Michèle Minelli: “Die Ruhelosen”

Familiensaga aus vergangener Zeit

Michèle Minelli: “Die Ruhelosen” (Roman)

Die Zürcher Ornithologin Aude entführt die Leser in ihre Familienwelt. Ihre Vorfahren sind Friseure, Maskenbildner, Musiker und Krämer. Die Frauen sind eigensinnig und werden eher wie Sachen als wie Menschen behandelt. Eine skurrile und oftmals erschreckende Familiensaga.

Von Luzia Zollinger.

av_minelli_ruhelosen_rz_NEU.inddAude Senigaglia fährt nach Ungarn, um dort einen Ornithologen zu treffen. Zusammen mit ihm will sie Grossrappen beobachten. Doch der Mann ist krankheitsbedingt verhindert. Seine Frau führt Aude zu jemandem, der ihr helfen soll. Doch statt sich in den kommenden Tagen der Ornithologie zu widmen, kommt sie ihrer wirren Familiengeschichte näher. Die Nachforschungen beginnen.

Atemlos

Bis zu diesem in Audes Leben einschneidenden Erlebnis kämpft sich der Leser durch über 600 Seiten. Ein Kampf, ja, das ist der Roman “Die Ruhelosen” wahrlich. Wie es der Titel bereits verrät: Verschnaufpausen sind eine Rarität. Doch diese wären bei einem solchen Werk, das einen bis ins Jahre 1859 zurückführt, dringend nötig. Nur schon eine ruhige Beschreibung eines Ortes wäre sehr wertvoll. Es gibt Momente, da sind die Personen des Romans nicht in Bewegung und trotzdem wirken sie ruhelos. Es scheint, als hätten die Menschen früher genau so viel um die Ohren gehabt, wie wir es von heute kennen. Pausenlos. Beispielsweise bei einem Damentreffen im Reich des Adels, während die Gräfin und ihre Freundinnen das süsse Nichtstun am Hofe geniessen und Frantisek Schön als Diener die ausgefallensten Perücken herstellen muss: “Er bemühte sich redlich, deren Phantasien umzusetzen und sie so mit wuchtigen Kamelhaarbüscheln aus fernen Steppen, gülden gefärbten Daunensträussen der russischen Eiderente, einem hauchdünnen Webschleier aus Pfauenfedern der eigenen Zucht und einmal sogar mit einem kunstvoll gefertigten filigranen Diadem aus farblich ansprechend arrangierten und überwältigend zarten Schmetterlingen auftreten zu lassen.” Da wird einem beim Lesen ja schon ganz schwindlig. Diese Stelle ist übrigens nicht die einzige, die sehr ausschweifend gestaltet ist.

Um in den insgesamt acht Teilen des Buches mit unzähligen Unterkapiteln den Überblick über die einzelnen Personen zu behalten, gibt es glücklicherweise drei aufgezeichnete Stammbäume der grossen Familien, und zwar im Umschlag, den man wegnehmen und während des Lesens danebenlegen kann. Als weiteren roten Faden ziehen sich die Vögel durchs Buch. Jeder der acht Teile ist einem Bereich aus der Vogelwelt gewidmet.

Zurück ins heutige Leben

Erschreckend ist die Familiensaga insofern, als es immer wieder zu unfreiwilligen Liebesszenen kommt. Und zwar ganz selbstverständlich zwischen Verheirateten. Traditionell hat der Mann das Sagen. Auch im Bett. Egal, wie sehr die Frau darunter leidet und dies in Form von Gleichgültigkeit dem Mann gegenüber zeigt.

Gegen Ende des Buches wird einem die Welt der Familiengeschichte vertrauter. Minelli beschreibt unter anderem das Leben eines Verdingkindes und den Sohn von Aude, der sich lieber mit Facebook und Myspace beschäftigt, als Vögel zu beobachten. Zudem ist von italienischen Einwandererfamilien und Enthüllungsjournalisten die Sprache, die jeweils monatelang ihre Liebsten allein gelassen haben, nur um die beste Geschichte veröffentlichen zu können.

Für dieses monströse Werk erhielt Minelli ein Literaturstipendium und konnte dadurch den grössten Teil der Geschichte in Lettland schreiben. Wer sich in die dort entstandene Familiensaga vertiefen möchte, sollte Ausdauer haben. Auch wenn gewisse Stellen manchmal sehr ermüdend sind, ist es für den Leser eine Freude, wenn er ihm Bekanntes entdeckt. Zusammenfassend kann man sagen, dass Minelli ein detaillierter Streifzug über knapp zwei Jahrhunderte gelungen ist.


Titel: Die Ruhelosen
Autorin: Michèle Minelli
Verlag: Aufbau
Seiten: 752
Richtpreis: CHF 35.50

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