“The Iron Lady” von Phyllida Lloyd

Die wandelnde Perlenkette

“The Iron Lady” von Phyllida Lloyd

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Meryl Streep-Fans und allen, welche der über 80-jährigen, an Demenz, Halluzinationen und Flashbacks leidenden Margaret Thatcher beim Wandeln durch ihre Altersresidenz zuschauen möchten, sei „The Iron Lady“ empfohlen. Wer eine differenzierte Betrachtung der Höhen und Tiefen in der politischen Karriere der ersten Premierministerin Grossbritanniens erwartet, wird definitiv im falschen Film sitzen.

Von Christoph Aebi.

In einen grau-beigen Mantel und ein passendes Kopftuch gehüllt, sehen wir ein altes Mütterchen, wie es im Quartierladen Milch kauft. Zuhause angekommen, ereifert es sich, mit seinem Mann am Frühstückstisch sitzend, dass der Milchpreis schon wieder gestiegen sei. Erst jetzt fällt auf: das Mütterchen ist nicht irgendwer. Des Mantels und Kopftuches entledigt, adrett frisiert und mit der charakteristischen Perlenkette, sitzt Margaret Thatcher (unter der dicken Maske kaum zu erkennen: die grossartige Meryl Streep), die erste Premierministerin Grossbritanniens, am Tisch und spricht mit ihrem Mann Dennis – der schon seit einem halben Jahrzehnt tot ist.

Heiratsantrag bei Fish and Chips

Kein konventionelles Biopic zu drehen, dies war das Credo der Regisseurin Phyllida Lloyd – verantwortlich für die Abba-Musical-Inszenierung „Mamma Mia“ und das dazugehörende, so bonbonbunte wie handlungsarme Feel-Good-Movie – und der Drehbuchautorin Abi Morgan. Dagegen gibt es an und für sich nichts einzuwenden. So ist der Film denn aus der Perspektive der über achtzigjährigen Margaret Thatcher gedreht, die seit einer Serie kleinerer Schlaganfälle im Jahre 2002 nur noch selten öffentlich auftritt und in den letzten Jahren zudem an Altersdemenz litt. Im Film erscheint ihr verstorbener Mann Dennis, als sei er noch am Leben, immer wieder. Gelegenheit für den englischen Starschauspieler Jim Broadbent, der Dennis verkörpert, den Film mit komödiantischen Momenten aufzulockern. Die Krux ist nur: über Thatchers Leben seit ihrem Rückzug aus der Öffentlichkeit gibt es nur wenige Informationen und so sind denn die Szenen, in denen Thatcher durch ihre Residenz am Chester Square in London wandelt, einzig der Fantasie der Drehbuchautorin entsprungen. Kein Problem eigentlich, wären diese Passagen weniger langatmig und würden nicht fast die Hälfte des Films ausmachen.

Gegenstände, die Margaret beim Durchstreifen der Wohnung findet, sowie Geräusche, die von draussen in die Stille ihrer Altersresidenz dringen, lösen bei ihr Erinnerungen aus. Der Klang einer Sirene führt sie gedanklich in ihre Jugendzeit während des Zweiten Weltkrieges zurück. Damals erwachte bei der jungen Margaret Roberts, Tochter eines Gemischtwarenhändlers (verkörpert von der walisischen Schauspielerin Alexandra Roach, die für die Rolle eines naiven Blondchens in einer x-beliebigen Teenie-Komödie wohl besser geeignet wäre), das Interesse an der Politik, als sie ihren Vater, ein leidenschaftlicher Konservativer, an einer Versammlung reden hörte. Nach einem Chemiestudium in Oxford, steht die 24-jährige Margaret in Dartford als Kandidatin der Konservativen für einen Platz im Parlament zur Wahl – und verliert. Ihr Freund Dennis, damals bereits ein erfolgreicher Geschäftsmann, macht ihr daraufhin bei Fish and Chips einen Heiratsantrag. 1959 schliesslich, das Anwältinnen-Patent in der Tasche (wie so vieles bleibt auch dies im Film unerwähnt) und Mutter der Zwillinge Carol und Mark, zieht sie für die Konservativen ins britische Unterhaus ein.

