Stanislaw Lem “Solaris” | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau/Box

Philosophie im Weltall

Stanislaw Lem “Solaris” | Schauspielhaus Zürich, Schiffbau/Box

Bild: Yvon Jansen, Jirka Zett | Foto|Copyright: Matthias Horn
Bild: Yvon Jansen, Jirka Zett | Foto|Copyright: Matthias Horn

Auf dem fernen Planeten Solaris erforschen Wissenschaftler einen gigantischen Plasma-Ozean, der nicht nur die Planetenbahn stabilisiert, sondern auch einen mysteriösen Einfluss auf die Menschen vor Ort auszuüben scheint. In diesem extraterrestrischen Umfeld stellt der Jungstar Antú Romero Nunes die durchaus weltlichen Fragen nach Sein und Schein, den Auswirkungen menschlichen Handelns und – nicht zuletzt – den Regeln der Liebe.

Von Lisa Letnansky.

Massive Gitterroste begrenzen die überschaubare Box im Schiffbau gegen oben und unten, Monitore aus dem letzten Jahrtausend säumen den Bühnenrand, grelle Neonlichter blenden den Besucher beim Eintreten. Es ist, wie man es sich in einem Raumschiff vorstellt: eng, karg und unnatürlich hell. Dann betritt die Hauptfigur aus Stanislaw Lems 1961 erstmals erschienenen Roman den Schauplatz: Kris Kelvin hat gerade einen 16-monatigen Flug hinter sich und soll nun als junger Psychologe das Forscherteam auf dem Planeten Solaris unterstützen. Dass Kelvin aber nicht nur einmal, sondern gleich in doppelter Ausführung auf der Bühne erscheint, leitet gleich das Grundthema des Stücks ein. Das Publikum, das rund um die Bühne herum angeordnet ist, sieht immer einen der Doppelgänger von vorn und einen von hinten: die (Selbst-)Spiegelung ist das wiederkehrende Motiv, anhand dessen Nunes existentialistische Fragen zu erörtern versucht.

Der Doppelgänger, die Kopie und das Individuum
In himmelblauen Overalls, mit Vollbärten und zurechtgegelten Seitenscheiteln wechseln sich nun Jirka Zett und Yvon Jansen in den Rollen ab, diskutieren miteinander, sprechen zum Publikum und werfen einander Stichworte zu. Wer der beiden gerade Kelvin verkörpert und wer Snaut oder Sartorius, die letzten beiden Mitglieder der Besatzung, ist dabei nicht immer einfach zu erkennen. Das tut dem Verständnis jedoch keinen Abbruch, innert kurzer Zeit sind Vorgeschichte und aktuelle Situation skizziert: Gibarian, Kelvins früherer Mentor, hat am Tag zuvor Selbstmord begangen und merkwürdige, menschenähnliche Wesen werden an Bord gesichtet. Kurze Zeit später erscheint Harey vor Kelvin, seine Frau, deren Selbstmord er vor einigen Jahren nicht verhindert hatte.

Bild: Yvon Jansen, Jirka Zett | Bild|Copyright: Matthias Horn
Bild: Yvon Jansen, Jirka Zett | Bild|Copyright: Matthias Horn

Kelvin wird jedoch bald klar, dass es sich bei dieser Frau nicht um „seine“, sondern um eine Art „reduzierte Harey“ handelt, basierend auf einigen ihrer Charaktereigenschaften. Er glaubt erst an eine Hochstaplerin und schickt sie in einer Raumkapsel in die Umlaufbahn, was sie jedoch nicht daran hindert, kurz darauf wieder auf der Station zu erscheinen. Mittels komplizierter Berechnungen, die er mit den Ergebnissen des Computers abgleicht, vergewissert sich Kelvin seiner geistigen Gesundheit und landet schliesslich in einem philosophischen Exkurs über Sein und Schein. “Existiere ich ausserhalb von Ihnen?“ fragt er das Publikum und beantwortet die Frage anhand eines unterhaltsamen Experiments. Mindestens so zentral ist jedoch auch die Frage nach dem Wesen der Liebe, denn bald schon nimmt Kelvin die Harey-Kopie, die anfangs nur „einen Teil seines Gehirns widerspiegelte“, als eigenständige Person wahr und kann sich irgendwann sogar nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Allmählich entwickelt sich zwischen den beiden eine enge Beziehung, deren sämtliche Facetten Jirka Zett und Yvon Jansen auf glänzende Weise und überzeugend menschlich zu porträtieren verstehen.

Eigenständig und stilbewusst
Nunes’ Interpretation des Romans kommt erfreulicherweise vollständig ohne Anlehnungen an die beiden doch recht bekannten Verfilmungen (Andrei Tarkowski 1972, Steven Soderbergh 2002) des Stoffes aus. Das geschah anscheinend ganz bewusst, denn auf den Film als Medium greift er durchaus zurück. Absonderliche Animationen, die an “La planète sauvage“ von René Laloux erinnern und somit wieder eine Parallele zu den 60er und 70er Jahren schaffen, flimmern über die Monitore, und Sebastian Pircher von Impulskontrolle filmt die Akteure und das Publikum während des Stücks und setzt sie so wiederum spielerisch spiegelnd in Szene.

Bild: Sebastian Pircher, Jirka Zett | Foto|Copyright: Matthias Horn
Bild: Sebastian Pircher, Jirka Zett | Foto|Copyright: Matthias Horn

Überhaupt versteht es der 1983 geborene Regisseur, der mit seinen Stücken bereits unter anderem in Hamburg, Frankfurt und Berlin begeisterte, Spezialeffekte einzusetzen, ohne wie momentan so einige andere der Effekthascherei zu verfallen. Er lässt Rauch aufsteigen, blubbernden Schaum aus dem Boden quellen, untermalt die Szenen mit Musik und Projektionen; er lässt es sogar regnen und schneien, hält dabei aber stets stilsicher die Balance. Schade ist einzig, dass er der alkoholbedingten Komik gegen Ende ein wenig zu viel Platz einräumt, was das Ganze in Richtung Klamauk ausarten lässt. Da aber auch dieser Teil durchaus unterhaltsam ist, verzeiht man ihm das gerne.


Besprechung der Premiere am 18. Mai 2012
Weitere Vorstellungen bis am 16. Juni 2012

Dauer: ca. 90 Minuten, ohne Pause

Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Judith Hepting
Musik: Johannes Hofmann
Video: Sebastian Pircher (impulskontrolle)
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Nina Rühmeier

Besetzung
Yvon Jansen, Sebastian Pircher, Jirka Zett

Im Netz
www.schauspielhaus.ch


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