Yves Grevet: “Méto. Das Haus”

Im Haus des Glücks

Yves Grevet: “Méto. Das Haus” (Lesung)

Eine Gruppe von Jungen lebt in einem Haus unter strenger Aufsicht, ständig in Angst vor Strafe, gleichzeitig aber auch froh um Sicherheit, Wärme und Nahrung. – Doch was passiert, wenn einem Jungen dies eines Tages nicht mehr genug ist? Wenn er wissen will, woher er kommt, wohin er geht und sich ein Leben in Freiheit erträumt? – In „Méto“ wird die Frage nach Freiheit und Selbstbestimmung packend gestellt und mit einer actionreichen, aber auch immer wieder zum Nachdenken anregenden Geschichte beantwortet.

Von Sandra Despont.

métoEs fängt mit dem Aufwachen an. Wieder einmal hat es einen erwischt. Einer der älteren Jungen ist seinem Bett entwachsen und wird flugs weggebracht, von den anderen mitleidig betrachtet. Niemand weiss, was mit ihm geschieht – auch, weil die Jungen bei allen aussergewöhnlichen Aktivitäten mit gesenktem Kopf still dastehen müssen. Nur eins ist klar: Die relative Sorglosigkeit im „Haus des Glücks“ hat für den Abgeholten ein Ende. An seiner Stelle wird ein neuer aufgenommen, Cassius, und Méto, ein älterer Junge, soll sein Mentor sein. Schritt für Schritt macht Méto den Neuen, und mit ihm auch den Hörer, mit Tagesablauf, Spielen, Regeln undBestrafungen im „Haus des Glücks“ bekannt. Dieser Kniff macht alle Erklärungen, die sonst künstlich klingen würden, glaubhaft. Man steckt in der Haut des Neulings, der staunend von den Gebräuchen im Haus erfährt, stellt dieselben naiven Fragen wie Cassius, ist überrascht über dieselben Dinge.

Zuckerbrot und Peitsche

64 Jungen teilen sich das Schicksal von Méto und Cassius. Sie wissen nicht, woher sie kommen, sie wissen nicht, wohin sie gehen. Eins aber wissen sie: Wer die Regeln einhält, bekommt Nahrung, hat warm, kann so viel essen, wie er will. Wer die Regeln nicht einhält, wird von den Aufsehern, den Caesaren, bestraft – bei der kleinsten Verfehlung, oft auch eine ganze Gruppe für die Tat eines einzelnen. Fragen und Sonderwünsche werden äusserst ungern gesehen. Geschieht die kleinste Unregelmässigkeit, werden die Jungen einer regelrechten Gehirnwäsche unterzogen, damit sie nicht auf unpassende Gedanken kommen. Tag für Tag folgen die Jungen einem bis ins Detail verplanten Tagesablauf, lernen, lassen sich für einen unbestimmten Zweck in Kampftechniken und Landwirtschaft ausbilden. Und eines Tages, das wissen sie, müssen sie das „Haus des Glücks“, wie ihr Wohnort auf einer Insel genannt wird, verlassen.

Wer zu gross wird, fliegt raus. Was mit ihm passiert? Niemand weiss es. Doch eine Mischung aus Dankbarkeit und Angst lässt die Jungen kuschen. Nur Méto macht sich immer mehr Gedanken über sein Dasein und das seiner Altersgenossen: Warum dürfen sie die Soldaten nicht ansehen? Wieso sind Fragen tabu, warum wird ihnen weder gesagt, was sie waren, bevor sie in das Haus gebracht wurden, noch was mit ihnen passiert, wenn sie eines Tages den fragilen Rahmen ihres Bettes sprengen und aus dem Haus gebracht werden? – Immer mehr zweifelt Méto und immer mehr bringen ihn seine Zweifel in Gefahr. Was werden die Caesaren mit ihm tun, wenn sie ihn als einen Feind erkennen? Und was kann man tun, wenn man wie Méto ein selbstbestimmtes Leben leben und nicht einfach alles mit sich machen lassen will? – Méto weiss, dass er alleine keine Chance hat und sucht deshalb Verbündete. Doch dies ist ein gefährliches Unterfangen, denn es gibt auch Verräter unter den Jungen…

