Queen Lear’s Zerfall | Tanzfestival Steps 2012

Queen Lear’s Zerfall

Queen Lear | Tanzfestival Steps 2012

© Jorris Jan Bos | Theaterfestival Steps 2012
© Jorris Jan Bos | Theaterfestival Steps 2012

Sabine Kupferberg und Michael Schumacher zeigen mit Queen Lear ein fulminantes Tanztheater am Tanzfestival Steps 2012. Die langjährigen Tänzer beweisen in ihrem zweiten gemeinsamen Stück ein Gespür für Fragilität und inszenieren den puren Zerfall nach William Shakespeares King Lear.

Von Noémie Delfgou.

Gesichtslos sitzt die stolze Queen Lear auf ihrem grün beleuchteten Thron im Zürcher Theater der Künste. Auf den ersten Blick wirken Michael Schumachers Hände, die das königliche Antlitz Sabine Kupferbergs verbergen, wie eine Maske. Langsam wachsen Schumachers Arme weiter aus der Thronlehne heraus und bilden gemeinsam mit Kupferbergs Armen skurrile Gebilde. Ihr vierarmiges Spiel deutet königliche Attribute wie Halskragen, Krone oder eine hochgesteckte Frisur an, wobei blitzschnell neue bildliche Assoziationen folgen. Die Körperteile beider Tänzer einen sich zur Figur Queen Lear und verleihen ihr ein wandelbares und temperamentvolles Erscheinungsbild. Stolz erhebt sich Queen Lear von ihrem Thorn, weist energisch mit dem Finger auf das Publikum und bohrt ihre Blicke in die gespannten Gesichter der Zuschauer. Abrupt erlischt das Bühnenlicht, wonach Kupferberg im Dunkeln lässig eine Zigarette raucht.

King Lear als Tanztheater
Sabine Kupferberg und Michael Schumacher lehnen ihr Tanztheaterstück an William Shakespeares wohl dunkelste Tragödie King Lear. Der in die Jahre gekommene König Lear möchte sein Reich unter seinen drei Töchtern aufteilen und ruft sie zu sich. Aufrichtig sollen sie ihm ihre Liebe beteuern. Cordelia, seine jüngste Tochter, vermag ihre väterliche Zuneigung nicht in überschwänglichere Worte zu fassen als in einer simplen, aber von Herzen kommenden, Liebeserklärung. Damit stürzt sie ihren Vater in eine rasende Wut, die den Zerfall seiner gesamten Familie herbeiführt. Der komplexe Verlauf Shakespeares Familientragödie deutet Kupferberg nur zu Beginn mit Shakespeare’schen Zitaten an, legt dann mit König Lears Worten “There is nothing to say“ das Mikrophon ab und widmet sich dem restlichen Abend ihrer ausdrucksstarken Bewegungssprache. Dabei wird schnell klar, dass sie ihren tänzerischen Fokus auf die Figur des Königs legt. Kupferberg verkörpert den alternden König in ihrer weiblichen Version verspielt, kindlich und clownesk. Ihr eigenes, bereits fortgeschrittenes Alter zieht eine eigentümliche Parallele zu König Lear. Kupferbergs wunderbare Bühnenpräsenz verweist immer wieder auf ihre jahrelange professionelle Tanzpraxis. Sie schöpft anhand ihrer markanten Ausdrucksstärke eine innerlich gebrochene Figur, die zwischen tiefer Liebe und rasender Wut schwankt. Ihr hervorragendes, oszillierendes Spiel packt und lässt die düstere Atmosphäre des Shakespeare’schen Stoffes aufblühen. Ab und zu erweckt ihr kindliches Tanzspiel witzige Momente, wenn sie sich beispielsweise in ihrer blinden Orientierungslosigkeit bis in den Zuschauerraum verirrt und sie Michael Schumacher behutsam zurück auf die Bühne trägt.

