A. M. Homes: “Das Ende von Alice”

Der Skandal-Roman

A. M. Homes: “Das Ende von Alice” (Roman)

Wer denkt, dass Bücher vor allem unterhalten und amüsieren sollen, für den ist „Das Ende von Alice“ sicherlich nichts. A. M. Homes Roman aus der Perspektive eines pädophilen Kindermörders stösst an die Grenzen des Erträglichen und lotet die Abgründe der menschlichen Seele aus, ist aber dennoch ein unheimlich wichtiges Zeitdokument, das Fragen aufwirft, die sich die Gesellschaft normalerweise nicht zu stellen getraut.

Von Lisa Letnansky.

Alice„Das Ende von Alice“ erzählt die Geschichte von Chappy, einem pädophilen Kindermörder, der seit 23 Jahren seine Zeit im Hochsicherheitstrakt des New Yorker Gefängnisses Sing Sing absitzt und eines Tages Briefe von einer jungen Frau erhält, die ein Auge auf ihren zwölfjährigen Nachbarsjungen geworfen hat. „Wer ist sie, dass sie von dieser Lust belastet ist, dieser eigenartig erworbenen Neigung zum frischesten Fleisch, dass sie eine Geschichte erzählt hat, bei der einige von euch grinsen werden, andere jedoch grimmig wüten, dass dieser Albtraum, dieser Horror aufhören muss. Wer ist sie?“ Um das herauszufinden, schreibt Chappy – „der erste Perverse“ und „eine Koryphäe auf diesem Gebiet“ – unzählige Briefe und lässt seine eigene Geschichte und seine Gegenwart Revue passieren. Er versucht, sich in das Mädchen hineinzuversetzen, wodurch zuweilen die Grenzen verwischen zwischen dem, was wirklich passiert sein soll, und dem, was nur Chappys Fantasie oder jener des Mädchens entspringt. Und das ist verdammt harter Tobak.

Verstörende Selbstverständlichkeit

Dieses Buch ist nicht mit aktuellen sexuellen Freizügigkeiten wie Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ zu vergleichen. Denn das Grauenhafteste sind dabei nicht einmal die explizit ausformulierten Sexszenen oder die meist wirklich abartigen Gewaltfantasien des Erzählers. Das wirklich Verstörende an diesem Buch ist die Selbstverständlichkeit, mit der die sexuelle Neigung zu Minderjährigen als etwas ganz Natürliches hingenommen wird. Zwar bezeichnet sie der Erzähler mal als seine „Krankheit“, gleichzeitig bittet er aber in Anbetracht der gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität, um „Verständnis und die Erlaubnis, auch diese traditionelleren Ausformungen unserer Art zu betrachten“, sind doch Kinderhochzeiten und Liebesknaben schon aus der Blütezeit der Philosophie, der griechischen Antike, bezeugt. Und der Name „Alice“ erinnert wohl auch nicht nur zufällig an Lewis Carroll, den König der Kinderliteratur, dessen Verhältnis zu Kindern auch eher von komplizierter Natur war. Die körperliche Liebe zu und mit Kindern ist ein Teil des Erzählers, den er nicht mehr verleugnen kann und will, und den er auch ausleben möchte: „Ich kann mir nicht entkommen … Ich bin, was ich bin.“

Unbequeme Fragen

Immer wieder muss man während der Lektüre das Buch zur Seite legen, um kurz Luft zu holen, immer wieder bildet sich ein Kloss im Hals oder man merkt, dass man die Augen weit aufgerissen hat und ungläubig den Kopf schüttelt. Dennoch werden die meisten Leser den Roman zu Ende lesen müssen. Denn der Erzähler, der keineswegs ein zurückgebliebener Hinterwäldler ist, sondern im Gegenteil ein Kunstkenner und begnadeter Rhetoriker und somit nicht von Grund auf unsympathisch, versucht in seinen Ansprachen an den Leser immer wieder, diesen auf seine Seite zu ziehen, ihm seine Welt schmackhaft zu machen. Dadurch entwickelt der Text einen eigenartigen Sog, eine Art krankhafte Faszination für die Gedankenwelt eines Verbrechers, die man so eigentlich nur noch aus Bret Easton Ellis’ „American Psycho“ kennt. Und unweigerlich stellt man sich dadurch Fragen, die man sich aufgrund gesellschaftlicher Tabus und radikaler Verurteilung noch nie zu stellen gewagt hat: Was würde man selbst machen, wenn man eines Tages bemerken würde, dass man von Kindern sexuell erregt wird? „Therapie!“, rufen jetzt wohl die meisten triumphierend. Doch die Angst vor den Folgen – von sozialer Ausgrenzung bis zur Möglichkeit der chemischen oder chirurgischen Kastration, die bis heute, wenn auch nur noch selten, angewandt wird – wird die meisten Betroffenen vor diesem Schritt zurückschrecken lassen. So sucht Chappy eben die Schuld nicht bei sich selbst, sondern bei der Gesellschaft: „Wenn so viele von uns weggesperrt sind, sollte man meinen, es würde aufhören. Dass es weitergeht, beweist: Ihr seid es, nicht ich.“

Zweifellos, dieses Buch ist skandalös. Doch den radikalsten Kritikern möchte man sich dann doch nicht unbedingt anschliessen. 1996, als „Das Ende von Alice“ in Grossbritannien auf den Markt kam, rief der britische Kinderschutzbund zum Boykott auf und viele Buchhandlungen weigerten sich, den „grausamen und perversen“ Roman in ihre Regale zu stellen. Das erklärt auch, warum sich bis heute kein deutschsprachiger Verlag an eine Übersetzung gewagt hat. Das muss man dem KiWi-Verlag (der übrigens auch „American Psycho“ im Programm hat) nun hoch anrechnen. Denn „Das Ende von Alice“ ist ein wichtiges Buch über ein wichtiges Thema, das darüber hinaus noch wirklich gut geschrieben ist.


Titel: Das Ende von Alice
Autorin: A. M. Homes
Übersetzer: Ingo Herzke
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 304
Richtpreis: CHF 28.90

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