Christian Heller: “Post-Privacy”

Gut leben in einer verdateten Welt

Niemand weiss so viel über uns wie das Internet. Es weiss, wo wir wohnen, was wir mögen, was wir kaufen, womit wir uns beschäftigen. Und es weiss dies alles nicht nur, sondern erzählt es auch jedem weiter, der danach fragt. Blogger Christian Heller geht in seiner lehrreichen Analyse zum Niedergang der Privatsphäre der Frage nach, ob das denn wirklich so schlimm ist.

Von Lukas Hunziker.

post_privacyIn Christine Loves Indie-Game “Don’t take it personally, babe” tauscht sich eine Schulklasse im Jahr 2027 im sozialen Netzwerk der Schule offen über ihre intimsten Wünsche und Probleme aus – im vollen Wissen, dass der Lehrer mitliest. Darauf angesprochen, was Privatsphäre für sie bedeutet, geben sie an, sich unter dem Wort nicht wirklich etwas vorstellen zu können, es bezeichne ein veraltetes Konzept der Generation ihrer Eltern. Ein ganz so unwahrscheinliches Szenario ist dies nicht – zumindest nicht, wenn man Christian Hellers “Post-Privacy” glauben will. Laut ihm ist der Kampf der Datenschützer gegen Verletzungen der Privatsphäre auf dem Internet nicht nur ein Kampf gegen Windmühlen, sondern auch ein Kampf, den es vielleicht gar nicht wert ist zu führen.

Die Lichtseiten der gläsernen Gesellschaft

Heller analysiert in seiner essayistischen Abhandlung, welche Gefahren die Verdatung unserer Persönlichkeit und unseres Lebens tatsächlich mit sich bringt und welcher Vorteile wir uns vielleicht nicht bewusst sind. Tatsächlich muss die gläserne Gesellschaft, die von Verteidigern der Privatsphäre oft mit einem Orwellschen Überwachungsstaat gleichgesetzt wird, für ihre Mitglieder nicht per se (nur) negative Konsequenzen haben. Heller weiss mehr als ein Beispiel zu nennen, wie totale Transparenz im Netz neue Möglichkeiten eröffnet, z.B. wenn auf entsprechenden Dating-Sites plötzlich mögliche Partner gefunden werden, die Laster mit einem teilen, über die man bisher mit niemandem gesprochen hat. Das Schöne am Internet ist schliesslich, dass es die Suche nach gleichgesinnten Wesen auf dem Planeten erheblich vereinfacht.

Wissen über andere zu haben bedeutet zwar oft auch Macht über sie zu haben, allerdings nur so lange, bis diese ebenfalls über einen Bescheid wissen. Der Wunsch nach Privatsphäre ist dem Menschen schliesslich nicht angeboren, wie Heller im zweiten Kapitel seines Buches zeigt, sondern ein historisch gewachsenes Bedürfnis, das Wissen und die damit verbundene Macht, die Staat und Gesellschaft über einen haben, einzuschränken. Ist nun aber der Staat ebenso durchsichtig wie seine Bürger und steht ihnen ebenso entblösst gegenüber wie sie ihm, so schränkt dies seine Macht fast ebenso effektiv ein. Da das Internet, so folgert Heller, so radikal demokratisch in der Verbreitung von Informationen ist, kann es der Gesellschaft das geben, was sie bisher noch nie hatte: Wissen über diejenigen, die Macht über einen haben – und damit Macht über sie.

Sachbuchsprache, wie man sie zu selten liest

Christian Hellers Analyse ist jedoch noch ein Quäntchen komplexer als die obige Kurzversion seiner Hauptthese – und auch noch spannender zu lesen. Heller weiss, wovon er spricht, und er kann, wahrscheinlich weil das Bloggen ihn dementsprechend geschult hat, das relativ komplexe Thema auch für Laien verständlich ausdrücken, ohne dabei zu vereinfachen. “Post-Privacy” ist ein Sachbuch, von deren Sorte man sich mehr wünschte: wissenschaftlich fundiert, reich an konkreten Beispielen, sprachlich ebenso amüsant wie informativ – kurz: spannende Sachlektüre auf hohem Niveau. Das bereits erwähnte zweite Kapitel “Eine kleine Geschichte des Privaten” ist allein schon den Kauf des Buches wert: Auf zwanzig Seiten findet sich hier eine exzellente kulturgeschichtliche Analyse über die Entwicklung der Privatsphäre von der Antike bis in die Gegenwart. Man wünschte sich, Akademiker schrieben ab und zu so prägnant und zielgerichtet.

 

Titel: Post-Privacy: Prima leben ohne Privatsphäre
Autor: Christian Heller
Verlag: beck’sche Reihe
Seiten: 160
Richtpreis: CHF 18.90

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

3 Gedanken zu „Christian Heller: “Post-Privacy”

  • 23.04.2012 um 16:32
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    Ich vermisse den Link zum kostenlosen Download. Wo ist Michael Seemann, wenn man ihn braucht?

  • 27.04.2012 um 07:57
    Permalink

    Zum kostenlosen Download wovon? Eines Buches? Gehts noch? Oder gehst du gratis arbeiten?

  • 08.05.2012 um 21:01
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    Das war Sarkasmus. Und Bücher gibt es übrigens auch digital. Heller bezieht sich u.a. auf Seemann und dessen Ergüsse liest Du hier (4. Absatz): http://mspr0.de/?p=2925
    Aber ich hätte wohl ein *scnr* anfügen können.

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