Jugendtraum mit Widerhaken

„Méto“ spricht Jugendliche mit einer gelungenen Mischung aus Action in Form von Kampfspielen, Wettkämpfen und Rätseln an, ist aber trotzdem mehr als ein Abenteuerbuch für Jungs. Denn „Méto“ bietet nicht nur jede Menge spannender Momente und kleiner Höhepunkte, sondern enthält auch zahlreiche Widerhaken, die aus der spannenden Jungsgeschichte eine Auseinandersetzung mit der politischen und gesellschaftlichen Organisation einer Gemeinschaft machen. Sobald sich Méto und seine Kameraden nämlich vom Moral- und Ordnungssystem der Caesaren losgelöst haben, müssen sie für sich eine neue Orientierung finden und sich dabei so grundlegenden Fragen stellen wie: Wer soll die Entscheidungen treffen? Können alle gleich sein? Wie gehen wir mit Unrecht und Gewalt um? – Der Hörer wiederum wird durch seine Identifikation mit Méto ständig herausgefordert, auf diese Fragen selbst eine Antworten zu finden und Position zu beziehen.

„Méto“ ist damit viel mehr als ein naiver Jugendtraum vom Untergang der Erwachsenenwelt, ihren Restriktionen und Ungerechtigkeiten. Ganz bewusst wirft Yves Grevet die Jugendlichen auf sich selbst zurück und fragt: Und was dann? Was, wenn die Jugendlichen frei sind vom Diktat der Erwachsenen? Ist eine völlig andere Gesellschaft, eine Gesellschaft der Freiheit, der Gleichheit, überhaupt möglich? Oder gewinnen letztendlich nicht doch Egoismus und Machtgier? Müssen nicht doch Strafen eingeführt und einige Menschen benachteiligt werden, damit das Zusammenleben als Ganzes funktioniert? – Diese Fragen, ebenso wie die Frage, ob es den Jungen gelingen wird, das Haus zu verlassen und ein Leben in Freiheit zu beginnen, bleiben am Ende dieses ersten Teils der „Méto“-Trilogie offen, so dass man gespannt auf den zweiten Teil dieser vielversprechenden Fantasy-Dystopie, angekündigt für den Herbst dieses Jahres, warten wird.

Kein Stimmbrimbamborium

Fast zeitgleich zum Buch erscheint am 1. Mai im Audio Verlag auch eine Lesung von „Méto“. Sprecher Rainer Strecker macht in ihr alles richtig: So geradlinig und knapp wie die Handlung konstruiert ist, so geradlinig und knapp liest Strecker. Er veranstaltet kein grosses Stimmbrimbamborium, sondern trägt die Beschreibung der Zustände im Haus ebenso selbstverständlich vor, wie sie den Jungen, auch Méto, lange erscheinen. Durch diese Art des nur minimal dramatisierten Vortrags erreicht Strecker, dass man als Hörer immer mal wieder zurückspult, um sich des eben Gehörten zu versichern. Denn da Strecker die Ungeheuerlichkeiten, die Demütigungen und Qualen der Jungen ebenso nüchtern vorträgt, wie sie durch Grevet erzählt werden, geht einem oft erst nach einer Weile auf, was man da soeben gehört hat. Dies ist ein genialer Schachzug des Autors, der von Sprecher Rainer Strecker klug mitgetragen wird: Es wird dem Hörer selbst überlassen, die perfiden Mechanismen des Hauses zu entdecken, sie zu durchschauen und auf sie zu reagieren. Es ist der Inhalt, der „Méto“ trägt, und der keinerlei ausgeklügelter dramatischer Ausgestaltung bedarf, um seine Wirkung zu entfalten.

Hiermit sei allen, die Hörbücher mögen und die Fantasy ohne grossen technischen Schnickschnack, dafür mit reizvollen Gedankenspielen, nicht ganz abgeneigt sind, die Lesung von „Méto“ nachdrücklich ans Herz gelegt.


Titel: Méto. Das Haus
Autor: Yves Grevet
Übersetzerin: Stephanie Singh
Sprecher: Rainer Strecker
Verlag: Der Audio Verlag
Länge: 3 Cds, ca. 231 Minuten
Richtpreis: CHF 22.90

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