Matthias Altenburg: “Jan Seghers’ Geisterbahn”

Der Blog fürs Bücherregal

Matthias Altenburg: “Jan Seghers’ Geisterbahn” (Tagebuch)

Sie verkaufen sich auch heute noch gut, die Tagebücher von Samuel Pepys, Max Frisch, Thomas Mann oder Ernst Jünger. Das Tagebuch ist eine der ältesten Textformen und auch heute noch topaktuell. Aber ein Blog in Buchform? Kann das funktionieren?

Von Lisa Letnansky.

jan_seghers_geisterbahnSeit fast sieben Jahren schreibt Matthias Altenburg, der Krimi-Fans wohl eher unter seinem Pseudonym Jan Seghers bekannt sein dürfte, ein Internet-Tagebuch namens „Geisterbahn. Tagebuch mit Toten“. Der Name ist dabei Programm: Nach kurzer Angabe des Datums, der Uhrzeit und der aktuellen Temperatur folgen persönliche Betrachtungen, Beobachtungen, Analysen, oder was den Schriftsteller sonst gerade so beschäftigt. Sehr häufig sind dies – wohl eine Berufskrankheit – mysteriöse oder sensationelle Todesfälle, aktuelle wie auch historische. Abgeschlossen wird jeder Eintrag mit den Namen von Personen, die an diesem Datum ihren Todestag „feiern“; mal ist es nur ein einzelner, mal eine ganze Reihe, mal gar Hunderte oder Tausende, wenn sich eine historische Katastrophe jährt.

Was Klimt und Falco gemeinsam haben

Der Aufbau der Tagebuch-Einträge beschwört eine eigentümliche Grundstimmung herauf: Durch die ständige Anwesenheit der vielen „Geister“ ist unterschwellig immer die Gewissheit über die universale Vergänglichkeit präsent. Auch wenn Altenburg von seinen Rad-Touren oder Lesungen, von Vogelbeobachtungen oder Kunstausstellungen erzählt, geschlossen wird immer mit dem Tod. Das mag makaber klingen, so wirkt es aber gar nicht. Lediglich die häufige Beschäftigung mit den Gräueltaten, Opfern und Tätern des Nationalsozialismus hinterlassen einen etwas schalen Nachgeschmack und übersteigen manchmal die übliche Sättigungsgrenze. Oft sind die genannten Toten aber persönliche Helden des Autors, wodurch eher der Eindruck einer Huldigung entsteht als der eines simplen Memento mori. So ist es möglich, dass E.T.A Hoffmann und Ted Bundy oder Gustav Klimt und Falco im selben Satz genannt werden können, was zuweilen ungeahnte Assoziationen auslösen kann.

Tagebuch oder Roman?

Aber auch die Alltagsbeobachtungen und persönlichen Gedanken (die ein Tagebuch ja ausmachen) sind durchaus unterhaltsam und beflügelnd, denn dieser Autor nimmt seine Umgebung mit unheimlich scharfem Blick wahr. Seine Sprache ist immer klar und treffsicher, seine Meinung vertritt er stets selbstbewusst, und da er weiss, dass ein Tagebuch eine gewisse Intimität voraussetzt, spart er auch nicht an amüsanten Anekdoten aus seinem Privatleben. Und auch die Komik kommt hier nicht zu kurz, zum Beispiel, wenn Altenburg spöttisch attestiert: „Statt Kindermode lese ich Kindermorde. Das kommt davon.“

So entsteht ein süffiges Gedanken- und Themen-Sammelsurium, das auch gut eine Weile am Stück gelesen werden kann, denn dem Tagebuch sind keine Grenzen gesetzt, wie der Autor selbst erkennt: „Vielleicht sind das ja die Formen, die noch ein bisschen Beweglichkeit zulassen oder erst erzeugen: Tagebuch, Interview, Gespräch, Internetforen.“ Die Behauptung des Klappentextes, „dieses Tagebuch ist ein Roman“, wäre aber dennoch etwas zu viel gesagt, denn dafür fehlt dem Text für seine über 400 Seiten doch die Kohärenz.

Die Tücken des gedruckten Blogs

Trotzdem bleibt die grundsätzliche Frage, warum ein Weblog überhaupt als Buch veröffentlicht wird. Das eigene Bücherregal um einen Blog zu bereichern, mag zwar für den Moment eine alberne Erheiterung auslösen, und auch als Klolektüre (denn das Badezimmer ist wohl der einzige Ort, an dem Laptop oder Smartphone mal nicht griffbereit sein könnten) eignet sich das Buch hervorragend. Texte auf Papier zu bannen, die alle auf einem Haufen frei und kostenlos im Internet zugänglich sind, erscheint hier aber dennoch als Resultat einer etwas seltsamen Nostalgie (und dass diese Kritik in einem Netz-Magazin erscheint, mag das Ganze noch ad absurdum führen). Oder möchte hier jemand mit Texten, in die er viel Arbeit gesteckt hat, versuchen, im Nachhinein doch noch etwas Geld zu verdienen? Wie auch immer, der Konsum eines auf Papier gedruckten Blogs hat für den Leser so seine Tücken, etwa wenn auf bestimmte Begebenheiten so kryptisch angespielt wird, dass die Vermutung naheliegt, der Autor wolle uns zu einer eigenständigen Recherche anregen. Da Lexika aber heutzutage nicht mehr zu jedermanns Grundausstattung gehören, bleibt einem nur das Googeln, was zwangsläufig darin endet, dass man einen Blog in Buchform vor dem Laptop liest – und sich dabei ein bisschen blöd vorkommt.

Da die „Geisterbahn“ auch vollständig unter www.janseghers.de verfügbar ist (und im Gegensatz zum Buch auch nicht am 15. Juni 2011 abbricht, sondern immer noch weitergeführt wird), liegt das folgende Fazit leider nahe: Diesen Blog sollte man lesen, aber doch eher dort, wo ein Blog hingehört, nämlich im Netz. Ein Must-Have ist das Buch höchstens für eingefleischte Fans; alle anderen, denen beispielsweise die finanzielle Unterstützung des Autors ein Anliegen ist, möchten die „Geisterbahn“ online lesen und seine Romane kaufen.


Titel: Jan Seghers’ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten
Autor: Matthias Altenburg
Verlag: Rowohlt
Seiten: 416
Richtpreis: CHF 35.40

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