© Jorris Jan Bos | Tanfestival Steps 2012
© Jorris Jan Bos | Tanfestival Steps 2012

Facetten des Zerfalls
Während Kupferberg klar den figurativen Part des Stückes einnimmt, agiert Schumacher als effektvoller Gegenpart und zärtlicher Begleiter. Seine Darstellung schwankt zwischen einer Zu- und Abneigung gegenüber Queen Lear. Das tänzerische Zusammenspiel beider Figuren streift immer wieder grundlegende stoffliche Spannungen wie Zerfall, Alter, Liebe und Tod. So spritzt ihm Queen Lear Champagner ins Gesicht, er hingegen blendet sie in ihren königlichen Auftritten, indem er mit einem Spiegel die Lichtkegel in ihre Richtung umleitet. Das grelle Licht stellt ihren gealterten Körper erbarmungslos aus und verfolgt sie quer über die Bühne. Ein andermal baut er den königlichen Thron ab oder zieht den Stecker des Bühnenlichts, worauf das beissende Arbeitslicht den Zuschauerraum erleuchtet. Ein weiterer Hinweis auf den Zerfall Queen Lears bilden die Herbstblätter, die Kupferberg am Boden ausstreut und sich darin wälzt.

Fragiles Ende der Tragödie
Ihr fulminantes Zusammenspiel wird live von den Musikerinnen Mary Oliver (Alt-Viola) und Johanna Varner (Cello) begleitet. Ihre erst im zweiten Teil des Abends enthüllte Präsenz auf der Bühne bildet ein weiterer Höhepunkt des Abends. Denn sie harmonieren perfekt mit den beiden Tänzern und untermalen mit ihrer visuellen Anwesenheit und musikalischen Meisterleistung den krönenden Schlusstanz. In ihrem letzten Tanz häufen sich neben behutsamen Hebefiguren und engumschlungenen Drehbewegungen vermehrt abrupte Ausrutscher und Fehltritte. Schumachers stützende Funktion wird stets schwächer, so dass das fragile Tanzpaar auseinanderzubrechen droht und schliesslich Queen Lears seelischer und körperlicher Zerfall endgültig eintritt.

© Jorris Jan Bos | Tanfestival Steps 2012
© Jorris Jan Bos | Tanfestival Steps 2012

Erfolgreiches Duo Kupferberg & Schumacher
Die gebürtige Holländerin Sabine Kupferberg galt in den 1980er Jahren als Muse des Choreographen Jiri Kyliàn und wirkte in zahlreichen Produktionen des Nederlands Dans Theater (NDT) mit. Der Amerikaner Michael Schumacher wurde stark von William Forsythe beeinflusst und tanzte lange in seiner Compagnie. Seit 2007 choreographieren Sabine Kupferberg und Michael Schumacher erfolgreich gemeinsame Tanztheaterstücke und touren damit durch ganz Europa.

Besprechung der Aufführung vom 24.4.2012, Theater der Künste, Zürich. Aufführung im Rahmen des Tanzfestivals Steps 2012.

Dauer: 60 Minuten

Choreographie: Sabine Kupferberg und Michael Schumacher / Tanz: Sabine Kupferberg und Michael Schumacher / Musik: Mary Oliver (Alt-Viola), Johanna Varner (Cello) / Musikstücke: JOMO „Bedtime stories“, komponiert von Johanna Varner & Mary Oliver. „Elegy“, komponiert von Mary Oliver / Sound: Michiel Bromgers / Bühne: Pink Steenvoorden / Kostüme: Joke Visser und Hermien Hollander / Licht: Ellen Knops / Sprecher: Tom Koch / Uraufführung: Den Haag, Korzo Theater im Rahmen des Holland Dance Festival, 14. November 2009.

Queen Lear ist eine Produktion des Holland Dance Festival

Im Netz
Tanzfestivals Steps: www.steps.ch
Nederlands Dans Theater: www.ndt.nl

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