Monster statt Mutter

Hier gelingen der Regisseurin für einmal einige erinnerungswürdige Bilder, wenn man in einem Meer aus blankpolierten schwarzen Herrenschuhen plötzlich ein einziges Paar Stöckelschuhe erblickt und Thatcher – in ein blaues Deux-pièces und einen passenden Hut gehüllt – wenigstens optisch etwas Farbe in die Politik zu bringen scheint. Als der Film nach 35 teils quälend langen Minuten eine Dekade überspringt und Thatcher, zu diesem Zeitpunkt bereits Staatssekretärin für Bildung und Wissenschaft, debattierend im Unterhaus zeigt, kann Meryl Streep endlich ihr ganzes schauspielerisches Talent präsentieren. Ob Margaret Thatcher, 1975 zur Führerin der Konservativen Partei gewählt, den regierenden Labour-Abgeordneten im Unterhaus rhetorisch Paroli bietet, oder im Mai 1979, nach der Wahl zur ersten Premierministerin in der Geschichte Grossbritanniens ein Gebet des heiligen Franz von Assisi ( „Dass ich Eintracht bringe, wo Zwietracht ist.“) in die Fernsehkameras flötet: Meryl Streep spielt die Rolle der Margaret Thatcher nicht, sie IST Margaret Thatcher. Da stimmen nicht nur Frisur und Kostüm, sondern ebenfalls Mimik, Akzent, Stimmlage, schlicht alles. Eine schauspielerische Tour de Force, welche Streep zu Recht sowohl den achten Golden Globe als auch den dritten Oscar einbrachte. Streep überstrahlt im Film alle und alles und ist der einzige ernsthafte Grund, sich „The Iron Lady“ überhaupt anzusehen.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Wie gesagt, sollte der Film nicht nur kein konventionelles Biopic sein, es sollte laut der Regisseurin Phyllida Lloyd auch kein politischer Film werden. Wie bitte? Ein unpolitischer Film über eine der prägendsten und kontroversesten politischen Figuren der europäischen Nachkriegszeit? Ein Widerspruch, den Regisseurin und Drehbuchautorin mit dem Resultat nicht ausmerzen konnten. Das unpolitische, unkonventionelle Biopic sieht gemäss den beiden Damen demnach so aus, dass selektiv ausgewählte Stationen der elfeinhalb Jahre währenden Amtszeit Thatchers als Premierministerin ganz aus der Sicht der eisernen Lady dargestellt werden. So kommentiert Thatcher das rigorose Sparpaket, welches sie dem Land während einer der grössten Rezessionen Anfang der Achtzigerjahre verordnete, mit den Worten: „Ja, die Medizin ist hart, aber der Patient benötigt sie, um zu überleben.“ Die Proteste auf den Strassen werden auf ein paar Demonstranten reduziert, die Schilder mit Aufschriften wie „Du bist keine Mutter, du bist ein Monster“ hochhalten dürfen. Der Minenarbeiter-Streik, dem sich 1984 zwei Drittel der Arbeiter anschlossen, um gegen die geplante Schliessung von 20 Minen und den Abbau von 20’000 Jobs zu demonstrieren, wird nur am Rande erwähnt. Müssig anzumerken, dass im Film die Privatisierung der Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung und die Deregulierung des Finanzplatzes in London während der Regierungszeit Thatchers keine Erwähnung finden.

