Linwood Barclay: “Weil ich euch liebte”

Ein etwas anderer Nachbarschaftsstreit

Linwood Barclay: “Weil ich euch liebte” (Thriller)

Irgendwie hatte sich Glen diesen Sommer anders ausgemalt. Statt seine Firma auf Erfolgskurs zu bringen und glückliche Stunden mit Frau und Kind zu erleben, muss er Trauer tragen. Denn Sheila, seine Frau, stirbt bei einem Autounfall. Sie, die überall als verantwortungsbewusst bekannt war, soll volltrunken als Geisterfahrer unterwegs gewesen sein. Glen kann das alles nicht glauben und versucht auf eigene Faust, Licht ins Dunkel zu bringen.

Von Fee Anabelle Riebeling.

weilicheuchliebteGlen glaubt seine Frau Sheila in der Abendschule, die sie einmal in der Woche besucht. Doch als sie nicht nach Hause kommt, beschleicht ihn ein ungutes Gefühl. Denn: Auch seine Anrufe beantwortet Sheila nicht. Da er vor Sorge sowieso nicht schlafen kann, beschliesst er den Weg abzufahren, den seine Frau auf dem Heimweg hätte nehmen müssen. Er setzt seine schlafende Tochter Kelly auf den Rücksitz und braust los. Doch weit kommt er nicht. Denn die Autobahnauffahrt ist gesperrt. Die Polizei hat alles abgeriegelt. Glen parkt seinen Wagen auf dem Standstreifen.

Wachsende Zweifel

Im Rückspiegel betrachtet er Kelly, die selig schläft. Er atmet tief durch. Dann verlässt er den Wagen und geht auf die blinkenden Blaulichter zu. Die Beamten können ihn nicht aufhalten. Was er sieht, raubt ihm den Atem: Das Auto seiner Frau, völlig zerstört. Die Obduktion zeigt: Sheila war volltrunken, als sie falsch herum die Ausfahrt gefahren ist und frontal mit einem anderen Wagen zusammenstiess. Glen kann es nicht glauben: Sheila, die überall als verantwortungsbewusst bekannt war, soll sich derart fahrlässig verhalten haben?

Seine Zweifel verstärken sich, als nur wenige Wochen später eine enge Freundin seiner Frau unter mysteriösen Umständen ertrinkt. Doch deren Mann scheint mit dem Verlust deutlich besser umgehen zu können als Glen. Als sich die Anzeichen häufen, dass die zweite Tote wohl keinen natürlichen Tod gestorben ist, und sich immer mehr Bekannte mit ungewöhnlichen „Geldsorgen“ an ihn wenden, kommt Glen endgültig ins Grübeln. Er fängt an nachzubohren und verliert dabei Vertraute. Gleichzeitig gewinnt er neue hinzu. Doch er gibt nicht auf und bringt damit nicht nur sich selbst, sondern auch Töchterchen Kelly in Gefahr.

Tiefe Verbundenheit

Einfach Worte und ein gutes Konzept, mehr braucht Linwood Barclay nicht, um in „Weil ich dich liebte“ das Grauen in eine gewöhnliche US-Kleinstadt zu holen. Dabei treibt er seinen Protagonisten auf allen 528 Seiten gnadenlos von einer nervenaufreibenden Situation in die nächste. Glens Schicksal reisst mit. Denn läuft das Wichtigste im Leben Gefahr, genommen zu werden, liegen die Nerven blank. Auch bei denen, die nur davon hören oder lesen. Mehr als einmal möchte man laut aufstöhnen vor nachempfundenem Schmerz.

Zwar sind die Schüsse, die aus einem vorbeifahrenden Auto auf Kellys Zimmer abgefeuert werden, aus Normalbürgersicht etwas weit hergeholt. Aber alle anderen bedrohlichen Situationen erscheinen auch europäischen Lesern realistisch. Das macht die Anspannung der Charaktere nachfühlbar. Zu Glen wächst eine besondere Verbindung. Trotz der kurzen Kapitel ist es unmöglich, das Buch rasch wieder aus der Hand zu legen. Denn dann fühlt es sich beinahe so an, als würde man Glen im Stich lassen.


Titel: Weil ich euch liebte
Autor: Linwood Barcley
Übersetzer: Silvia Visintini
Verlag: Knaur Taschenbuch
Seiten: 528
Richtpreis: CHF 15.90

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