Das ambivalente christliche Heldenverständnis

Heroischer Tod für den Glauben

Jesus entspricht mit seiner standhaften Bereitschaft, für seinen Glauben zu leiden, dem Heldenverständnis des Christentums. Doch auch kriegerische Gewalt wurde in der christlichen Tradition durchaus als heroisch betrachtet.

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Ausschnitt aus dem Gemälde “Die Steinigung des heiligen Stephanus” (Paolo Uccello ca. 1435)

Seit der Antike – seit Achill und Herakles – zeichnet sich ein Held durch besondere Fähigkeiten und herausragende Taten aus. Heldentum wird assoziiert mit körperlicher Kraft, Mut und der Bereitschaft, Gewalt anzuwenden um siegreich zu sein. Helden sind Kämpfer, deren Leistungen vom gemeinen Mann gerühmt und nachgeahmt werden.

Anders das Christentum: es stellte den antiken Kriegshelden Heilige als Helden entgegen. Der christliche Held schlechthin ist Jesus Christus selbst. Sein heroisches Dulden, sein Leiden für den Glauben trat an die Stelle der heroischen Taten der antiken Zweikämpfer. Die „imitatio christi“ (Nachahmung Christi) wird zum Merkmal des christlichen Helden.

Martyrium und Heiligenverehrung
Die Tradition der christlichen Helden begann in der Spätantike. Zu Zeiten Kaiser Neros im 1. Jahrhundert nach Christus fanden die ersten Christenverfolgungen statt. Und weiteten sich in den folgenden Jahrhunderten im ganzen Römischen Reich aus. Neben denjenigen Christen, die ihrem Glauben angesichts der grausamen Folter abschworen, gab es auch tausende, die sich als wahrhafte Glaubenshelden erwiesen: Sie gingen als unerschütterliche Zeugen ihres Glaubens in den Tod. Der Erzmärtyrer der Christen ist der heilige Stephanus, der für seinen Glauben gesteinigt wurde.

Das Martyrium steht demnach in direkter Verbindung mit dem christlichen Heldentum. Es ist die Standhaftigkeit, die aus des Christen Glauben erwächst und diesem die Kraft vermittelt, furchtlos zu sterben. Der Märtyrer kann darauf bauen, dass er für sein Leid überreich entschädigt wird: Gott wird ihn für seine bewusste Hingabe des irdischen Lebens mit dem ewigen Lebens belohnen.

Viele christliche Märtyrer wurden vom Papst heilig gesprochen. Heilige nahmen vor allem im christlichen Mittelalter eine wichtige Funktion ein:  Einerseits als Vorbilder, die verehrt wurden und andererseits als Fürsprecher. Als Vermittler zwischen Gott und den Diesseitigen können sie die Menschen von deren Sünden befreien. Der Reliquienkult und die Wallfahrten zu Pilgerorten wie Santiago de Compostela, Rom und Jerusalem sind Teil dieser christlichen Heiligenverehrung.

„Du sollst nicht töten“
Neben dem Märtyrer als Helden entwickelte sich ein weiterer, jedoch kämpferischer christlicher Heldentypus: Der Kreuzritter. Dieser kann als annäherndes Gegenbild zum sich opfernden christlichen Helden verstanden werden und orientiert sich am handelnden, antiken Kriegshelden.
Doch für die Theologie erwies es sich als nicht unproblematisch, die kriegerische Gewalt der Kreuzritter mit dem 5. Gebot Mose „Du sollst nicht töten“ in Übereinkunft zu bringen. Die Auflösung oder eher Abschwächung dieses Widerspruchs erstreckt sich in der klerikalen Debatte über viele Stationen und Jahrhunderte.

Ein bedeutender Schritt in dieser Abschwächung stellte die sogenannte Konstantinische Wende dar, eingeleitet im Jahr 313. Nachdem das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich wurde, stellten christliche Religion und Krieg, wie die Geschichtsbücher lehren, keine unvereinbaren Gegensätze mehr dar. Kaiser Konstantin der Grosse selbst war im christlichen Verständnis ein Kriegsheld: Als Soldat Gottes hatte er seinen heidnischen Rivalen Maxentius besiegt.

Im Aufruf zum ersten Kreuzzug versprach Papst Urban II. im Jahr 1095 den christlichen Kriegern die Vergebung ihrer Sünden, falls sie im Kampf gegen die Ungläubigen fallen sollten. Kreuzritter, die im Heiligen Krieg kämpfend und Gewalt anwendend zu Tode kamen, waren von da an Märtyrern gleichgestellt. Als Gefallene galten die Kreuzritter auch als Helden und der Eingang ins Paradies war ihnen gesichert.

Literatur
DAMALS. Das Magazin für Geschichte und Kultur, 42. Jahrgang (3/2010): Helden. Erinnerung, Mythos – Sehnsucht seit der Antike.
Arnold Angenendt, Heilige und Reliquien. Die Geschichte ihres Kultes vom frühen Christentum bis zur Gegenwart, München: Beck. 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1997.

Im Netz
Heiligenlexikon

Märtyrer
Der Begriff Märtyrer stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Zeuge“ (Zeuge der für seinen Glauben stirbt). Als erster christlicher Märtyrer gilt Stephanus im ersten Jahrhundert nach Christus. Von den Aposteln wurde er als Diakon in Jerusalem erwählt, um sich um Witwen, Waisen und Arme zu sorgen. Weil er Moses und Gott gelästert habe wurde er von hellenistischen Juden in einen Prozess verwickelt. Er konnte seine Verteidigungsrede nicht zu Ende führen und wurde wegen seines Bekenntnisses zu Jesus Christus von den Anwesenden gesteinigt. Das Ereignis wird in der Apostelgeschichte 6,8 geschildert. Noch heute gedenken wir am 26. Dezember – am Stephanstag – dem heiligen Stephanus.

Ein Gedanke zu „Das ambivalente christliche Heldenverständnis

  • 21.08.2018 um 07:06
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    Ich weiss nicht, ob ich Respekt empfinden soll, für Menschen, die sich für ihren Glauben foltern oder gar töten lassen. Sie strapazieren mein Mitleid. Ich las in einem Buch einen Bericht über eine Frau, die sich lieber die Fusssohlen kaputtschlagen liess, als ihrem Glauben an Baha’i abzuschwören. Meine Meinung ist: Das wäre doch nicht nötig gewesen! Was für einen Nutzen hat so etwas und wem nützt das irgend etwas? Warum sagt sie den Folterknechten nicht, was diese hören wollen und bewahrt sich ihre körperliche Unversehrtheit? Was sie im Innersten für sich glaubt, das können die Folterknechte nicht kontrollieren. Wenn sich jemand lieber bestialisch quälen lässt, anstatt ein paar einfache rettende Worte zu sagen, dann kommt mir schon fast ein “selber schuld” über die Lippen… Und auf keinen Fall möchte ich so jemanden als Vorbild akzeptieren.

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