Val McDermid: “Alle Rache will Ewigkeit”

Lesefutter für Anspruchslose

Val McDermid: “Alle Rache will Ewigkeit” (Kriminalroman)

Jede Menge sexuell aktive, sich gern und schnell verliebende Lesben, viele sehr grosse Zufälle, die fast an einen Strippenzieher namens Gott glauben lassen, ein Haufen Thriller-Klischees – Wer damit leben kann, wird „Alle Rache will Ewigkeit“ in einem Haps verschlingen.

Von Sandra Despont.

allerachewillewigkeitProfilerin Charlie Flint befindet sich an einem Tiefpunkt ihrer Karriere. Sie ist persona non grata, seit dank ihrem psychologischen Gutachten ein Mann freigesprochen wurde, der daraufhin fröhlich vier Frauen ermordete. Dass der Mörder im betreffenden Fall tatsächlich unschuldig war und Charlie eindringlich vor seiner Gefährlichkeit warnte, interessiert keinen. Da bekommt Charlie eine Chance, sich von ihrem Elend abzulenken und ihren Ruf wiederherzustellen. Jemand sendet ihr anonym einige Zeitungsartikel zu, die über die Ermordung eines gewissen Philip Carling am Tag seiner Hochzeit berichten. Die Braut dieses Philip Carling ist für Charlie keine Unbekannte…

Reise in die Vergangenheit

Schnell ist für Charlie klar, wer ihr die Artikel geschickt hat: Dr. Corinna Newsam, Philosophiedozentin am St. Scholastika College, Mutter von Magda, der Braut Philips. In diese Corinna war Charlie als Studentin schrecklich verliebt, durch diese Corinna wurde sie gefördert, für diese Corinna hatte Charlie Kinderhütedienst gespielt. Charlie reist also nach Oxford, und damit in ihre Vergangenheit als Studentin, und trifft sich mit Corinna. Diese behauptet, die Geschäftspartner Philips, die für den Mord an Magdas Mann verurteilt wurden, seien unschuldig. Die wahre Mörderin sei Jay Macallan Stewart, ebenfalls eine ihrer ehemaligen Studentinnen – und diese habe nicht zum ersten Mal gemordet.

Verwicklungen

Soweit so gut. Natürlich gibt es, wie das bei einem fast 600-seitigen Wälzer auch angezeigt ist, noch jede Menge weitere Verwicklungen: Dass diese Jay nun die Freundin Magdas ist, die just an ihrem Hochzeitstag herausgefunden hat, dass sie zum anderen Ufer gehört, dass Charlie gerade dabei ist, sich von ihrer langjährigen Partnerin in erotischen Angelegenheiten abzuwenden und sich haltlos in eine gewisse Lisa Kent zu verlieben, dass Jay daran ist, eine Fortsetzung ihrer Autobiographie zu schreiben und dabei sorgsam abwägt, welche Teile der Wahrheit besser verschwiegen werden sollten, sind nur einige wenige. Der rote Faden bei alledem sind Charlies Ermittlungen Jay betreffend. Tatsächlich pflastern Leichen den Weg dieser aufstrebenden Businesswoman. Personen, die Jay bei ihren Unternehmungen in den Weg kommen, scheinen eine Neigung haben, praktischerweise tödliche Unfälle zu erleiden. Doch hat Jay diese Menschen wirklich umgebracht oder sieht Corinna aus Sorge um ihre Tochter bloss Gespenster?

Zufälle – und noch mehr Zufälle

Richtig. Dies ist keine besonders unkonventionelle Ausgangslage für einen Psychothriller – trotzdem will man natürlich wissen, was denn nun hinter den vielen Toden steckt und liest sich schwuppdiwupp bis zum Schluss durch. Ganz leicht macht einem Val McDermid das allerdings nicht. Schon auf den ersten Seiten beginnen die Unwahrscheinlichkeiten: So viele Lesben (und entsprechende Sexszenen) auf wenigen Seiten könnte man sich ja noch damit wegerklären, dass die Frauen nunmal den Hang haben, sich zu finden, ganz nach dem Motto „gleich und gleich gesellt sich gern“. Doch Val McDermid strapaziert den Glauben an eigentlich unglaubliche Zufälle weiter, indem sie der katholischen Corinna neben mindestens zwei lesbischen Kindermädchen auch noch eine lesbische Tochter beschert, die sich zudem ausgerechnet an ihrem Hochzeitsabend Hals über Kopf in ausgerechnet eines dieser ehemaligen Kindermädchen verliebt. Zufälligerweise ist das andere Kindermädchen die Profilerin. Und der Zufall will es auch, dass diese Profilerin ausgerechnet in die Frau verliebt ist, die eben auch zur selben Zeit wie Kindermädchen Nummer eins am St. Scholastika studiert hat, und natürlich spielt auch sie eine bestimmte Rolle für die Ermittlungen Charlies. Wie Charlie bei so vielen Zufällen noch leicht verächtlich auf die religiösen Neigungen Corinnas blicken kann, ist das eigentlich Rätselhafte an diesem Roman.

Gut geplant, wenig innovativ

Gut: Alles hängt miteinander zusammen, nichts ist Zufall, der Plot McDermids ist bis ins Letzte duchstrukturiert. Das könnte auch für die Autorin sprechen. Dass man bis zum Schluss gespannt liest, „Alle Rache will Ewigkeit“ (der Titel, ein weiteres ungelöstes Rätsel) kaum aus der Hand legen kann, ebenfalls. Doch die Auflösung enttäuscht, gerade auch, weil sie, wie schon grosse Teile des Plots, wenig innovativ ist. Sie hat alles, was man erwartet: Da gibt es die Entdeckung des entscheidenden Hinweises, die Dummheit der Ermittelnden, alleine den letzten und entschieden gefährlichsten Schritt zu tun, den Aha-Effekt, die lange Erklärung, warum, wie, wieso, bevor der Ermittelnden den Garaus gemacht werden soll, die Rettung in letzter Sekunde. Das wäre ok, wenn nicht auch hier wieder einige Unwahrscheinlichkeiten den Glauben an diese fiktive Welt aufs Äusserste strapazieren würden.

So bleiben am Schluss ein arg konventioneller Plot, geschmückt mit lesbischen Liebesszenen, deren Niveau nicht weit über denjenigen in Groschenromanen liegt, und eine unglaubliche Dichte an unglaublichen Zufällen. Kurz: Es bleibt trotz Spannung ein schaler Nachgeschmack und das Gefühl, soeben keinen besonders gut geratenen Kriminalroman gelesen zu haben. „Alle Rache will Ewigkeit“ ist Lesefutter für Anspruchslose.


Titel: Alle Rache will Ewigkeit
Autorin: Val McDermid
Übersetzerin: Doris Styron
Verlag: Knaur
Seiten: 567
Richtpreis: CHF 15.90

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