lehrundmehr in Basel unterstützt beeinträchtigte Menschen beim Eintritt in die Arbeitswelt.

Enthinderung statt Behinderung beim Berufseinstieg

lehrundmehr in Basel unterstützt beeinträchtigte Menschen beim Eintritt in die Arbeitswelt.

Christine Hunziker heisst leistungsbeeinträchtigte Menschen Willkommen: ihr Unternehmen lehrundmehr will sie dem allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln
Christine Hunziker heisst leistungsbeeinträchtigte Menschen Willkommen: Ihnen will ihr Unternehmen lehrundmehr eine Stelle im allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln

Am 1. Januar 2012 ist die 6. IV-Revision in Kraft getreten. Ihr Ziel ist, dass mehr leistungsbeeinträchtigte Menschen in den Arbeitsmarkt eingegliedert werden. Dass diese Integration weder für die betroffenen Berufsleute, noch für die Betriebe einfach ist, hat die ehemalige Wirtschaftsfrau und heutige Sozialpädagogin Christine Hunziker schon früh erkannt. Mit ihrem Unternehmen lehrundmehr in Basel unterstützt sie leistungsbeeinträchtigte Menschen beim Sprung in den allgemeinen Arbeitsmarkt.

Von Ruth Freiermuth

Schon seit über einem Jahr ist Sabrina* auf der Suche nach einer Lehrstelle. Wofür sie sich auch bewirbt, sie erhält nur Absagen. Dabei hatte sie so sehr auf eine Lehrstelle als Kaufmännische Angestellte gehofft. Damit ihr Traum doch noch Wirklichkeit wird, geht sie seit Kurzem einmal pro Woche zu lehrundmehr in Basel. Zusammen mit der Sozialpädagogin Christine Hunziker arbeitet sie an ihren Kompetenzen zum Erlangen einer Lehrstelle.

Sabrina lernt, wie eine saubere Bewerbung aussehen muss, worauf es beim Vorstellungsgespräch ankommt und welche Berufsfelder für sie überhaupt in Frage kommen. Dass Sabrina von dieser persönlichen Unterstützung Gebrauch machen kann, hat mit ihrer Lernbehinderung zu tun. Die IV hat sie an lehrundmehr vermittelt mit dem Ziel, dass sie mit Hilfe der Beraterinnen Christine Hunziker und Tanja Rüdisühli trotz ihrer Lernbehinderung einen Ausbildungsplatz findet.

Im allgemeinen Arbeitsmarkt trotz Beeinträchtigung
Christine Hunziker und Tanja Rüdisühli beraten und begleiten seit August 2011 hauptsächlich Jugendliche, welche wie Sabrina auf dem Weg in eine Ausbildung im Rahmen von „Supported Education“ sind. „Supported Education“ heisst so viel wie „begleitete Ausbildung“. Das Konzept unterstützt Menschen mit Beeinträchtigungen, einen Ausbildungsplatz im allgemeinen Arbeitsmarkt zu erlangen und zu behalten.
Unter den KlientInnen sind aber auch Erwachsene, welche sich in der Beratung auf den (Wieder-)Einstieg in die Arbeitswelt vorbereiten. Gemein ist Jugendlichen und Erwachsenen, dass sie eine Leistungsbeeinträchtigung haben, wie zum Beispiel eine Lernbehinderung oder eine psychische Beeinträchtigung. Und sie teilen das Ziel, den Sprung in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Die 6. IV-Revision, die vor Kurzem in Kraft getreten ist, sieht vor, dass möglichst viele beeinträchtigte Menschen eine Stelle im allgemeinen Arbeitsmarkt finden. Auf diese Weise sollen Renten eingespart werden.

Für beeinträchtigte Berufsleute ist es wegen den hohen Anforderungen der Arbeitswelt nicht einfach, an einen Job im allgemeinen Arbeitsmarkt zu gelangen. Dies hat Christine Hunziker schon früh erkannt und sich darum für den Aufbau ihres eigenen Unternehmens entschieden. „Eine Arbeitsstelle ist die Eintrittskarte in unsere Gesellschaft. Sie ermöglicht soziales Eingebunden-Sein“, begründet sie ihre Motivation für die Gründung von lehrundmehr.

