Fiktive Helden und die amerikanische Moralidee

Der einsame Held

Wenn wegen des überbordenden Individualismus die amerikanische Gesellschaft zu zerbrechen droht, tritt der Held als Retter auf. Einsamer Cowboy und Detektiv verkörpern diesen widersprüchlichen Heldentyp in der Literatur.

Fiktive Helden

Der Cowboy reitet alleine in den Sonnenuntergang: Ein bekanntes Bild aus Büchern, Filmen und Comics. Der heldenhafte Cowboy ist stark, geschickt und hat einen besonderen Gerechtigkeitssinn. Doch wenn er nach einer Heldentat in die Einsamkeit davonreitet, schmerzt dieses Bild ein wenig, weil der Leser und Zuschauer nicht weiss, was der Held nun tun wird. Und warum er nicht Teil der Gemeinschaft werden kann, der er geholfen hat. Doch es gibt Gründe, weshalb er weiterziehen muss. Gründe, die ihn zum Helden machen und ihn als solchen fortbestehen lassen.

Der Selbstlose
Diese finden sich in die amerikanische Literatur: Der Cowboy ist hier eine beliebte Figur, die das moralisch Gute verkörpert. Warum der Cowboy aber alleine bleibt, erklärt die Beziehung des Einzelnen zur Gemeinschaft. Amerikaner streben in sehr individueller Weise nach ihrem Glück. Dieses Streben ist – anders als bei uns in Europa – als „The pursuit of happiness“ in der Verfassung verankert.

Wenn aber jeder nur versucht seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und wenig Wert auf das Allgemeinwohl legt, kann die Gesellschaft an dieser Art des Individualismus zerbrechen. Die Gemeinschaft braucht deshalb Helden, welche zu Krisenzeiten zur Stelle sind und sie zusammenhalten. Dies ist eine Aufgabe, die nur der fiktive Held meistern kann, doch auch diesem gelingt es nicht immer.

Heldentum und Individualismus
Der Held muss alleine sein damit er die Gesellschaft retten kann. Darin liegt der Schlüssel zum Mythos des amerikanischen Helden. Was erst widersprüchlich und perplex erscheinen mag, ergibt durchaus Sinn, wenn wir uns den Helden genauer anschauen. Der Cowboy unterscheidet sich durch seine charakteristischen Besonderheiten so sehr von anderen, dass er der Gesellschaft nie ganz angehören kann.

Der Cowboy ist individuell, jedoch in einer selbstlosen und heroischen Weise. Die Literatur legt nahe, das Gute und moralisch Richtige könne nicht in und durch die Gesellschaft existieren, sondern nur ausserhalb von ihr. Diese Erkenntnis lässt destruktives Potenzial des Individualismus ersichtlich werden. Eine Zuspitzung erfährt diese Erkenntnis bei der Betrachtung eines moderneren literarischen amerikanischen Helden: Dem Detektiv.

Verdorbene Gesellschaft
Der Detektiv in der amerikanischen Literatur, sei es Sam Spade oder Lew Archer, ist meistens ein einsamer, sich nach Liebe und Ruhm sehnender Mensch. Er lebt am Rande der Gesellschaft und hat ein schäbiges Büro indem das Telefon schweigt. Salopp ausgedrückt: Das Bild des Detektivs gleicht dem eines Versagers. Wenn er einen Fall aufarbeitet, dringt der Detektiv in die Gesellschaft ein und legt deren verdorbenen Kern offen. Je weiter er eindringt, desto ersichtlicher wird die Korruption, die der Gesellschaft zugrunde liegt und in welche die Privilegierten verstrickt sind.

Um ihren sozialen und ökonomischen Status zu bewahren, versuchen die Verdächtigten den Detektiv mit Geld oder schönen Frauen zu kaufen. Der Detektiv aber muss resistent gegen die Korruption bleiben und seine Integrität wahren, um Gerechtigkeit herzustellen. Er ist gezwungen alleine zu sein, um im Dienste der Moral und der Gerechtigkeit der Gesellschaft zu dienen.

Ambivalenz des Individualismus
An dem Beispiel des Detektivs lässt sich die Widersprüchlichkeit des Individualismus verdeutlichen: Obwohl jeder und jede versucht ihr eigenes Glück zu finden, gibt es etwas, das es zu schützen gilt – die Gesellschaft. Dieser Dualismus ist in der amerikanischen Gesellschaft besonders gross. Einerseits ist das Recht auf die Verwirklichung der eigenen Träume gesetzlich verankert und andererseits ist das Gefühl oder Bedürfnis sich öffentlich und gemeinnützig engagieren zu müssen in Amerika grösser als in den meisten Industriestaaten.

Der einsame Held in der Literatur und dessen Verpflichtung zur Einsamkeit ist die idealisierte Verkörperung der realen amerikanischen Moralvorstellung. Dass die Amerikaner aber versuchen, ihr eigenes Glück zu finden und sich gleichzeitig für das Gemeinwohl einsetzen, zeigt, dass sie das Schicksal der Einsamkeit oft nicht freiwillig wählen. Vielmehr versuchen die Amerikaner, die Ambivalenz des Individualismus zu überwinden.

 

Literatur zum Thema
Robert N. Bellah et al.: Gewohnheiten des Herzens – Individualismus und Gemeinsinn in der amerikanischen Gesellschaft, Bund-Verlag, Köln, 1987.

Ein Gedanke zu „Fiktive Helden und die amerikanische Moralidee

  • 21.04.2012 um 00:14
    Permalink

    Weshalb spricht man von einer amerikanischen ‘Moral Idee’ als ob die Wertvorstellungen Nordmarikas nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hätten? Man zitiert die Verfassung, verschweigt aber, dass diese Verfassung auf dem Fundament des biblisch-christlichen Weltbilds steht. Die Unabhängigkeitserklärung, mit der die amerikanische Geschichte ihren Anfang nahm, beginnt mit der Feststellung:

    “Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unabdingbaren Rechten ausgestattet sind, darunter das Recht auf Leben und Freiheit sowie das Streben nach Glück.”

    Der Individualismus steht also folglich nicht im luftleeren Raum. Er gesteht jedem dasselbe Recht auf Leben und Freiheit zu, die er seinem Schöpfer verdankt, und auf den seine Moralvorstellungen zurückzuführen sind. Aus welchen Grund wird diese Tatsache in diesem Aufsatz unter den Tisch gewischt?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Unabhängigkeitserklärung_der_Vereinigten_Staaten#Die_Pr.C3.A4ambel

    Kirk Cameron hat die in einem neuen Film festgehalten, dessen trailer hier zu sehen ist: http://www.youtube.com/watch?v=wIIqXiF-z6E
    http://www.monumentalmovie.com/

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