“Life and Death of Marina Abramović“ | Theater Basel

Ein Leben in Bild, Wort und Gesang

“Life and Death of Marina Abramović“ | Theater Basel

Bild|Copyright: Lucie Jansch
Bild|Copyright: Lucie Jansch

Sie wird als die “härteste Künstlerin der Welt” (Der Stern) und “Mutter aller Schmerzen” (NZZ Folio) bezeichnet. Sie ist erst mit 29 Jahren von daheim ausgezogen, aber dass sie darum ein verzärteltes Geschöpf wäre, kann wirklich niemand behaupten. Sie hat sich einen Stern auf den Bauch geritzt, sich von Zuschauern beinahe töten lassen und in ihrer letzten Performance von 2010 “The Artist is Present” setzte sie sich im MoMA in New York zweieinhalb Monate lang auf einen Stuhl. Gestern Abend war Marina Abramović in der Inszenierung “Life and Death of Marina Abramović“ von Robert Wilson neben Willem Dafoe und Antony im Theater Basel zu Gast. Das Leben als Kreislauf und sehen konnte man Abramovićs Kreislauf des Lebens. “Life and Death of Marina Abramović“ ist noch bis und mit Freitag in Basel zu sehen.

Die Arbeit an der Inszenierung “Life and Death of Marina Abramovic” hat die Künstlerin mit Robert Wilson nach der Performance am MoMA in Angriff genommen. Dass wir alle einmal sterben, wissen wir und mit zunehmendem Alter rückt dieses Bewusstsein immer näher. Auch für Marina Abramović: “Das ist jetzt der dritte Teil meines Lebens, und ich möchte den Tod als einen Teil davon betrachten, im Bewusstsein, dass es jederzeit passieren kann. Wichtiger noch ist für mich, bewusst zu sterben, ohne Angst. Nicht wütend. Und nicht enttäuscht über Dinge, die ich nicht getan habe. Der Tod wird ein Fest.”

Die berühmten und eindrücklichen Bilder Robert Wilsons belohnen uns auch hier. Plakativ, oft anrührend und komisch nehmen die Lebensabschnitte der Künstlerin als durchkomponierte Tableaus den Platz der Bühne ein, nicht nur in der Horizontalen, auch in der Vertikalen. Wir steigen ein in den Abend mit drei Särgen auf der Bühne, in jedem liegt die Künstlerin (oder doch die Mutter, in deren Rolle sie an diesem Abend schlüpft?), weiss geschminkt, bleich, tot. Zwei herumstreunende Hunde verdichten das Bild – fressen und gefressen werden – einmal die Leckerbissen von den Hunden, ein andermal das Leben der Menschen durch irgendein Ereignis. Darauf folgt die Kindheit in Bildern, die Geschichte mit der Schweizer Waschmaschine, die Geschichte im Spital, die Geschichte vom kleinen Haus und die von Marina Abramović persönlich erzählte Geschichte (nebst derjenigen von der Trennung von Ulay, die sie auf er Chinesischen Mauer als Performance durchlebten), die vom “als ob sie eine Chance“, “als ob sie je die Kontrolle gehabt hätte“ handelten. Das Leben als Aneinanderreihung von Bildern und Erlebnissen, die man selbst oft nicht steuern kann.

Ein Erzählfest
Und komisch wird es zuweilen dann, wenn es die Erlebnisse auch nicht waren. Die Künstlerin, die auch gerne Witze erzählt, lässt uns einen solchen durch den geckenhaften “Lebensgeschichtenerzähler“ Willem Dafoe erfahren. Nämlich, wie man im Balkan Wolfsratten züchtet. Das war lustig. Auch lustig und doch mit einer gewissen Tragik sind Geschichten wie die um ihre ungeliebte grosse Nase, die sie unbedingt beim schnellen Umrunden des kantigen Bettes ihrer Eltern brechen wollte. In der Tasche hatte sie schon ein Foto von Brigitte Bardot, das sie im Spital dem Chirurgen unter die Nase halten wollte. Oder als sie – um die Mutter zu ärgern, mit der sie eine Hassliebe verband – ihr Zimmer mit brauner Schuhcreme zuschmierte, worauf diese das Zimmer nie mehr betrat. Und dann die Geschichte der nicht enden wollenden Streitereien ihrer Eltern (ein absoluter Hörgenuss), die in Fragmenten in grossem Durcheinander sich steigernd wieder und wieder erzählt wird. Und an ebendiesen Fragmenten wird das sich anbahnende und stückweise Zerbrechen der Ehe wieder erkennbar. Denn in jedem Streit gibt es Szenen, die sich wiederholen und aufreibend und ausweglos zum Bruch führen.

Ein Gesangsfest
Die Sängerinnen aus Belgrad, Minja Nikolić, Zorana Bantić und Dragana Tomić der Svetlana Spajić Group begleiten die Aufführung mit ihren traditionellen serbischen Liedern und halten – so scheint es – diese und das Leben von Marina Abramović zusammen. Die Nomadin findet Halt in der sinnlichen Welt, zu der auch die Musik ihrer Kindheit und ihres Landes gehört. Der englische Sänger und Künstler Antony wäre dann der (jüngere) Nomaden-Bruder von Abramović. Mit seiner heiseren, gebrochenen Stimme auch das Alter Ego, denn singen kann Marina Abramović wirklich nicht (was aber nicht stört).

Fest der Innerlichkeit
Performance-Kunst sei eine Kunst, an die man sich in Krisenzeiten wieder vermehrt wende, meinte Ambramović einmal : “Auf Zeit angelegte Kunst bringt eine Form von Wirklichkeit, die sehr berührend und sehr verletzlich ist. Nach einer Weile kannst Du nichts mehr vormachen, nicht schauspielern, eine Art wahre Natur kommt heraus. Das Publikum wird das erkennen und spüren.” Für die Künstlerin selbst sind Performances immer Selbsterfahrung und Bewusstseinsschärfung für Geist und Körper. Das konnte man auch an diesem Abend erleben.

Das Schlussbild: Drei Marinas werden in weissen Kleidern in den Himmel gehoben, Engel auf Stelen stehen ihnen zur Seite. Gesang. Der Tod ein Fest.


Im Juli 2011 wurde die Performance am Manchester International Festival uraufgeführt. Für drei Abende ist die Inszenierung im Theater Basel zu erleben.

Besprechung der Premiere am 13. Juni 2012 im Theater Basel. Weitere Aufführungen am 14. und 15. Juni, jeweils um 20 Uhr.


Im Netz
Theater Basel
Portrait von Marina Abramović auf culturbase.net
Filmportrait zur Performance “The Artist is Present“
Svetlana Spajić Group
Antony and the Johnsons
Manchester International Festival

weitere Quellen
Zum Stern-Interview aus dem Jahr 2010 geht es hier
Zum NZZ Folio-Interview aus dem Jahr 2007 geht es hier

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