Fit werden für den Arbeitsmarkt
Die Beratung bei lehrundmehr ist vielfältig. Die angehenden Berufsleute lernen mit Krisen am Arbeitsplatz umzugehen und bauen ihre sozialen Kompetenzen aus. Christine Hunziker ist es ein Anliegen, dass ihre KlientInnen Stärken, Talente und Vorlieben entdecken. Sie hilft ihnen, ihre Visionen für die Zukunft zu klären und Optionen für das passende Berufsfeld zu entwickeln. Die Jugendlichen und Erwachsenen sollen ihr Zutrauen in sich selbst und in die Zukunft verbessern. Viele kommen mit grundlegenden Existenzängsten in die Beratung. Oftmals wissen sie zwar, wo sie hin möchten, meinen aber auf Grund früherer negativer Erfahrungen, dass sie ihr Ziel nicht erreichen können. Christine Hunziker  will sie fit machen für die Anforderungen in der Arbeitswelt, damit sie später bestehen können, denn: „Einen Job zu finden ist eine grosse Kunst und ihn dann zu behalten, eine noch viel grössere“, ist Christine Hunziker überzeugt.

„Die Wirtschaft muss auf den Zug aufspringen“
Supported Education bietet den Vorteil, dass die beeinträchtigten Berufsleute anstatt im geschützten Rahmen wie zum Beispiel in einer sozialen Institution, direkt im Arbeitsmarkt eine Ausbildung absolvieren können. Da sie so die Bedingungen der Wirtschaft kennen lernen, ist der Übergang von der Lehre zur ersten Festanstellung weniger prekär. Die Chance auf eine unmittelbare Anstellung erhöht sich und die erworbenen Qualifikationen können ohne Unterbruch weiter getragen werden.

Damit die Ausbildung in den Betrieben optimal verläuft, interveniert Christine Hunziker auch bei Krisen am Arbeitsplatz. Dabei ist sie nicht nur Ansprechpartnerin für die Jugendlichen und Erwachsenen, sondern auch für die Betriebe. Sie will ein Bindeglied zwischen den angehenden Berufsleuten und den Unternehmen sein und ein Ohr für alle Beteiligten zu haben. Es ist ihr wichtig, die Unternehmen bei der Zusammenarbeit mit beeinträchtigten Berufsleuten zu unterstützen, denn: „Oftmals haben Arbeitgeber Angst, mit Problemen alleine gelassen zu werden“, erzählt die Sozialpädagogin. Ohne das Mitwirken dieser Unternehmen funktioniere die Eingliederung von leistungsbeeinträchtigten Berufsleuten aber nicht. „Darum braucht es beides: Wir von der Sozialen Arbeit, die beraten und begleiten – und die Wirtschaft, die auf den Zug aufspringt und Arbeitsplätze bereit stellt.“

* Fall frei konstruiert


Supported Employment / Supported Education
Supported Employment unterstützt Menschen mit Beeinträchtigungen beim Erlangen und Erhalten einer Arbeit im ersten Arbeitsmarkt. Die Arbeitsuchenden werden mithilfe eines Job Coachs an einen geeigneten Arbeitsplatz in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert und mit Beratung und Training begleitet. Im Rahmen der Supported Education bilden Ausbildungsbetriebe aus dem ersten Arbeitsmarkt beeinträchtigte Lernende aus. Der Job Coach unterstützt die Lehrbetriebe und die Lernenden durch Coaching, Förderkurse, Krisenintervention und Beratung. (www.supportedemployment.ch)

Im Netz
lehrundmehr
Rehawin Bergamaschi – Die Fachstelle für Supported Employment, Ergotherapie, Prävention:
Das Berner Job Coach Projekt
European Union of Supported Employment

Literatur zum Thema
Rüst, Thomas; Debrunner, Annelies: Supported Employment – Modelle unterstützter Beschäftigung bei psychischer Beeinträchtigung. Rüegger Verlag, Zürich, Chur, 2005.

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