Marc Levy: “Wer Schatten küsst”

Das Märchen vom Schattendieb

Marc Levy: „Wer Schatten küsst“ (Roman)

Der neue Roman des Bestseller-Autors Marc Levy entführt uns in eine Welt, in der Schatten gestohlen und Träume ernst genommen werden. Wir begleiten den Ich-Erzähler in seine Kindheit und auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Beim Lesen dieser bewegenden Geschichte scheint es, als wären wir selbst immer auch ein wenig angesprochen.

Von Louanne Burkhardt.

WerSchattenKuesstEr ist der Junge, der Schatten stiehlt. Diese besondere Gabe erlaubt es ihm, tief in die Herzen seiner Mitmenschen zu sehen. Die Schatten beginnen mit dem Ich-Erzähler – dessen Namen während des ganzen Romans nicht genannt wird – zu sprechen und vertrauen ihm all jene Ängste und Traurigkeiten an, welche die Menschen sonst erfolgreich verbergen.

Kindheitsgefühle

So blickt der Junge in die Seelen seines Rivalen um das Klassensprecheramt, seines besten Freundes Luc und seiner ersten grossen Liebe, der stummen Cléa. Auch von der traurigen Vergangenheit des Hauswarts Yves erfährt er und bekommt von den Schatten den Auftrag, „für jeden von denen, deren Schatten er mitnimmt, dieses kleine Licht, das ihr Leben erhellt, zu finden.“ Obwohl er bemüht ist, seine besondere Fähigkeit zu verbergen, nimmt er diesen Auftrag ernst und kümmert sich um den geheimen Kummer seiner Freunde. Dabei trägt der Junge selbst so einige Sorgen mit sich rum. Seine Eltern haben sich soeben getrennt. Das Unglück seiner Mutter macht ihm sehr zu schaffen und er glaubt, es sei seine Schuld, dass sein Vater ihn nicht mehr sehen will.

Mit offenen Augen ins Erwachsenenleben

Im zweiten Teil des Romans des französischen Erfolgsautors ist aus dem kleinen Schattendieb von damals ein angehender Arzt geworden, der noch immer seinen Träumen hinterherzulaufen scheint. Auch die Gabe, die Schatten derer zu stehlen, die seinen eigenen berühren, hat er nicht verloren. Sie hilft ihm dabei, einen Patienten zu heilen. Ausserdem erkennt er dadurch, dass sein Kindheitsfreund Luc eigentlich unzufrieden damit ist, die Bäckerei seines Vaters übernommen zu haben, also ebnet er ihm den Weg zu einem Medizinstudium in der Stadt. Der Protagonist, der sich grosse Mühe gibt, die Sehnsüchte der Menschen zu erahnen, und der sein Leben darauf ausgerichtet zu haben scheint, seine traurige Mutter im Alter einmal heilen zu können, vergisst, sich um sein eigenes Glück zu kümmern. Weil er sein Leben verträumt, bleibt er beispielsweise blind für die Liebe seiner Freundin Sophie.

Von Traurigkeiten und Träumen

Marc Levy ist mit seinem neusten Roman ein Werk gelungen, das viele Herzensthemen anspricht. Es geht um Kindheit und Mütter, um Erwachsenwerden und Zukunftspläne sowie um Freundschaft und Liebe. Doch am meisten geht es um die Suche nach dem persönlichen Glück und die Frage, ob es möglich ist, Träume zu leben. Dass man dafür zuerst erkennen muss, wer man selbst ist, und was die eigenen dunklen Geheimnisse sind, beginnt man während des Lesens zu verstehen.

Die Geschichte des Schattendiebs zeigt uns auf eine sehr feinfühlige Art und Weise, dass wir nur dann wahre Freunde und Zufriedenheit im Leben finden, wenn wir uns darum bemühen, hinter die Fassaden unserer nächsten Menschen zu blicken, und ihre wirklichen Gedanken und Gefühle zu erahnen.

Nachhaltige Poesie

„Wer Schatten küsst“ ist ein modernes Märchen, das mit poetischen Weisheiten gespickt ist. Die Sprache ist sanft und jeder Satz von einer seltenen Schönheit. Vielleicht mutet Levys Stil im ersten Teil des Romans manchmal ein wenig gar zu erwachsen an für den kleinen Jungen, doch darüber blickt man grosszügig hinweg. Einmal mit dem Lesen begonnen, ist man schnell gefangen von dieser berührenden Geschichte, die genau jene Portion Kitsch enthält, die gut zu ertragen ist.

Marc Levy ist mit seinem neusten Roman ein Werk gelungen, dessen Botschaft tief geht und dessen Charaktere so gezeichnet sind, dass sie noch lange in Erinnerung bleiben werden. Wer für den Sommerurlaub noch einen fesselnden Unterhaltungsroman braucht, den man auch wieder nach Hause nehmen und ins Bücherregal stellen will, dem ist „Wer Schatten küsst“ auf jeden Fall zu empfehlen.


Titel: Wer Schatten küsst
Autor: Marc Levy
Übersetzer: Bettina Runge, Eliane Hagedorn
Verlag: Blanvalet
Seitenzahlen: 256
Richtpreis: 25.90

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