihnen verführt werden zu wollen und ist damit so offensiv unemanzipiert, oberflächlich und jungendwahngläubig, dass es schon wieder sympathisch ist.

Experiment Edeltraud

Um ihren eigenen Marktwert zu testen, probiert sie schliesslich eine Online-Partnervermittlung aus. Aus Neugierde schafft sie aber nicht nur ein echtes Profil, sondern zudem die Klischeefrau Edeltraud, der sie eine Vorliebe für Rezepte und den Wunsch nach einem verwöhnungsbedürftigen Mann, der weder sexy Unterwäsche noch Porzellanelefanten als Hobby beanstandet, mitgibt. Diese Edeltraud ist „ein Hit“, denn offenbar gibt es zahlreiche Männer, die auf der Suche nach einer „intelligenzreduzierten Mutti“ wie Edeltraud sind. Für das echte Profil der Ich-Erzählerin hingegen kann sich kaum einer erwärmen, was ihr einmal mehr vor Augen führt, wie einfach gestrickt die Männerwelt doch ist. Trotzdem macht sie, um G. an sich zu binden, schon mal auf männermordendes Biest und lässt sich fröhlich und dankbar als Luder bezeichnen, da diese Bezeichnung ihren Marktwert bestätigt. Wunderbar wird durch die Ich-Erzählerin der Widerspruch zwischen dem Durchschauen von Oberflächlichkeit und der Machtlosigkeit vor den eigenen Gefühlen in einer Figur vereint. Sie zeigt, wie eine eigentlich selbstständige, durchaus im tätigen Leben verankerte Frau trotz allem in ihren romantischen Idealvorstellungen einer Zweierbeziehung verhangen bleibt, trotz ihrem Wissen um die Erbärmlichkeit der meisten Männer doch nur eins will: begehrenswert sein.

In „Kleingeldaffäre“ wird eine Liebesbeziehung in grossem Detail, mit viel Gespür für Pointen und jeder Menge Humor ausgelotet. Fern aller Klischees zerlegt Elfriede Hammerl hier mit ebensoviel Mitgefühl wie satirischem Überblick eine Liebesbeziehung in ihre Einzelteile. Die Mischung aus ernsthaften Überlegungen, klarsichtigen, entlarvenden, zuweilen bissigen Beobachtungen, leichter und doch präziser, wortgewaltiger Schreibe ist so ungewöhnlich wie begeisternd. Mit „Kleingeldaffäre“ ist Elfriede Hammerl ein äusserst vergnüglich zu lesendes, glaubhaftes Porträt einer Geliebten gelungen.


Titel: Kleingeldaffäre
Autorin: Elfriede Hammerl
Verlag: Deuticke
Seiten: 158
Richtpreis: CHF 26.90

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