André Kubiczek: “Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn”

Retrospektive in 3D

André Kubiczek: „Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn“ (Roman)

Deutschland und Laos, Abschied und Neuanfang: Dieser Roman füllt den Spalt zwischen Tür und Angel, zwischen „Jenosse Feldwebel“ und gelber Frangipaniblüte mit Persönlichkeit, Tiefgang und einem Hauch Poesie.

Von Noemi Jenni.

DerGenosseVientiane, Laos – wir schreiben einen 6. April im 21. Jahrhundert, einer Zeit mit Internetcafes, einem geeinten Deutschland und einer konsumorientierten Popkultur.

Wie ist Kubiczek in diesem Hotelzimmer mit sirrendem Ventilator in Laos gelandet und vor allem weshalb? Ein Teil der Antwort befindet sich in dem Umschlag, den er nun nach über zwanzig Jahren ungeeigneter Momente und bewusstem Vergessen öffnet. Er enthält ein Manuskript der Mutter, die zu Hause in Deutschland „die Prinzessin“ genannt wurde, die etwas Geheimnisvolles umgab. In ihrem Vermächtnis – sie starb jung – beschreibt sie ihre Kindheit in Laos, den harten politischen Aufstieg ihres Vaters vom Anwalt zum Aussenminister und von der Flucht der Familie in ihrer Jugend nach Vietnam. Doch dann bricht das Manuskript ab. Ein wenig enttäuscht darüber beginnt sich Kubiczek an seine eigene Kindheit in der DDR zu erinnern und die restlichen Antworten nach den Gründen für seine Reise zu suchen.

Der proletarische Internationalismus

Seine Situation vor der Abreise in Berlin war nicht rosig. Seine Freundin hatte sich von ihm getrennt und war zu seinem Kumpel und Ex-Chef gezogen – Kubiczek kündigte und trat die Reise an. Sein Kumpel Kupfer, mit dem er die Zeit während der NVA (Nationale Volksarmme), auch „Asche“ genannt, durchstand, obwohl Kupfer alle tyrannisierte. In dieser Zeit war Kubiczeks Bruder gestorben – ein einschneidendes Erlebnis für ihn. Mit seinem Bruder erinnert er sich weiter zurück, an die Sommer bei den Grosseltern im Harz, beim Grossvater, der mit Argusaugen seine Briefmarkensammlung hütete, ihn ab und zu mit in die Gaststube nahm und der Grossmutter, die herrlich duftende Speisen zubereitete – egal wie müde sie schon war. Das bescheidene Landleben der beiden wirkt beinahe märchenhaft verklärt. Doch dann geht Kubiczek auf die Suche nach der Fortsetzung des Lebens seiner Mutter und sucht dafür den besten Zeugen auf, seinen Vater. Dieser war in den Sechzigerjahren in Moskau, um zu studieren und Diplomat der DDR zu werden. An der Uni traf er das laotische Mädchen und scheute keinen Aufwand, um sie kennenzulernen und für sich zu gewinnen. Die beiden mussten viele Opfer bringen, um zusammen sein zu können: sie verlor den Kontakt zu ihrer Familie und er die Aufstiegsmöglichkeiten im Aussenministerium – doch sie liebten sich. Kubiczek erzählt auch von seiner eigenen langjährigen Beziehung, die weniger romantisch, dramatisch und aufopfernd war – schlicht normal.

Ja, und dann sind wir wieder in Laos – heute. Kubiczek weiss nicht, wem er das Flugticket in seine halbe Heimat, die sich fremd anfühlt, zu verdanken hat und beginnt zu suchen – nicht zuletzt auch nach seiner eigenen Identität. Zuhause hat er nichts mehr, die Familie ist tot, bis auf den Vater, die Freundin weg und die Arbeit aufgegeben – er ist bereit für einen Neuanfang!

„Globen Sie mir: Dit täuscht.“

Der Roman ist in sechs Kapiteln verfasst, in denen jeweils ein Lebensabschnitt verbunden mit einem konkreten Ort beschrieben wird. An diesen Orten lernen wir die zentralen Personen im Detail kennen – ihre Eigenheiten, die Charaktereigenschaften, die Kubiczek an ihnen besonders liebte, ausserodentlich spannend fand und die ihn prägten. Der Autor beschreibt unglaublich wortgewandt, lebendig und einfühlsam eine Geschichte, die ihm offensichtlich sehr am Herzen liegt. Er erfasst die einzelnen Charaktere, beschreibt ihre individuelle Sprache und Ausdrucks-, Sicht- und Verhaltensweise. Die Bilder, die er zeichnet, sind stark, facettenreich. Wir hören ihm gespannt zu, denn hier wird eine DDR beschrieben, wie wir sie kaum kennen – die intimen Räume in den neuen Plattensiedlungen, das sozialistisch Visionäre der Anfangsjahre, das hier von den Eltern, vor allem dem Vater, stark vertreten wird und von den Schwierigkeiten des Übergangs in ein geeintes Deutschland, in dem viele sozialistische Denker ihren Platz nicht mehr fanden. Sie mussten einer aufstrebenden Schicht von Neureichen ihre Sitze abtreten. Auch für dieses gespaltene deutsche Selbstbewusstsein liefert uns der Autor ein Beispiel zum Anfassen: Kupfer.

Gekonnt wechselt der Autor zwischen Zeitraffungen und -dehnungen – zeigt uns den rasanten politischen Aufstieg seines laotischen Grossvaters und öffnet uns detailgetreu die Türen des riesigen und geheimnisvollen Kleiderschranks der deutschen Grossmutter, der wie ein Abbild der Generationen und Moden der letzten 60 Jahre ist und von allem Erinnerungsstücke birgt.

André Kubiczek ist grosser Autor, der den Leser hineinzieht, mitleben lässt und hier faszinierend ein ziemliches Stück Weltgeschichte mit individueller Identitätssuche zu verbinden vermag.


Titel: Der Genosse, die Prinzessin und ihr lieber Herr Sohn
Autor: André Kubiczek
Verlag: Piper
Seiten: 612
Richtpreis: CHF 32.90

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