Karen Armstrong: “Die Botschaft”

Frieden mal anders

Karen Armstrong: “Die Botschaft. Der Weg zu Frieden, Gerechtigkeit und Mitgefühl“ (Sachbuch)

Keinen geringen Anspruch erhebt die Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong mit ihrem aktuellen Buch: Sie will die Welt verbessern. Einen Versuch ist es wert. In der heutigen wissenschaftsorientierten Welt, in der wir nach sicheren Beweisen suchen, hätten wir die Fähigkeit verloren, die Geschichten von Göttern auf die alte Art, nämlich symbolisch zu deuten. In den zwölf Schritten ihres Programms führt Karen Armstrong deshalb einige der traditionellen Mythen vor, um zu zeigen, was diese uns über den Imperativ des Mitgefühls lehren.

Von Marianne Wirth.

Die BotschaftKaren Armstrong sieht das Mitgefühl als zentralen Stellenwert in den drei monotheistischen Religionen. Sie geht beispielsweise davon aus, dass sich das Christentum und das rabbinische Judentum in Zeiten intensiver kriegerischer Auseinandersetzungen und wirtschaftlicher Ausbeutung entwickelten. So gibt Karen Armstrong auf knapp 214 Seiten einen kurzen religionsgeschichtlichen Überblick: Von Sokrates und Platon zu Buddha und von Konfuzius über Jesus und Abraham zu Mohammed.

Das Zauberwort heisst Empathie

Ab und an verlässt sie die religionshistorische Perspektive. Sie erklärt etwa, dass primitive Instinkte wie Wut, Furcht, Hass und Gier – Eigenschaften, die dazu führen, dass wir falsch und schlecht handeln – in dem Teil unseres Gehirns entstehen, den wir von den Reptilien geerbt haben. Armstrongs Buch ist insofern auch als Gebrauchsanweisung zu lesen; in zwölf Schritten fordert sie den Leser auf, sich in den sogenannten vier „Unermesslichen“ (Freundschaft, Mitgefühl, Freude und Gleichmut) zu üben, um diese dann in weiteren Schritten einem engeren Umfeld und schliesslich der Welt weiterzugeben.

Der sokratische Dialog

Vernachlässigt man die an gewissen Stellen manchmal etwas esoterisch anmutenden Gebrauchsanweisungen, so liest sich „Die Botschaft“ als illustre Geschichtsstunde. Fundiert bereitet Armstrong Geschichten aus dem alten China sowie der alten westlichen Welt auf. Das Buch ist in einer flüssigen Sprache geschrieben, was mitunter einer guten Übersetzung zu verdanken ist. Fast beiläufig wird die Philosophie von Platon und Sokrates erklärt und mit Ansichten von Konfuzius in Verbindung gebracht. Gekonnt verzahnt Armstrong die Zitate und Geschichten der alten Meister. Sie verweist immer wieder auf das Verbindende der grossen Religionen, auf die goldene Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“ Die damit einhergehende Eigenschaft des Mitgefühls sei in dieser Formel verankert. Diese Annahme setzt voraus, dass der Mensch tiefen Respekt vor sich selbst und seinem Gegenüber empfindet. An manchen Stellen scheint Armstrongs Vorhaben – sie versucht ihre These mit unterschiedlichem Quellenmaterial zu untermauern – dann doch etwas zu forciert. Etwa wenn sie aus Shakespeares Hamlet zitiert „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch!“ um zu erklären, was für einen tiefen Respekt die Humanisten der Renaissance vor dem Wunder des menschlichen Daseins empfanden. Dabei vergisst die Autorin wohl Shakespeares ironischen Tonfall.

Insgesamt ist „Die Botschaft“ ein erfrischender Beitrag zur Friedensdebatte. Für einmal wird nicht an politische Instanzen appelliert, sondern an den Leser selbst, der – wenn er sich auf das Gedankenexperiment einlässt – mit etwas Mitgefühl einen kleinen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann.


Titel: Die Botschaft. Der Weg zu Frieden, Gerechtigkeit und Mitgefühl
Autorin: Karen Armstrong
Übersetzung: Christa Broermann, Stephan Gebauer
Verlag: Pattloch
Seiten: 240
Richtpreis: CHF 27.90

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.