Andrea Bajani: “Liebe und andere Versprechen”

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Andrea Bajani: “Liebe und andere Versprechen” (Roman)

Ein junges Paar trennt sich. Ein alter Mann erinnert sich und schickt Pietro, den männlichen Teil des jungen Paars, auf eine Reise in die Vergangenheit. – Andrea Bajanis Roman ist eine berührende Erinnerungsgeschichte, mit der einer verlorenen Generation von jungen Männern gedacht wird.

Von Sandra Despont.

liebeundandereversprechenPietro und Sara sind seit einiger Zeit ein glückliches Paar. Doch dann schiebt sich ein Baby zwischen sie. Ein Baby, das es gar nicht gibt, das sie trotz noch so vielen Anstrengungen und sehnlichem Wünschen nicht bekommen können. In der gemeinsamen Wohnung ist es plötzlich überall im Weg, das nichtexistente Baby drängt sich in jeden Zwischenraum, bis Sara schliesslich auszieht, von einem anderen Mann schwanger wird, Pietro alleine zurücklässt, in einer Wohnung, in der die fehlenden Möbel wie Krater wirken. – Saras Auszug fällt mir Marios Tod zusammen, der in Pietro eine Reihe von Erinnerungen an seinen Grossvater auslöst. Seit fünfzehn Jahren hatte er ihn nicht mehr gesehen, Mario, das Skelett, der Mann mit dunklen Löchern statt Augen, der Mann, der nachts schreiend aufwachte und der aus dem Bewusstsein seiner Familie ausgestossen schien. Einer der vielen, die, wie Pietro treffend feststellt, zwar nach dem 2. Weltkrieg aus Russland zurückgekehrt waren, „aber nur mit dem Körper“.

„Pünktchen bedeutet verschollen, Kreuz gefallen“

Als Kind hatte Pietro seinen Grossvater schon einmal verloren. Nachdem Mario nach seiner Rückkehr langsam wieder einen Platz in der Familie gefunden hatte, verstummte er plötzlich, wurde barsch, abweisend, bisweilen aggressiv. Eines Tages kam es zum Eklat zwischen ihm, seiner Tochter und deren Mann. Mario wurde in einer Anstalt versorgt, mitsamt seinen Erinnerungen, seiner Angst und den Schreien in der Nacht. Nach und nach entdeckte Pietro darauf in Büchern seiner Eltern eine Reihe von Fotos, die zusammen mit Marios Aussehen traumatische Erlebnisse erahnen liessen. Dies war die erste Etappe einer Schnitzeljagd in der Vergangenheit, die mit der Entdeckung der Fotos keineswegs ein Ende haben sollte. Denn auch als Abwesender blieb Mario präsent, und als Toter fordert er erst recht noch einmal Pietros volle Aufmerksamkeit.

Die Erinnerung an seinen Grossvater treibt Pietro schliesslich zum Haus seiner Kindheit zurück, wo er versuchsweise klingelt. In Olmo, dem Mann, der nun in der Wohnung lebt, findet er einen Grossvaterersatz. Wie es der Zufall will, wobei zu sagen ist, dass in „Liebe und andere Versprechen“ letztlich nichts zufällig scheint, ist auch Olmo ein Kriegsheimkehrer. Sein Schicksal und dasjenige Marios scheinen beinahe deckungsgleich, austauschbar. So wie Mario auf zahlreichen immergleichen Fotos seine Mannschaftskameraden (bezeichnet mit „Pünktchen bedeutet verschollen, Kreuz gefallen, ohne Zeichen lebt noch“) verewigt hat, so erzählt Olmo von langen Märschen in der russischen Steppe, vom Darniedersinken und Sterben eines nach dem andern. Durch die vagen Andeutungen lässt sich das Leid der italienischen Soldaten in dieser Menschenverschlingungsmaschinerie des Krieges bloss erahnen – und bewegt gerade deshalb umso nachhaltiger. Dass ausgerechnet diese beiden Männer es nach Hause geschafft haben, sagt nichts, ebensogut hätten sie einer der vielen sein können, die in der russischen Kälte erfroren oder erschossen wurden.

