Ödon von Horváth “Glaube Liebe Hoffnung“ | Schiffbau, Schauspielhaus Zürich

Der kleine Totentanz in musikalischen Bildern

Ödon von Horváth “Glaube Liebe Hoffnung“ | Schiffbau, Schauspielhaus Zürich

Bild|Copyright: Walter Mair || Auf dem Bild: Irm Hermann, Jean-Pierre Cornu, Ulrich Voss, Sasha Rau, Olivia Grigolli, Ueli Jäggi, Josef Ostendorf, Thomas Wodianka, Bettina Stucky; vorne: Clemens Sienknecht
Auf dem Bild: Irm Hermann, Jean-Pierre Cornu, Ulrich Voss, Sasha Rau, Olivia Grigolli, Ueli Jäggi, Josef Ostendorf, Thomas Wodianka, Bettina Stucky; vorne: Clemens Sienknecht Bild|Copyright: Walter Mair

In gewohnter Langsamkeit mit vielen (wiederkehrenden) Melodien geht im Schiffbau die Hauptfigur Elisabeth aus “Glaube, Liebe, Hoffnung“ von Ödon von Horváth bei standhaft und klarem Bewusstsein ihren Weg. Begleitet von bekannten Gesichtern aus Marthalers früheren Stücken, die nur auf den ersten Blick das Dargestellte leichter erscheinen lassen.

Nicht naturalistisch vorgegeben ist der Weg von Elisabeth, sondern durch die “bürokratisch-verantwortungslose Anwendung kleiner Paragraphen“ endet er schliesslich dort, wo wohl so manches Leben geendet hat: im Wasser. Deshalb kann sie auch ihren Körper im Anatomischen Institut wohl nicht verkaufen, an “Nachschub“ scheint es also nicht zu mangeln, wenn auch die Beschriftung des Instituts nur sehr langsam voran geht. Die Buchstabenmontage zeigte sich hier nicht als Handwerksarbeit, sondern vielmehr auch als eine bürokratisch-langsame Tätigkeit.

Die Pflicht steht vor der Liebe
Ihre Schulden kann Elisabeth im rezessionsgebeutelten Wien der 1930er Jahre also weiterhin nicht bezahlen. Ein Präparator des Instituts (Jean-Pierre Cornu) leiht ihr zwar erst gütig das Geld, zeigt sie dann aber – ohne die Hintergründe zu erfahren oder erfahren zu wollen, wie es auch in der Folge keinem und keiner in den Sinn kommt – an wegen Betruges. Das Resultat: Sie wird zu 14 Tagen Haft verurteilt. Und wir ahnen es: Es endet auch die Liebesgeschichte mit dem jungen Polizisten – hier dargestellt durch den nicht mehr ganz so jungen Ueli Jäggi –, als er erfährt, dass sie im Gefängnis war: zuerst die Pflicht und der Gehorsam!

Das Recht kennt kein Mitleid
Auch Irene Prantl (Bettina Stucky), die kurzzeitige und frivole Arbeitgeberin von Elisabeth, schmeisst diese kurzerhand aus dem Korsagen-Geschäft, die geschäftstüchtige und anmutige Amtsgerichtsratsgattin (Irm Hermann), die es nun gar nicht nötig hätte zu arbeiten, wird als bestes Pferd im Stall natürlich weiter beschäftigt und gibt der jungen Elisabeth ihre juristischen, aber unbrauchbaren, Laienkenntnisse mit auf den Weg. Ihr Mann, “täuschend echt“ dargestellt von Josef Ostendorf als (ebenfalls) frivoler Paragraphenhengst, deutet das Recht sinnigerweise anders als seine Frau: Mitleid ist ein schlechter Richter.

Elisabeth hat keine Chance
Die einst optimistische Elisabeth sieht am Ende keinen anderen Weg als denjenigen in die Donau und – wird von einem jungen Mann gerettet (Thomas Wodianka). Auf der Viebrockschen Marthaler-Bühne wird der Lebenskampf der Frau umrandet von Herumlavieren um das junge Mädl, Beglückwünschungen zur erfolgreichen Rettung, Schuldzuweisungen des Präparators und dem Duckmäusern des jungen Polizisten. Man möchte auf die Bühne springen und selbst Hand anlegen und so muss Elisabeth am Ende sterben.

«Glaube, Liebe, Hoffnung» kommt in der Marthalerschen Inszenierung nicht als Frischs “Biographie. Ein Spiel“ daher – trotz der jungen Elisabeth als “doppeltes Lottchen“ (Elisabeth in zweifacher Ausführung gespielt von Olivia Grigolli und Sasha Rau). Schlüsselszenen werden so doppelt gespielt und verleihen dem Stück doch einige Längen. Es wird Elisabeth aber nicht etwa die zweite Chance geboten, dem bereits gelebten Leben im Wissen um dieses eine andere Richtung zu geben (was ja dann bei Frisch doch auch exakt genauso nochmals gelebt wird). Elisabeth ist kein Einzelfall, will uns die Inszenierung sagen, und so werden auch noch mehr klitschnasse und tote Elisabeths auf die Bühne getragen.

Musikalisch durch den Abend begleitet hat neben den Gesängen des Ensembles vor allem Chopins Marche funèbre (Trauermarsch), gespielt von Clemens Sienknecht, der den Musikergraben ganz für sich allein hatte. Auch hier schien die Krise schon gewütet zu haben.

Besprechung der Aufführung am 25. Juni 2012.
Letzte Aufführung in Zürich am 28. Juni 2012.

Die weiteren Premieren: in Paris am 14. September 2012; in Berlin am 27. September 2012 und in Luxembourg am 14. November 2013.

Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen, dem Schauspielhaus Zürich, dem Théâtre National de l’Odéon, Paris und dem Grand Théâtre de la Ville de Luxembourg.


Besetzung
Elisabeth: Olivia Grigolli
Elisabeth: Sasha Rau
Ein Schupo (Alfons Klostermeyer): Ueli Jäggi
Präparator: Jean-Pierre Cornu
Der Baron mit dem Trauerflor: Ulrich Voss
Irene Prantl: Bettina Stucky
Frau Amtsgerichtsrat: Irm Hermann
Oberpräparator/Der Oberinspektor: Josef Ostendorf
Mann auf der Leiter/Joachim, der tollkühne Lebensretter/Ein Invalider/Tierkoordinator/Ein zweiter Schupo: Thomas Wodianka
Pianist/Vorstand: Clemens Sienknecht
Statisterie: Sophia Maria Kessen, Elisabeth Werdermann, Sophie Zeuschner

Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Sarah Schittek
Licht: Phoenix (Andreas Hofer)/Johannes Zotz
Musik: Clemens Sienknecht/Martin Schütz/Christoph Marthaler/Alban Berg
Dramaturgie: Stefanie Carp/Malte Ubenauf
Mitarbeit Regie: Gerhard Alt


Im Netz
www.schauspielhaus.ch
www. volksbuehne-berlin.de


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