Karla Schmidt: “Die rote Halle”

Blutiger Tanz

Karla Schmidt: “Die rote Halle” (Psychothriller)

Ein exzentrischer Regisseur, eine makabre Ballet-Inszenierung, zahlreiche Rivalitäten, seltsame Ereignisse und mindestens ein dunkles Geheimnis – dies sind die Puzzlestücke, aus denen die deutsche Autorin ihren zweiten Psychothriller zusammensetzen möchte. Doch fügen sich die Stücke letztlich zu einem Bild oder bleibt es bei einem fragmentarischen Versuch?

Von Stefanie Feineis.

DieRoteHalleFür die Bühnenbildnerin Janina ist es der vielleicht schwerste Auftrag ihres Lebens: Ihr früherer Freund und Mentor, der ebenso geniale wie von seiner Arbeit geradezu besessene Theaterregisseur Josef Rost, möchte sie unbedingt bei seiner grössten und wahrscheinlich letzten Inszenierung dabei haben, einer Balletversion des Märchens von den roten Schuhen. So reist sie gemeinsam mit ihrem 16-jährigen Sohn Simon nach Berlin, nicht wissend, dass sich der Trip bald nicht nur als Reise in ihre eigene Vergangenheit, sondern auch als wahrer Alptraum entpuppen wird.

Neue Herausforderung, alte Gefühle

Simon ist zunächst alles andere als begeistert und macht seiner Mutter in bester Teenagermanier das Leben schwer. Doch das ist nicht Janinas einziges Problem: Sie hat mit ungewöhnlichen Aufträgen wie Kostümen aus Schweinehaut, den Launen eines mehr als exzentrischen Regisseurs und den versteckten Rivalitäten zwischen den einzelnen Mitarbeitern und Darstellern zu kämpfen. Und zu allem Überfluss wurde die männliche Hauptrolle auch  noch mit dem Tänzer Dave Warschauer besetzt, mit dem Janina vor Jahren eine Affäre hatte. Genauer gesagt, vor 16 Jahren, denn Dave ist kein geringerer als Simons Vater. Doch Wiedersehensfreude will keine aufkommen; der Tänzer erkennt Janina nämlich nicht einmal wieder. Frustriert flüchtet sie sich in die Arbeit und sucht Verständnis bei DeeDee, der Komponistin des Stücks, die Janina ebenfalls noch von früher kennt. Doch ist DeeDee wirklich die treusorgende Freundin oder geht es ihr um etwas ganz anderes? Schliesslich träumt sie seit Jahren von einer Karriere als Tänzerin, die ihr aus Mangel an Talent und durch die Folgen eines Unfalls verwehrt blieb. Und auch Josef Rost, der Regisseur, scheint etwas zu verbergen… Dann ist plötzlich Simon verschwunden und alles andere wird unwichtig. Janina will nur eins: ihren Sohn zurück. Um jeden Preis.

Eher Märchen als realistische Geschichte

So spannend die Geschichte klingt, bei der Umsetzung gibt es dann doch erhebliche Probleme. Zum einen bleibt die angestrebte Verbindung zwischen der Märchenvorlage der Balletinszenierung und den realen Ereignissen zu oberflächlich und wirkt fast erzwungen.

Zum anderen hat man während der gesamten Lektüre ein unterschwelliges Gefühl von Unwirklichkeit. Die Handlung erscheint nicht real, sondern eher wie ein weiteres Märchen, bei dem aus irgendeinem Grund die übernatürlichen Elemente fehlen. Verantwortlich dafür sind die mehr als ungewöhnlichen, fast schon zu zufälligen Ereignisse, vor allem jedoch die Charakterisierung der Figuren. Diese wirken mehr wie Stereotype als wie reale Person; sie verkörpern stets Extreme – Besessenheit, Unschuld, Naivität – ohne eine nennenswerte Spur von anderen Eigenschaften. Als Leser kann man sich in keiner dieser Figuren wirklich wiedererkennen und leidet somit weniger mit ihnen, was letztlich dafür sorgt, dass man sich in der Handlung nicht wirklich verlieren kann.

Weder richtig Psycho noch richtig Thriller

Und das ist leider noch nicht alles. Das Genre des Psychothrillers lebt per Definition ganz wesentlich von den ‘psychologischen Abgründen’, die enthüllt und erforscht werden, und von höchster Spannung – beides ist hier jedoch nur teilweise vorhanden. Zwar enthält das Buch einige makabere und nahezu schockierende Szenen und die meisten der Figuren haben mit inneren Konflikten zu kämpfen, jedoch werden diese nur lückenhaft aufgezeigt, viele Fragen bleiben offen oder werden schnell und unbefriedigend beantwortet. Spannung kommt stets nur stellenweise auf: Anfangs ist der Leser lediglich verwirrt von zu vielen Details und Handlungsstücken, die nicht wirklich zusammenzupassen scheinen. Ab der Mitte des Buches machen diese dann plötzlich Sinn, doch damit ist dann auch der Täter ‘entlarvt’ und der Fall eigentlich schon gelöst. Geradezu verzweifelt wartet man auf einen Twist, einen Hauch von “es ist doch nicht so, wie es scheint”, der aber nie kommt. Bis zum Ende verfolgt man dann lediglich, wie die ‘Guten’ für einige Zeit im Dunklen tappen, bis auch ihnen die offensichtliche Lösung klar wird. Und dann erfährt man nicht einmal wirklich, ob und wie die ‘Bösen’ bestraft werden. Dafür zeichnet sich in den letzten paar Zeilen noch eine Romanze zwischen zwei Figuren ab, die kaum Zeit miteinander verbracht haben und auch keine nennenswerte Chemie hatten.

Insgesamt leider eher eine Enttäuschung. Dieses Buch hätte besser sein können, hätte die Autorin mehr in die realistische Gestaltung der Figuren, die psychologischen Dimensionen und den Spannungsaufbau investiert. Für Fans von Thrillern mit ungewöhnlichen Hintergründen und Theater- oder Tanzbegeisterte jedoch eventuell einen Versuch wert.


Titel: Die rote Halle
Autorin: Karla Schmidt
Verlag: Piper
Seiten: 320
Richtpreis: CHF 14.90

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