“Hugo” von Martin Scorsese

Filmgeschichte als Kinderfilm

“Hugo” von Martin Scorsese

Hugo 1

Ein kleiner Waisenjunge, der im Uhrenturm eines Pariser Bahnhofs wohnt und für die Instandhaltung der mechanischen Bahnhofsuhren verantwortlich ist, rettet die Filme des französischen Kinopioniers George Méliès vor der Vergessenheit. Ein Kinderfilm über das fantastische Stummfilmkino des frühen 20. Jahrhunderts – kann das gut gehen? Obwohl mit Martin Scorsese ein mehr als fähiger Regisseur hinter dem Projekt steht, lautet die Antwort leider nein.

Von Lukas Hunziker.

Eine bessere Publicity als die Nominierung für nicht weniger als 11 Oscars hätte sich Martin Scorseses 3D-Märchen “Hugo” kaum wünschen können. Kein Wunder, sind die Erwartungen gross, vor allem, da der Film auch Scorseses erstes 3D-Werk ist und er versprach, die Technik innovativer zu nutzen als dies die vielen 3D-Blockbuster vor ihm getan hatten. Doch auch die Besetzung lässt Grosses erwarten: Ben Kingsley, Jude Law, Emily Mortimer, Sacha Baron Coen, Christopher Lee sowie die Jungstars Asa Butterfield und Cloë Grace Moretz geben sich in “Hugo” die Ehre, Johnny Depp ist einer der vier Produzenten. ‘Beste Regie’, ‘bester Film’ und ‘bestes Drehbuch’ kann “Hugo” gewinnen, auf den Regieoskar hat er sogar ziemlich gute Chancen. Doch was den Erfolg an der Kinokasse angeht, dürften die Nominierungen “Hugo” einen Bärendienst erweisen, denn die Erwartungen, welche die Nominierungsflut geschürt hat, kann er schlicht nicht erfüllen.

10 Minuten gutes 3D

Dabei macht der Film am Anfang noch alles richtig. Die ersten zehn Minuten von “Hugo” beweisen, dass 3D, richtig eingesetzt, tatsächlich ein Gewinn fürs Kino sein kann. Man kriecht als Zuschauer mit Hugo durch die Schächte der Zwischenräume eines Pariser Bahnhofs, sieht Züge auf sich zufahren, drängt sich mit dem jungen Hauptdarsteller durch die Menschenmasse in der Ankunftshalle. 3D wird für einige Minuten mehr als ein überbewertetes Stilmittel und sorgt für die Kinomagie, um die es im Film später geht. Doch schon früh geht diese Magie fast unbemerkt verloren. Was übrig bleibt, sind eher nervige 3D-Effekte wie z.B. Schneeflocken, sowie eine Story, die zwar immer wieder rührend umgesetzt, aber eben doch durch und durch absehbar ist.

© Ascot Elite
© Ascot Elite

Hugo wird durch den plötzlichen Tod seines Vaters aus einer wahren Vater-Sohn-Idylle gerissen. Als Sohn eines Uhrenmachers entdeckt er schon als kleiner Junge die Schönheit raffinierter mechanischer Spielzeuge und hilft seinem Vater, einen ganz besonders ausgefeilten Automaten zu reparieren: einen schreibenden Roboter, welchen der Vater auf dem Estrich eines Technikmuseums gefunden hat. Doch bevor das Kunstwerk aus Zahnrädern wieder funktioniert, stirbt der Vater beim Brand des Museums. Hugo zieht zu seinem einzigen Verwandten; einem Onkel, welcher die Uhren eines Bahnhofs wartet. Als auch der Onkel eines Tages nicht mehr nach Hause kommt, geht Hugo der Arbeit als Waise alleine nach – und versucht in seiner Freizeit, den geheimnisvollen Automaten fertig zu reparieren, um so das Werk seines Vaters zu vollenden.