Auch die Tatsache, dass es Thatcher gelang, die Macht der Gewerkschaften in Grossbritannien für eine ganze Generation zu zerstören, sie freundliche Beziehungen zum chilenischen Diktator Pinochet pflegte, die Sanktionen gegen das Apartheid-Afrika nicht unterstützte, dafür den ANC als „typische Terroristenorganisation“ bezeichnete, werden im Film wohlweislich ausgeblendet. Dafür räumt der Film dem Falkland-Krieg mehr Zeit ein und Margaret Thatcher darf sich hartnäckig gegen eine diplomatische Lösung des Konflikts stellen und sich schliesslich als Premierministerin der siegreichen Nation ausgiebig feiern lassen. In ihren letzten Amtsjahren wird Thatchers Regierungsstil zunehmend autokratischer, bis sich noch ihre treuesten Weggefährten von ihr abwenden und sie 1990 aufgrund fehlender Unterstützung in der eigenen Partei abdanken muss. Thatcher sieht sich als die tragische Heldin (dies ist wohl auch die Meinung der Filmemacherinnen) und verlässt die Downing Street in einem roten Kleid, im Film akustisch unterlegt mit den Klängen von Bellini’s Casta Diva, gesungen von Maria Callas.

Dennis, der Pausenclown

Ob man Thatchers politische Ansichten nun teilen mochte oder nicht, unbestritten ist, dass sie sich als Frau aus der unteren Mittelschicht in der damals von Männern aus der Upper Class dominierten Politik enormem Widerstand ausgesetzt sah. Da halfen Thatcher nur ihr absoluter Glaube an sich selbst, ihre Intelligenz und rhetorische Kompetenz, um sich durchzusetzen. Auch dies wird im Film jedoch nur marginal erwähnt, ebenso wie die Schwierigkeiten, die mit der Dreifachbelastung als Politikerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder verbunden waren. Ihr Mann Dennis ist, dem Film nach zu urteilen, eine Art Pausenclown und immer zu Spässen aufgelegt. Tochter Carol (Journalistin und Autorin, die nach einer rassistischen Bemerkung über den französischen Tennisspieler Jo-Wilfried Tsonga von der BBC suspendiert wurde – das erwähnt der Film natürlich nicht) kümmert sich liebevoll um ihre Mutter. Sohn Mark meldet sich telefonisch aus Südafrika ( wo er aufgrund logistischer Hilfe und Finanzierung bei einem geplanten Coup in Äquatorialguinea zu einer viermonatigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde – auch dies bleibt, wie könnte es anders sein, im Film unerwähnt). Kaum ein Wort verliert der Film darüber, dass ein Zusammenleben mit der Egomanin Thatcher wohl nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen war.

Was bleibt also nach 104 Minuten dieses „unkonventionellen, unpolitischen“ Biopics? Nicht viel mehr als Meryl Streep in einer – abermaligen und mit Golden Globe und Oscar dafür ausgezeichneten – Paraderolle und die Erkenntnis, dass mit einem in allen Belangen etwas konventionelleren (und kritischeren) Biopic, welches auf die Regierungszeit Thatchers fokussiert hätte, um dafür etwas mehr in die Tiefe gehen zu können, Regisseurin Phyllida Lloyd und Drehbuchautorin Abi Morgan der komplexen Persönlichkeit Margaret Thatchers, ihrem Umfeld und den Auswirkungen ihrer Politik eher gerecht geworden wären.


Seit dem 1. März 2012 im Kino.

Originaltitel: The Iron Lady (Grossbritannien 2011)            
Regie: Phyllida Lloyd
Darsteller: Meryl Streep, Jim Broadbent, Alexandra Roach, Harry Lloyd, Olivia Coleman
Genre: Biographie, Drama
Dauer: 104 Minuten
CH-Verleih: Pathé Films AG

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Ein Gedanke zu „“The Iron Lady” von Phyllida Lloyd

  • 12.03.2012 um 19:48
    Permalink

    Die echte Thatcher kam härter rüber. Ein Film mit mehr politischem Hintergrund wäre sicher interessanter gewesen anbetracht der Persönlichkeit um die es geht.

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