Sigrid Damm: „Wohin mit mir“

Bestandesaufnahme in der Ewigen Stadt

Sigrid Damm: „Wohin mit mir“ (Roman)

Für Goethe stellte der Aufenthalt im Rom des 18. Jahrhunderts eine berauschende Erfahrung dar, auf die er noch lange wehmütig zurückblickte. Als nun aber die Goethekennerin Sigrid Damm ihr Heim in die italienische Metropole verlegt, hat sie zunächst Mühe, sich zurechtzufinden und sich von ihrem geliebten Norden zu lösen. In einer Art Reisebericht erzählt die Schriftstellerin von ihrem halbjährigen Aufenthalt in Rom kurz vor der Wende zum neuen Jahrtausend. Dieses sehr persönliche Buch erlaubt dem Leser einen Einblick in die Gedankenwelt Sigrid Damms und nimmt ihn mit in die Kirchen, Pärke und Museen der lärmenden Stadt.

Von Louanne Burkhardt.

wohinmitmirNachdem sie die Arbeit an „Christiane und Goethe“ abgeschlossen hat, folgt die deutsche Autorin Sigrid Damm einer Einladung nach Rom. In der „Casa di Goethe“ tritt sie ihr halbjähriges Stipendium an. Was genau sie von dieser Reise in den Süden erwarten soll, weiss sie noch nicht. Einerseits freut sie sich, Zeit für sich zu haben und die Ewige Stadt zu erkunden – immer auf den Spuren des von ihr hochgeschätzten Goethe, der durch Zitate während des ganzen Romans allgegenwärtig ist – andererseits sehnt sie sich nach Ruhe und den Weiten Lapplands, das Inhalt ihres nächsten Buchprojekts sein soll. Dieser Gegensatz zwischen dem hektischen und lauten Rom und ihren Gedanken, die immer wieder nordwärts wandern, führt dazu, dass sich Sigrid Damm in ihrem temporären Zuhause lange fremd fühlt.

Reisetagebuch aus der Kulturstadt

Nach einigen Wochen und vielen schlaflosen Nächten lernt sie dann aber doch, diese ambivalente Stadt zu lieben. Ihre Anker sind das ältere römische Ehepaar, welches der Deutschen hartnäckig die schönen Plätze in der Stadt zeigt und mit ihr Italienisch spricht. Oder Baschal, der Pförtner eines Klosters, sowie die deutsche Bettina, die in ihrer Buchhandlung noch Ingeborg Bachmann als Kundin empfangen durfte.

Der Roman, der wie ein Reisetagebuch daherkommt und von den Eindrücken, Gedanken und Zweifeln der Autorin erzählt, wurde mit einer Distanz von mehr als zehn Jahren verfasst. Rückblickend bringt Sigrid Damm ihr halbes Jahr in Italien zu Papier. Sie bereichert die persönlichen Reflexionen mit gut recherchierten Hintergrundinformationen zu den besuchten Kirchen, den bestaunten Kunstwerken und den Orten, die sie während ihrer Lesereisen und Besuchen von Bekannten sieht. Es entsteht ein sehr dichtes Werk, das in einer flüssigen, aus kurzen Sätzen bestehenden Sprache einen Blick auf private Seiten der berühmten Autorin zulässt.

Wie eine Schriftstellerin lebt…

Während Sigrid Damm sich mit der fremden Stadt anfreundet, klettert ihr in Deutschland soeben erschienenes Buch „Christiane und Goethe“ die Bestsellerlisten hoch und entwickelt sich zu einem regelrechten Kassenschlager. Anrufe mit Angeboten für Lesungen und Vorträge erreichen sie täglich. Als Leser erhalten wir Einblick in das Leben einer erfolgreichen Schriftstellerin und sehen hinter die Kulissen des Verlagswesens und Literaturbetriebs. Sigrid Damm lehnt die meisten Angebote ab, widmet sich ganz ihrem neuen Projekt, das sie zusammen mit ihren beiden Söhnen realisieren möchte. Die Söhne, beide auch Künstler, besuchen sie in Rom und arbeiten mit ihr gemeinsam am Text- und Bildband über Lappland.

Erinnerungen an ein ereignisreiches Leben

Doch nicht nur Reiseerlebnisse und Berichte über ihre schriftstellerische Tätigkeit bilden Inhalt des Romans: In ihren teilweise beinahe wie Selbstgespräche anmutenden Reflexionen denkt Sigrid Damm über sich und ihr Leben nach, schreibt vom Älterwerden, ihrer Liebe zu ihrem ersten Grosskind und blickt auf verschiedene Stationen ihres Lebens zurück. Sie erinnert sich an frühere Reisen, die sie unter erschwerten Umständen als DDR-Bürgerin vor dem Mauerfall unternommen hatte. Immer wieder taucht da die Hochzeitsreise ins ebenfalls sozialistische Kuba in ihren Gedanken auf. Schnell merkt man, die Autorin war bei bedeutenden Momenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dabei und erlebte den Kalten Krieg hautnah.

Der Roman „Wohin mit mir“ ist vieles in einem: Reisebericht – durchaus geeignet für kulturbegeisterte Italienreisende – persönlicher Einblick ins Leben einer Frau mitten im Literaturbetrieb, Bestandesaufnahme einer jungen Grossmutter und auch ein Stück deutsche Zeitgeschichte.

Man muss sich auf dieses besondere Buch einlassen können und sich Zeit nehmen, die Autorin auf ihre Reise durch Italien und zu sich selbst zu begleiten. Gelingt einem dies, erlebt man das Lesen dieses intimen, nachdenklichen und sehr poetischen Buches als grosse Bereicherung: Ein Leseerlebnis, das man nicht alle Tage hat.


Titel: Wohin mit mir
Autorin: Sigrid Damm
Verlag: Insel
Seiten: 286
Richtpreis: 23.90.

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