Als Hugo von einem etwas verbitterten alten Spielzeughändler, der am Bahnhof einen kleinen Laden besitzt, beim Diebstahl einiger Zahnräder erwischt wird, die Hugo für seinen Automaten braucht, beginnt der Oliver-Twist-Teil der Geschichte: Hugo gewinnt langsam das Vertrauen des alten Mannes, der sich aus irgendeinem Grund für die Baupläne von Hugos Automaten zu interessieren scheint. Auch freundet der Junge sich mit der Patentochter des alten Mannes, Isabelle, an, welche ihn für die Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts zu begeistern versucht. Eine Bedrohung für Hugos neu gefundenes Lebensglück ist lediglich der Stationsvorsteher des Bahnhofs, der Jagd auf Waisen macht und diese ans Waisenhaus ausliefert – erneut lässt Dickens grüssen. Von da an scheint der restliche Verlauf des Films vorbestimmt, die einzige offene Frage ist, welches Geheimnis den alten Spielzeughändler George mit Hugos Automat verbindet.

Die Kinomagie des George Méliès

Und dieses Geheimnis ist eigentlich keines, denn es ist der Grund, warum “Hugo” überhaupt als Wettbewerbsfilm tauglich ist – oder es zumindest vorgibt zu sein. George ist niemand anderer als der gealterte französische Filmpionier George Méliès, der Erfinder des Special Effects und der erste grosse Visionär des fantastischen Kino. Wenige Jahre nach den ersten Filmen der Lumière Brüder in den 1890er Jahren drehte George Méliès bereits Science Fiction Filme, die er teilweise von Hand einfärbte und somit lange vor dem Tonfilm den Farbfilm erfand. Von den hunderten von Filmen, die Méliès zwischen 1896 und dem ersten Weltkrieg produzierte, überlebten allerdings nur wenige – warum, das erzählt “Hugo” in der zweiten Hälfte, in einem längeren filmhistorischen Exkurs, der aus dem Kinderfilm plötzlich eine Geschichtstunde werden lässt und aus Hugo und Isabelle vorpubertäre Filmhistoriker macht.

Nicht, dass das Wiederaufleben von George Méliès Kinomagie trocken oder langweilig wäre – die Stummfilme sind effektvoll in den Film eingebaut und höchst amüsant.  Nur lassen sie den Eindruck entstehen, dass die Handlung von “Hugo” kaum mehr als aufwendiges Verpackungsmaterial für einen Ausflug in die frühe Filmgeschichte ist. Wäre George Méliès keine historische Figur, sondern ein fiktiver Teil der Handlung von “Hugo”, würde man ob dem Film nur den Kopf schütteln und ihn als visuell pompöses, aber inhaltlich fades Disney’sches Weihnachtsmärchen abtun. “The Artist” lässt derzeit das Stummfilmkino wesentlich effektvoller aufleben als “Hugo”, und Oscar-Konkurrent “Midnight in Paris” ist eine wesentlich stilvollere Liebeserklärung an die 20er Jahre. “Hugo” ist nett – nett anzuschauen, nett gedacht, aber harmlos und schnell vergessen. Ein Film vor allem für das Kind im Filmhistoriker, oder für den Filmhistoriker im Kind.


Seit dem 9. Februar 2012 im Kino.

Originaltitel: Hugo (USA 2011)
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Jude Law, Chloe Moretz, Emily Mortimer, Sacha Baron Coen, Christopher Lee
Genre: Kinderfilm
Dauer: 127 Minuten
CH-Verleih: Ascot Elite

Im Netz
Trailer

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

Ein Gedanke zu „“Hugo” von Martin Scorsese

  • 22.02.2012 um 19:26
    Permalink

    Ein wirklich fantastischer Film über die Magie des Films. Man sieht auf jeden fall wieviel Herzblut Scorcese in diesen Film gesteckt hat. Scorcese zieht vor seinen Vorgängern den Hut, vor allem in diesem Falle Georges Méliès.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.