Porträt einer verlorenen Generation

Natürlich wandern die Gedanken eines Lesers, der sehr wohl weiss, dass die Soldaten des faschistischen Italiens nicht eben auf einer Friedensmission unterwegs waren, aber auch in eine andere Richtung. Tatsächlich kann man hinter scheinbar harmlosen Bemerkungen ungeheuerliche Leiden und Grausamkeiten erahnen. Pietro beschäftigt sich immer intensiver mit den Schicksalen der Kriegsheimkehrer von der Ostfront, die Suche nach der Vergangenheit lässt ihn nicht mehr los. Ein Bild Olmos, auf dem ein gehängter Russe zu sehen ist, während sich seine italienischen Schlächter triumphierend für das Foto in Pose werfen, rüttelt ihn nochmals auf. Schliesslich reist er nach Russland, wo er einmal mehr erfährt, wie präsent längst Tote sein können. An jeder Ecke springen ihn Erinnerungen an, die nicht einmal seine eigenen sind, unter den weiten Feldern liegen die Leichen der ermordeten Russen, der erfrorenen Italiener und über die Lebenden scheint sich ein Schleier von Melancholie, stiller Verzweiflung und halbvergessener Trauer gelegt zu haben. So wird „Liebe und andere Versprechen“ zu einem verhaltenen, feinfühligen Porträt einer verlorenen Generation von jungen Männern – italienischen wie russischen.

Botschaften des Schweigens in bildreicher Sprache

Dieser Roman ist kein absichtslos dahingeschriebenes Buch. Jede Zeile, jedes Bild, jede noch so banale Beschreibung, noch so zufällige Szene scheint bei genauerem Hinsehen bedeutungsvoll. Dies könnte einem Buch schnell zum Nachteil gereichen, einen anstrengen oder gerade wegen der Bedeutungsschwere abstossen. Doch Bajanis Roman ist trotz einem gewissen Anspruch unprätentiös, die zahlreichen inhaltlichen Verflechtungen wirken nie mühevoll arrangiert oder allzu künstlich herbeigeführt. Besonders in der ersten Hälfte überzeugt diese enorme inhaltliche Dichte.

Andrea Bajanis Sprache ist bildreich und poetisch, ohne gekünstelt oder mühevoll gemacht zu wirken. Die Metaphern und Vergleiche wirken authentisch, frisch, zuweilen kühn, und doch meist auch natürlich, logisch, nachvollziehbar. So wird etwa auf knapp zwei Seiten das ganze Elend der Beziehung zwischen Sara und Pietro anhand des angeschafften Hundes dargelegt. Der Hund „hatte die Wohnung betreten wie ein Profi, sich kurz umgeguckt, ein Zimmer nach dem anderen inspiziert wie jemand, dem ein Blick genügt, um genau Bescheid zu wissen“. Schon kurze Zeit später langweilt ihn sein Dienst, bald wird aus dem Hund „unser Gefängniswärter und seine Leine das Band, das uns aneinanderfesselte“. Bajani findet originelle, beklemmend passgenaue Bilder für psychische Zustände und Gefühle – und wunderbarerweise gerade für Gefühle, die auf Schweigen, auf Verzicht oder Verweigerung von Sprache beruhen. Denn die hier dargestellten Beziehungen leiden alle auf die eine oder andere Art am Ungesagten, am Unsagbaren. Sei es ein nichtexistentes Baby, sei es die Last der Erinnerung oder auch einmal ganz banal die Sprachbarrieren zwischen einem alten Russen und Pietro – das Nichtmiteinanderredenwollen oder –können spielt fast immer eine Rolle. So hinterlässt Sara nach ihrem Auszug Botschaften des Schweigens auf dem Anrufbeantworter Pietros, seine Mutter ruft ihn stundenlang versehentlich von ihrem Handy aus an, ohne es zu merken.

Dass die Eleganz und Treffgenauigkeit, bisweilen auch der Witz von Bajanis Sprache gewahrt wurde, ist sicherlich nicht zuletzt der Übersetzerin Pieke Biermann zu verdanken. Dank der merklichen Sorgfalt, mit der sie eindrucksvoll kleinste Nuancen der Sprache in einer präzisen Wortwahl fasst, ist „Liebe und andere Versprechen“ auch sprachlich ein eindrucksvolles Werk.

„Liebe und andere Versprechen“ ist eine eindrucksvolle, sprachlich sehr bewusst gestaltete Geschichte über das fragile Zusammenleben zwischen Menschen, Tabus, die über geheimen Vergangenheiten schweben, vor allem aber über Erinnerungen – beglückende und quälende.


Titel: Liebe und andere Versprechen
Autor: Andrea Bajani
Übersetzerin: Pieke Biermann
Verlag: dtv premium
Seiten: 337
Richtpreis: CHF 21.90

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