Milena Moser: “Montagsmenschen”

Fehlkonstruktionen?

Milena Moser: „Montagsmenschen“ (Roman)

Den Ansprüchen anderer zu genügen, ist nicht genug, denn glücklich macht es nicht. Milena Moser schenkt uns vier Figuren, die mitten im Leben stehen, mit ihm hadern, mit vollem Einsatz kämpfen und den Leser in ihr Leben hineinziehen.

Von Noemi Jenni.

Moser_00496_MR1.inddPoppy ist Archivarin bei einer Lokalzeitung. Sie kämpft täglich um ein bisschen Beachtung auf ihrem überflüssigen Posten, indem sie ihre virtuellen Profile auf Facebook und Twitter bearbeitet. Zappelig, ungeschickt und sehr emotional, träumt sie von einer neuen Zukunft, die jederzeit beginnen könnte. Marie ist Ärztin und mit einem berühmten Schauspieler verheiratet, also die glücklichste Frau der Welt – auf dem Papier, denn in Wirklichkeit hat sich die rosa Wolke schon lange verdunkelt. Ted ist Primarlehrer, ein Mann unter Frauen – überall. Von einem Tag auf den anderen bekommt er die langersehnte Familie. Seine Exfrau verreist und überlässt ihm die gemeinsame Tochter. Sein Glück bleibt erst mal zerbrechlich. Und dann wäre da noch Nevada. Sie ist Yogalehrerin mit Geist und Seele, doch plötzlich macht ihr Körper die täglichen Strapazen nicht mehr mit. Sie ist krank – das ist neu für sie.

Alle vier stehen mitten im Leben, vor grossen Veränderungen und alltäglichen Herausforderungen durch Exfreunde, Krankheiten und ihre Familie. Mit dem Verlauf der Geschichte bekommt der Leser Einblicke in die Vergangenheiten dieser vier Personen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch alle auf ihre Weise die Suche nach Identität und Liebe beschreiben. Diese Suche hat sie alle zum Yoga geführt, das ihnen Halt und Struktur in schwierigen Situationen bietet. Yoga heilt zwar nicht die Wunden, hilft aber, damit umzugehen.

Beschädigte Ware und Montagsprodukte

Poppy, Maria, Ted und Nevada sind von einer alltäglichen Normalität – sie haben Macken, Ticks und Träume. Realistisch und nahe am Menschen öffnet Milena Moser Schicksale und lässt uns in die Menschen schauen, ihre Motive und Gedanken erforschen und sie lieb bekommen. Schicht um Schicht trägt sie ab und lässt uns immer tiefer die Menschen und ihre innersten Bedürfnisse erkennen. Alle vier könnten unsere Nachbarn sein, denn unverblümt und schnörkellos sind sie beschrieben. Keiner entkommt seiner prägenden Vergangenheit; und muss doch einen Weg finden, damit umzugehen. Die Figuren erleben Höhen und Tiefen in der Jugend und im Arbeitsalltag, die auch die unseren sein könnten.

Anfangs braucht es eine Weile, bis der Leser ins Leben der Figuren findet. Dort angekommen, möchte man aber gar nicht mehr auftauchen, denn liebgewonnene Freunde legt man nicht einfach wieder weg.

Was die Figuren zusammenhält und ihre Geschichten miteinander verbindet, diese zähflüssige, kaugummiartige Masse, ist das Yoga. Ein bisschen Werbung für diese Körperzähmung bringt Milena Moser schon mit ein. Fundierte Recherchen, fachliche Kenntnis von Yoga und glaubwürdige Beschreibungen geben der Geschichte eine solide Basis.

Das Schweizer Zuhause

Der Roman spielt in einer typischen Schweizer Umgebung mit Schweizer Kleingeistern, zwischen Klatschbasen und Kontrollfreaks. In diesem Umfeld müssen alle vier Figuren ihr eigenes Leben finden, so wie es für sie stimmt, ohne in Formen gepresst zu werden und ohne Erwartungen genügen zu müssen. Milena Moser ruft dazu auf, dass das Leben Spass machen und sich richtig anfühlen sollte, egal was wir tun. Ein Buch, das den Leser mit Hoffnung zurücklässt – der Hoffnung nach einem sinnvollen Leben. Jeder hat einen Anspruch darauf, dieses Leben zu suchen und sich immer wieder neu zu erfinden.

Milena Moser greift gesellschaftliche Probleme aus der aktuellen Debatte auf, sei es der Hausärztemangel, die fehlenden männlichen Primarlehrer oder das Verschreiben von Ritalin. Sie verwebt die Themen geschickt und schafft so ein wertvolles Zeitdokument, das mit Spannung, Romantik und Humor prima unterhält.


Titel: Montagsmenschen
Autorin: Milena Moser
Verlag: Nagel & Kimche
Seiten: 395
Richtpreis:  CHF 27.90

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