Hanna Lemke: „Geschwisterkinder“

Gemeinsam am falschen Platz

Hanna Lemke: „Geschwisterkinder“ (Erzählung)

Zwei Geschwister, deren Vertrautheit nicht mehr als eine Erinnerung an frühere Tage ist, kommen einander zufällig wieder näher. Während gemeinsamer Sommertage entdecken Milla und Ritschie, dass beide dieselbe Einsamkeit in einem unaufregenden Leben zu umgeben scheint. In ihrer kurzen, aber klugen Geschichte, die vieles offen lässt, erzählt Hanna Lemke vom Sich-fremd-Fühlen im eigenen Leben und der Suche nach Nähe.

geschwisterkinderAusser dem Gefühl, nirgends dazuzupassen, eint die Geschwister Milla und Ritischie nicht mehr viel. Eines heissen Sommers beginnen die beiden, bedingt durch äussere Umstände, wieder mehr Zeit miteinander zu verbringen. Ein alter Bekannter der beiden kommt zu Besuch –  Charles, ein skurriler Freund ihrer Eltern. Dann werden sie gemeinsam auf eine Hochzeit eingeladen von Leuten, die sie irgendwann einmal getroffen hatten, an die sie sich jedoch kaum noch erinnern. Die Geschwister, über deren familiären Hintergrund der Leser während der ganzen Erzählung so gut wie nichts erfährt, bekommen die Chance zu einer Annährung.

Die Autorin Hanna Lemke begleitet Milla und Ritschie durch ihren eintönigen Alltag. Milla arbeitet in einem ein wenig schäbigen Laden, wo Kinderspielzeug verkauft wird, und teilt die Wohnung mit Simon, mit dem sie aber nicht viel mehr zu tun hat, als unspektakulären Sex, wenn sie nicht schlafen kann. Ritschie arbeitet in der Bildredaktion einer Zeitung – das einzige, was von seinem Traum, Fotograf zu werden, übrig geblieben ist. Im Laufe der Erzählung begibt er sich in eine leidenschaftslose Beziehung mit der Praktikantin Fabienne. Wirklich an ihr interessiert scheint er nicht zu sein, von Anfang an weiss er, dass die Geschichte zum Scheitern verurteilt ist.

Beobachtungen anstelle von grossen Gefühlen

In „Geschwisterkinder“ setzt die Jungautorin ihren Fokus auf Wahrnehmungen, statt auf Erklärungen. Zusammenhänge erläutert sie keine. Man bekommt mit, wie sich die Protagonisten ihrer Erzählung fühlen, versteht aber nicht weshalb. Auf Grund ihrer genauen Beschreibungen alltäglichster Handgriffe und Gedanken gelingt es Hanna Lemke letzten Endes doch, beim Leser den Eindruck zu hinterlassen, die beiden Geschwister zu kennen. Identifizieren kann man sich aber nicht mit ihnen, dafür sind die Schilderungen zu radikal reduziert.

Genau wie die Autorin sind auch ihre beiden Figuren Meister des Beobachtens. Am besten sind sie darin, sich selbst zu analysieren: Während der Hochzeitszeremonie in der Kirche, während des ersten Kusses mit Fabienne oder während des Sex’ mit Simon. Weder Milla noch Ritschie sind fähig, sich emotional in etwas zu involvieren. Sie sind und bleiben passiv und introvertiert.

Beide Geschwister scheinen das Leben eines anderen zu leben. In allem, was sie tun, denken und sagen liegt eine Abgeklärtheit, eine Resignation. Es wirkt nicht nur, als wüssten sie nicht, wie glücklich sein, sondern als wollten sie es auch gar nicht (mehr).

Unerklärte Ängste und nicht entfaltete Möglichkeiten

Die Autorin wertet nicht, sie beschreibt nur. So steht die Angst, von der Milla Ritschie erzählt, unkommentiert im Raum. Weder Ritschie noch der Leser kann wirklich verstehen, wovor Milla davonlaufen will. Das Verschwinden ihres alten Nachbars beschäftigt die junge Frau so sehr, dass sie sich überlegt, wie es wäre, wenn auch sie ihre Wohnung von einem Tag auf den anderen verlassen und alle Möbel verschenken würde. Solche und andere Möglichkeiten spielen beide Geschwister vermehrt in ihrem Kopf durch. Sie malen sich aus, wie es sein könnte wenn… Wie sie selbst sein könnten. Doch die Visionen von einem besseren, aufregenderem Dasein bleiben ungelebt. Milla und Ritschie machen keinen Ansatz eines Versuches, diese zu verwirklichen. Im Gegenteil, sie lassen geschehen und leben weiter dahin, in der schwülen Sommerhitze.

Vertraute Geschwister

Das Einzige, was sich tatsächlich verändert im Laufe der Erzählung, ist die Beziehung zwischen Milla und Ritschie. Nicht umsonst ist die Erzählung mit „Geschwisterkinder“ betitelt. Die beiden beginnen die gegenseitige Nähe zu suchen. Sie scheinen zu entdecken, dass der jeweils andere möglicherweise die einzige Person ist, die einem verstehen könnte. Ob dieses Verständnis wirklich existiert, bleibt offen. Bestimmt aber finden sie jene Geborgenheit, die ihnen in ihren Beziehungen fehlt. Milla und Ritschie sind gut darin, ohne viele Worte gemeinsam einsam zu sein.

Am Ende der kurzen, in knappem und sachlichem, aber durchaus feinsinnigem und konzentriertem Stil geschrieben Erzählung, die so vieles ungesagt lässt, bleibt eine gewisse Ratlosigkeit. Gerne würde man die Figuren, in deren Leben man so schnell eingetaucht ist, besser verstehen, mehr von ihrem Inneren sehen, eine Fortsetzung erhalten. Neben der Unschlüssigkeit bleibt aber auch das Gefühl, doch etwas mitgenommen zu haben aus dieser Geschichte, die so unmoralisierend daherkommt. Nämlich, dass es wichtig ist, nicht in eine Eintönigkeit zu verfallen und wenigstens zu versuchen, des eigenen Glückes Schmied zu sein.


Titel: Geschwisterkinder
Autorin: Hanna Lemke
Verlag: Kunstmann
Seiten: 126
Richtpreis: 21.90 Fr.


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