William Shakespeare “Ein Sommernachtstraum” | Theater Neumarkt, Zürich

Alles so schön bunt hier!

<p style=”font-size: 16pt; font-weight: bold;”>Glück ist anders</p>

William Shakespeare “Ein Sommernachtstraum” | Theater Neumarkt, Zürich

Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Malte Sundermann, Tabea Bettin
Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Malte Sundermann, Tabea Bettin

Im Rahmen der Zürcher Festspiele inszenieren die beiden Co-Intendanten des Theater Neumarkt gemeinsam einen Klassiker, holen dazu das gesamte Ensemble auf die Bühne und verlegen Shakespeares Sommernachtswald ins Zürcher Niederdorf – oder umgekehrt. Ein knallbunter Abend voller Überraschungen.

Von Lisa Letnansky.

Im Sommernachttraum verwischen Grenzen. Liebe und Hass, Realität und Fantasie sowie zwei verschiedene Welten fliessen ineinander über. Das ist auch in der Tandem-Inszenierung von Barbara Weber und Rafael Sanchez nicht anders, doch werden hier die Grenzüberschreitungen sogar noch ein paar Schrittchen weiter gesponnen. Denn Shakespeares Klassiker, der mit der Menschen- und der Feenwelt selbst schon über zwei Ebenen und über ein „Stück im Stück“ verfügt, wurde um noch eine weitere Dimension angereichert, nämlich die Metaebene der Theaterwelt im Neumarkt.

Zu Beginn ist das Träumerische des Stücks noch ganz weit entfernt. Die Schauspieler und Schauspielerinnen betreten einer nach dem andern aufgeregt und gehetzt die Bühne, schwadronieren über den Sommernachtstraum, ziehen über ältere (selbstverständlich frei erfundene) Inszenierungen her, schweifen ab und parlieren gelehrt daher. Das mag ja ganz intelligent sein und einige wenige eingeworfene Assoziationen sind durchaus einen Gedanken wert. Dennoch wird den einen oder anderen die Befürchtung erschleichen, man werde jetzt drei Stunden lang diesem Metadiskurs lauschen müssen – welche sich glücklicherweise aber als gänzlich unbegründet erweist, als nach kurzer Zeit die Akteure sich rar machen und das Bühnenbild buchstäblich auf die Bühne quillt.

 Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.o.n.u.: Franziska Wulf, Malte Sundermann, Ernest Allan Hausmann
Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.o.n.u.: Franziska Wulf, Malte Sundermann, Ernest Allan Hausmann

Goa-Party oder Zauberwald?
Aus allen Ecken erheben sich mit knalligen Farben beleuchtete überdimensionale aufblasbare Blüten und verwandeln den verspiegelten Raum in einen bunten Zauberwald (Bühne: Simeon Meier) – der so durchaus auch Schauplatz einer Goa-Party sein könnte. Die beinahe vulgäre Fleischlichkeit und Erotik der Plastikblumen bilden den Rahmen für die versponnenen Liebeshandlungen in Shakespeares Sommernachtswald: Lysander liebt Hermia, die Demetrius heiraten soll, der wiederum Helena liebt. Im nächtlichen Elfenwald kommen sie zufällig in die Schusslinie des Elfenkönigs Oberon, welcher mit Hilfe seines Hofnarrs Puck seiner Königin einen Streich spielen möchte. Die laue Nacht und mythische Substanzen stürzen schliesslich das gesamte Personal in einen verwickelten Rausch von Anziehung und Abstossung, Liebestaumel und Verzweiflung.

Für dieses „zirkulierende Begehren“ wurde das gesamte Ensemble des Neumarkt Theaters aufgeboten (verstärkt noch von Chantal Le Moign und Ernest Allan Hausmann), und die Ironie und die Lust, mit denen sie sich Shakespeares schmalzigen Liebeserklärungen und schwülstigen Gefühlskundgaben nähern, entwickeln einen soghaften Charme, dem man sich kaum entziehen kann.

Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Alexander Seibt, Dora Koster
Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Alexander Seibt, Dora Koster

Drei Laien und ein hyperaktiver Gnom
Doch die Regie hält noch eine Überraschung parat: Hinter der Bühne ist noch eine Bühne, die wiederum die reale Welt gleich vor der Tür widerspiegelt, ein putziges Miniatur-Niederdorf in Pop-up-Manier. Das absolute Highlight dieses Abends sind dann auch die lokalkoloritischen Handwerker, die als Laienschauspieler an der geplanten Hochzeit ein Stück aufführen sollen, denn diese werden allesamt von echten Handwerkern aus dem Zürcher Niederdorf verkörpert. Bereits das Casting (Video: Elvira Isenring) ganz am Anfang, in dem Katarina Schröter von Geschäft zu Geschäft zieht und die Ansässigen zum Mitspielen zu überreden versucht, erntet einiger Lacher; der Graveur mit dem Schwyzerörgeli, der Grafiker im Thisbe-Kostüm und der Weinhändler, der eine Wand spielen soll, machen das mit einer solch rührenden Naivität und Freude an der Sache, dass der Zuschauer nicht umhin kommt, sich die Lachtränen aus dem Gesicht zu wischen.

Vor allem der junge Deutsche, der schon im Casting alle Bedenken bezüglich Hemmungen mit der Feststellung „Ich mache alles!“ hinwegfegte, besticht mit seinem grandios amüsanten Zettel. „Ein Naturtalent!“ raunt es in der Pause ehrfürchtig durch die Menge – doch nein: Jakob Leo Stark ist natürlich schon seit einem Jahr Ensemble-Mitglied und wurde klammheimlich in die Laientruppe eingeschmuggelt.

Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Jakob Leo Stark, Felix Kauf, Rolf Willi, Katarina Schröter, Jürg Bosshart
Bild|Copyright: Philipp Ottendörfer. Beschreibung v.l.n.r.: Jakob Leo Stark, Felix Kauf, Rolf Willi, Katarina Schröter, Jürg Bosshart

Zugegeben, von Zeit zu Zeit übertreiben sie es ein wenig mit dem Slapstick-Humor, und Dora Koster, die in den 80er Jahren mit ihrem Erlebnisbericht aus dem Milieu für einige Aufruhr gesorgt hatte und nun den Puck als hyperaktiven Bilingue-Gnom spielt, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Doch wenn der ganze Spuk vorbei und dem Bühnenbild die Luft ausgegangen ist, kann man in der lauen Nacht im Niederdorf ein alles in allem famoses Spektakel aus neonfarbenem Klamauk, Wahnwitz und Gefühlsseligkeit Revue passieren lassen.


Besprechung der Premiere am 14. Juni 2012.
Weitere Vorstellungen bis am 1. Juli 2012

Dauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten, 1 Pause

Regie: Barbara, Weber, Rafael Sanchez
Bühne: Simeon Meier
Kostüme: Sara Giancane
Video: Elvira Isenring
Musik: Markus Kubesch
Dramaturgie: Julia Reichert

Besetzung:
Chantal Le Moign (Hippolyta/Titania), Alexander Seibt (Theseus/Oberon), Dora Koster (Puck), Tabea Bettin (Helena), Malte Sundermann (Demetrius), Franziska Wulf (Hermia), Ernest Allen Hausmann (Lysander), Katarina Schröter (Petra Squenz), Jakob Leo Stark (Zettel), Jürg Bosshart (Schnock), Rolf Willi (Flaut), Thomas Bianca/Felix Kauf (Schnauz)

Im Netz
www.theaterneumarkt.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.