“George Harrison” von Martin Scorsese

Held im Erdbeerfeld

“George Harrison” von Martin Scorsese

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Zu Lebzeiten ging der “stille Beatle” stets ein wenig unter im Trubel um seine Mitmusikanten John Lennon und Paul McCartney. Martin Scorsese hat dem 2001 verstorbenen George Harrison eine respektvolle, aufschlussreiche Dokumentation gewidmet, die das Bild des jüngsten Pilzkopfes ein wenig schärfer zeichnet.

Von Annika Janssen.

George Harrison, Leadgitarrist und jüngstes Mitglied der “Fab Four”, ging lange Zeit ein wenig unter neben dem Songwriting-Duo John Lennon und Paul McCartney. Erst in der Spätphase der Beatles, als zwischen Lennon und McCartney nicht mehr alles stimmte und sich die vier Bandmitglieder auch in andere Richtungen umtaten, wurde seinen Kompositionen mehr Beachtung geschenkt. Von Harrison stammen Hits wie “Here Comes The Sun” oder “While My Guitar Gently Weeps”. Vor und nach der Auflösung der Beatles beschäftigte Harrison sich ausgiebig sowohl mit bewusstseinserweiternden Drogen als auch der indischen Philosophie und Kultur; er gilt als ein Wegbereiter der Weltmusik, da er Instrumente wie die Sitar in die Popkultur einführte und stets auf der Suche nach neuen Sound-Erlebnissen war.

In seiner Dokumentation “Living in the Material World” begleitet Regisseur Martin Scorsese, der vor seiner Zeit als Hollywood-Grösse als Kameramann unter anderem in Woodstock 1969 dabei war, das Leben und Schaffen des “stillen Beatle”. Über die frühe Zeit der Beatles als Nobodies im Star Club Hamburg geht es weiter zur Beatlemania bis hin zur hippiesken, LSD-bunten Spätphase der Band. Fokussiert wird dabei stets Harrison, dessen Tun und Persönlichkeit anhand von Fotos, seltenem Archivmaterial und vielen Interviews mit Familienangehörigen und Freunden (Es treten unter anderem in Erscheinung: Sohn Dani Harrison, Ex-Bandkollege Ringo Starr, Eric Clapton und Yoko Ono). Dabei werden ebenso Anekdoten geschildert wie auch bereits bekannte Informationen weiter ausgeführt oder deren Hintergründe beleuchtet. Die Fotografin Astrid Kirchherr etwa beschreibt den 18jährigen Harrison als einfühlsamen, in jungen Jahren schon recht lebensklugen Menschen. Auf den Spuren von George Harrison lässt Scorsese einen visuellen Ausflug in die 60er/70er Jahre und darüber hinaus entstehen, unterlegt mit, klar, Beatles- und vor allem Harrison-Songs.

Eine grosse Hommage

Musik-Dokumentationen, die sich Bands, Musikern und deren vergangenem oder gegenwärtigen Schaffen widmen, gibt es wie Sand am Meer. Das Ergebnis ist nicht immer optimal, wird der Zuschauer doch häufig mit ausgelutschten und bereits tausendfach gesehenen Bildern und allseits bekannten Informationen abgespeist. Die Doku macht sich dann gut im Fan-Regal, bietet aber wenig Stoff für neue “Aha!”-Erlebnisse zu dem Objekt, dem sie sich widmet.

Martin Scorsese weiss jedoch, was er tut, wenn er Musikerleben auf Zelluloid bannt – mit unter anderem “Shine a Light” (über die Rolling Stones), “The Last Waltz” (über The Band) oder “Elvis on Tour” (selbsterklärend) hat er bereits mehrfach sehenswerte und teilweise preisgekrönte Dokumentationen über die Arbeit von Musikern vor und hinter dem Bühnenvorhang abgeliefert. “Living in the Material World” ist da keine Ausnahme; hier gibt es tatsächlich noch nie zuvor veröffentlichte Fotos und Filmaufnahmen zu sehen und Informationen zu hören – preisgegeben von Menschen, die es wissen müssen, da sie George Harrison nahestanden und sich über weite Strecken seines Lebens in seiner Nähe aufgehalten haben.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Der Film zeichnet anschaulich und mit abwechslungsreichen Mitteln ein Bild des jüngsten Beatle, das Bekanntes bestätigt und dennoch Neues zutage fördert – so zum Beispiel, dass der gute George ein “Vollblutmann” (Eric Clapton) war, der das Leben gern mit dem grossen Löffel genoss, aber eben auch, dass der Mystizismus und die Beschäftigung mit indischen Riten grossen Einfluss auf das künstlerische Schaffen und die Persönlichkeit von Harrison ausübten.

Sowohl Regisseur als auch Protagonisten verneigen sich vor einem grossen, oft zu wenig wahrgenommenen Künstler, dessen Person und Werk facettenreicher und beachtlicher war, als man ihm oftmals zugestand.  Unbeliebt war Harrison nie, dafür waren die Beatles zu sehr Band. Dass seinem grossen künstlerischen Potential jedoch viel zu spät der gebührende Raum eingeräumt wurde, wird beim Betrachten von “Living in the Material World” und dem Hören einiger seiner grössten Songs, die den Film unterlegen, heftigst unterstrichen.

Ausstattung

Die DVD umfasst zwei DVDs (Teil 1 & 2 des Films), dazu kommen als exklusives Bonusmaterial Interviews mit Paul McCartney, Damon Hill und Jeff Lynne, sowie “Dispute and Violence” und “Here Comes The Sun” als Musikextras.


Seit dem 28. November 2011 im Handel.

Originaltitel: George Harrison. Living In The Material World (UK 2011)
Regie: Martin Scorsese
Darsteller: Dani Harrison, Yoko Ono, Paul McCartney, Eric Clapton, Astrid Kirchherr u.a.
Genre: Komödie, Romanze
Dauer: 209 Minuten
Bildformat: 1,78:1
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Spanisch
Audio: Dolby Digital
Bonusmaterial: Musikextras, Interviews
Vertrieb: Impuls

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Offizielle Seite zum Film

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