Erika Pluhar: „Im Schatten der Zeit“

Augen zu und durch?

Erika Pluhar: „Im Schatten der Zeit“ (Roman)

Familie und Krieg verändern nicht nur die Träume der begabten, eigenwilligen Kunsthandwerkerin Anna, sondern auch sie als Mensch. Erika Pluhar erschafft eine inspirierende Protagonistin in einem Text zwischen Märchen und Realgeschichte.

Von Noemi Jenni.

imschattenderzeitAnna Goetzer soll im prüden Wien der 1920er Jahre Glasmalerin werden. So will es ihr Vater und so will sie es selbst, allen sozialen Normen zum Trotz. Sie ist Einzelgängerin, asozial, träumerisch und künstlerisch begabt. Ihr Vater, ein Deutscher, verkehrt im Deutschen Klub, wohin er sie und ihre Schwestern mitnimmt, wo nationalistische Ideen kursieren und wo sie ihren Mann Josef kennen lernt.

Josef geht für die Arbeit nach Brasilien, Anna folgt ihm und sie heiraten. Ihre künstlerische Karriere legt sie auf Eis. Immer ist ihr klar, dass sie Josef nicht leidenschaftlich liebt und seine nationalsozialistischen Ideen nicht teilt, doch sie bleibt trotzdem. Sie bekommen ein Kind und finden wieder eine Gemeinsamkeit in der erkaltenden Beziehung. In Rio verkehrt Josef in deutschen nazi-affinen Kreisen, was ihn dann 1938 auch dazu motiviert, nach Deutschland zu gehen, um den Führer zu unterstützen. Anna, schon lange von Heimweh geplagt, freut sich auf eine Rückkehr ins geliebte Österreich mit der Landidylle und den Streuselkuchen. Trotz Widerstreben und Unbehagen gegenüber den enthusiastischen Äusserungen ihres Mannes zur Idee des deutschen Reiches bleibt sie stumm. Zurück in Europa spürt sie, dass ein starker politischer Prozess in Gang ist, meidet aber das Thema und alles Politische und konzentriert sich auf ihr kleines Familienglück – ihre Kreativität scheint blockiert und weggesperrt. Doch als Wien bombardiert wird und Josef als Soldat für Deutschland an die Front geht, ist es mit dem Verdrängen vorüber und eine intensive Identitätssuche beginnt.

Wissen und wissen wollen

Einfühlsam und realitätsnah beschreibt Erika Pluhar das Leben Annas, einer von vier Töchtern des Glasmalers Franz Goetzer, die so ganz anders ist als ihre Schwestern und besonderen Wert auf diese Andersartigkeit legt.

Mit viel Feingespür für die psychischen Vorgänge und Entwicklungen beschreibt die Autorin die verschiedenen Phasen im Leben von Anna – die Suche nach ihrer Position in der Familie als Kind, die Identitätssuche und Kompromisslosigkeit als Jugendliche, Orientierungsprobleme und Melancholie als werdende Mutter, die einschneidenden Kriegserfahrungen und Stärkung ihres Charakters als Familienmutter.

Mit spitzer Feder zeichnet die Autorin ihre Figuren sehr exakt, echt und nachvollziehbar, so dass die Protagonistin vor dem geistigen Auge des Lesenden plastisch entsteht. Mit ihren kurzen, präzisen Sätzen beschreibt die Autorin auf nüchterne Weise die persönliche Entwicklung der jungen Frau. Das Buch, das zuerst mit der Sprache eines Märchens dazu verleiten könnte, abzuheben und eine Heldin zu erschaffen, überzeugt durch seine Realitätsnähe, seine Schlichtheit und seinen Tiefgang. Erika Pluhar kreiert ihrem Heimatland ein Denkmal, in dem sie mit der Kriegsgeschichte ganz ohne Pathos kritisch verfährt und die Position eines aktiven Mitläufers und das ängstliche Wegschauen seiner Frau thematisiert. Damit gibt sie einem Schicksal aus der anonymen Masse der damaligen Mehrheit ein Gesicht.


Titel: Im Schatten der Zeit
Autorin: Erika Pluhar
Verlag: Residenz
Seiten: 284
Richtpreis: CHF 31.40


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