“Attack The Block” von Joe Cornish

Late To The Block Party – But Everyone’s Still Invited

“Attack The Block” von Joe Cornish

ET - Nightmare Edition

Wie bei vielen Genre-Filmen kann die tragende Idee von „Attack The Block“ in einem Satz erklärt werden: Ein Sozialbauviertel in einem Londoner Vorort erlebt eine Alieninvasion, und das jugendliche Prekariat schlägt zurück. Das ist als Ausgangslage originell genug, könnte aber zu einem Gimmick verkommen – wenn „Attack The Block“, wie alle guten Genre-Filme, es nicht verstehen würde, dem kruden Gerüst im Detail Glanz zu verpassen. Oder, in diesem Falle: Kratzspuren, Beton, Action, Menschlichkeit, und eine heftige Dosis schwarzen Humor.

Von Christof Zurschmitten.

London, die Nacht des 5. Septembers. Während der Himmel im Gedenken an Guy Fawkes von Feuerwerkskörpern erhellt wird, geht es in Bodennähe dunkler zu: Eine Krankenschwester (Jodie Wittaker) wird von einer Gang vermummter Gestalten auf offener Strasse ausgeraubt. Dass sie es mit ihren Gewaltandrohungen ernst meinen, zeigt sich, als einer der vermeintlichen Feuerwerkskörper vom Himmel stürzt und eine seltsame Kreatur mit sich bringt, die die jugendlichen Kleinkriminellen anfällt – und von ihnen im Gegenzug totgeprügelt und unter heftigem Trash Talk als Trophäe zurück in den heimischen Block getragen wird.

In dieser kurzen Sequenz zeigen sich bereits die zentralen Qualitäten des Films: Eine Kamera, die mühelos vom neutralen Beobachter zum extrem dynamischen Komplizen wird und dabei jeden Tropfen Adrenalin einfängt, den das bescheidene Budget hervorbringen kann; eine Bande von Protagonisten, die nicht trotz, sondern wegen ihres „Problemhintergrunds“ einer drastischen Situation gewachsen sind, die nach drastischen Mitteln verlangt; und Bislang-noch-Laien-Schauspieler (allen voran John Boyega), die zwischen geschriebenen Stakkato-Dialogen und freier Improvisation jene dem Genre-Kino eigentlich artfremde Qualität hervorbringen: Authentizität.

Am neuen Schauplatz kommt all dies richtig zur Entfaltung: Der Block, ein Monument dystopisch anmutender Sozialbauarchitektur, wird zum Schaukasten einer unromantischen sozialen Realität, die nur punktuell Richtung Absurdität überzeichnet wurde: Zwischen ungelenken Flirtversuchen, mehr oder weniger harmlosen Hackordnungen und einem ausgedehnten Kiffer-Vorrat geht das tote Alien bald vergessen, das sicherheitshalber in der Wohnung des lokalen Dealer (Nick Frost) verstaut wurde. Bis die Anti-Realität in Form ausserirdischer Alptraumgestalten in die Anti-Idylle einbricht und der Block zur klaustrophobischen Falle wird, in der Verstecken und Fliehen keine Option mehr sind.

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Von diesem Moment an ist „Attack The Block“ ganz Genre-Kino, das den Schauplatz und die Herkunft seiner Protagonisten hauptsächlich im Modus der Action verhandelt: Cinéma Beur it ain’t, und auch nur bedingt Cinéma peur. Denn auch wenn im folgenden Kleinkrieg jugendliche „Hoodies“ und ausgewachsene Monstern beiderseits äusserst blutige Verluste hinnehmen müssen, geschieht dies immer mit einem Augenzwinkern. Nicht zufällig wurde der Film produziert von Nira Park, die schon den bei aller Verschlufftheit im Geist und Gore durchaus verwandten „Shaun of The Dead“ produzierte. (Shaun-Regisseur Edgar Wright wirkte als ausführender Produzent ebenfalls mit.) „Attack The Block“ weist denn auch eine weitere wesentliche Qualität guten Genre-Kinos auf: Er macht Spass, und zwar nicht zu knapp.

Mehr müsste Joe Cornishs Debutfilm auch gar nicht leisten, um ein guter Kandidat für künftigen Kultstatus zu werden. Dass „Attack The Block“ aber ausgerechnet 2011 herauskam, stellt ihn in einen interessanten Zusammenhang: Viele Kritiker attestierten dem – bereits 2010 gedrehten – Film angesichts in diesem Jahr aufflammenden „England Riots“ prophetische Qualitäten, oder doch eine aussergewöhnliche Wachheit angesichts der politischen Realität. Wieviel davon ein glücklicher Zufall war und wieviel tatsächlich der Sensiblität Cornishs  geschuldet ist (der selbst den Hintergrund seiner Akteure nicht teilt), darf offen bleiben: Fest steht, dass „Attack The Block“ einer jener seltenen Glücksfälle ist, bei denen das Genre-Kino über sich selbst hinauswächst, und trotzdem ganz bei sich bleibt.

Ausstattung

Die Ausstattung ist eher dünn, aber ok: Neben dem zu erwartenden Trailer ist vor allem ein “Dreh-Tagebuch” aufschlussreich. Dieses zeigt nicht nur viele Facetten der Produktion – vom Casting bis zu den Spezialeffekten , sondern bringt einem insbesondere auch die jugendlichen Darsteller mit ihrer erfrischenden Offenheit näher.

Seit dem 24. Februar 2012 im Handel.

Originaltitel: Attack The Block (UK 2011)
Regie: Joe Cornish
Darsteller: Jodie Whittaker, John Boyega, Luke Treadaway, Nick Frost u.a.
Genre: Komödie, Horror, Action
Dauer: 88 Minuten
Bildformat: 16:9/1:2.35
Sprachen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Audio: DD 5.1
Bonusmaterial: Making-of, Trailer
Vertrieb: Praesens

Im Netz
Trailer
Offizielle Seite zum Film

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