Alice Munro: „Was ich dir schon immer sagen wollte“

Bleiben wir realistisch

Alice Munro: „Was ich dir schon immer sagen wollte“ (Erzählungen)

Verirrte, Enttäuschte und alleine Zurückgelassene – die Kanadierin Alice Munro erschafft packende Antihelden – auf Zeit. Nun liegen die 13 melanscholischen und messerscharfen Kurzgeschichten aus dem Jahr 1974 erstmals auf Deutsch vor.

Von Noemi Jenni.

wasichdirschonimmersagenwollte„Jedenfalls weiss er, wie man die Frauen um den Finger wickelt“, beginnt die Eröffnungsgeschichte, die gleichzeitig dem Buch seinen Titel verleiht. Drei alte Menschen wohnen zusammen, das Ehepaar Arthur und Char zusammen mit Chars lediger Schwester Et. Chars Jugendliebe taucht im Dorf auf, die Erinnerungen von früher werden in Et wieder lebendig und sie fragt sich, ob da nicht noch Gefühle zwischen den beiden bestehen. Et ist schon seit Jahren in Arthur verliebt, hütet dieses Geheimnis jedoch streng. Typisch für die Autorin mit ihrer sachlichen und stets nah an der nackten Realität bleibenden Erzählweise, kracht es im Dreierhaushalt nicht. Et befindet sich in der Zwickmühle – hin- und hergerissen, ob sie Arthur alles über Chars Vergangenheit und ihre eigenen Gefühle sagen soll. Als Char stirbt, bleiben Et und Arthur weiter zusammen im selben Haus und nun wäre die Gelegenheit für Et gekommen. Doch Munro schliesst die Erzählung mit dem Satz: „Wenn sie verheiratet gewesen wären, hätten die Leute gesagt, sie wären sehr glücklich“.

Eine andere Erzählung mit dem verheissungsvollen Titel: „Auf dem Wasser gehen“, ist eine wahnwitzige Geschichte über die Wahrnehmung alter Menschen von der jungen Generation. Ein alter Mann versucht seine jungen, primitiven Nachbarn zu verstehen und auch den hochgebildeten jungen Mann, der von parapsychologischen Phänomenen fasziniert ist und sie testet. Dieser versucht auf dem Wasser zu gehen, das halbe Dorf ist als Zuschauer versammelt und er scheitert vor dem Publikum kläglich und geht unter. Der alte Mann versagt darin, die aus seiner Sicht egozentrische, selbstverliebte und verantwortungslose Lebensweisen der Jungen zu durchschauen. Die Zeit ist an ihm vorbeigezogen und er ist, anders als der junge Mann, stehengeblieben.

Jedes Leben ist es wert

Was beim Lesen erstaunt: Die Geschichten spielen in den 1970er Jahren und doch sind die Themen aktuell geblieben. Alte Menschen, die das Leben der Jungen nicht mehr nachvollziehen können, Frauen, die ihre Männer nicht mehr verstehen, die Pubertät, die Familienkonstellationen und die Beziehungen zwischen Jungen und Mädchen verändert. In den 13 Geschichten lässt Alice Munro niemanden aus, alle Alter, alle sozialen Schichten, alle Lebenslagen sind da, rückblickend, ausblickend, alle in einem Buch. Der Lesende geht durch eine dunkle Stadt mit erleuchteten Wohnzimmern und darf kurz zu den Menschen hinein sehen, erlebt eine Episode ihres Lebens mit ihnen und geht weiter. Es ist wie das Aufschlagen in einem Fotoalbum. Die Erinnerungen sind plötzlich wieder tief, ergreifend und handfest.

Die kanadische Schriftstellerin schreibt in ihrem gewohnt melancholischen, kargen Ton, der unbarmherzig jede Gegebenheit und Gefühlsregung auf den Punkt bringt. Doch die Sammlung von Erzählungen ist düsterer als neuere Erzählbände, wie „Tricks“ oder „Himmel und Hölle“. Kaum eine Geschichte enthält keinen unheilbar Kranken oder einen tödlichen Unfall, und Alice Munro lässt ihre Figuren damit umgehen, sich erdrücken lassen, damit vereinsamen. Die Autorin fasziniert mit einem bezaubernden Erzählstil mit Sinn für perfekte Details und exaktes Timing. Die Geschichten schliessen weder mit Happy Ends noch bombastisch, es ist mehr, als würde man eine Tür einen Spalt breit öffnen und dann wieder sachte schliessen und die Menschen weiterleben lassen. Doch jedes Leben ist es wert, erzählt zu werden. Bleiben wir also realistisch, realistisch wie Alice Munro.


Titel: Was ich dir schon immer sagen wollte
Autorin: Alice Munro
Übersetzerin: Heidi Zerning
Verlag: Doerlemann
Seiten: 377
Richtpreis: CHF 35.00

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