Jakob Arjouni: „Cherryman jagt Mister White“

Der Heimatschutz lässt grüssen

Jakob Arjouni: „Cherryman jagt Mister White“ (Roman)

Rick, der seinen Namen der Hauptfigur aus dem Film Casablanca verdankt, hat so gar nichts zu tun mit einem glamourösen Filmstar wie Humphrey Bogart. Im Gegenteil: Sein Leben spielt sich in Brandenburg ab, im fiktiven Storlitz, wo Fuchs und Hase sich nicht gute Nacht sagen, sondern sich die Fresse polieren. Lehrstellen sind dünn gesät, Zukunftsträume wagen sich die Jungen nicht auszumalen. Bis Rick eine Lehrstelle in einer Berliner Gärtnerei angeboten wird, die nur mit einer kleinen Gegenleistung verbunden ist. Rick kann sein Glück kaum fassen. Endlich raus aus dem Nest, hinein in eine bessere Zukunft. Doch mit dieser kleinen Gegenleistung ist der Deal längst nicht abgeschlossen: Rick befindet sich in den Klauen des Heimatschutzes.

Von Marianne Wirth.

cherrymanjagtmisterwhiteDer unscheinbare Junge von nebenan

Rick ist ein unauffälliger Junge, etwas zurückgezogen vielleicht. Seine Eltern sind früh verunglückt, weshalb Rick bei seiner Tante aufwächst, einer gealterten Kommunistin, die sich aber mit politischen Statements zurückhält, um ihrem Neffen nicht zu schaden. Denn der ehemalige Osten hat nicht viel übrig für sein ehemaliges System. Arjouni beschreibt eine perspektivenlose Jugend in einem Vorort von Berlin, in dem alle, denen es irgendwie möglich ist, das Weite suchen, denn Arbeit gibt es kaum. Übrig bleibt eine Schar von jungen Leuten, die nach dem Hauptschulabschluss, sofern dieser nicht frühzeitig abgebrochen wurde, vor dem Lidl rumhängt und auf das nächst beste Opfer warten, um es zu verprügeln, einfach so, aus Langeweile. Rick ist so ein Opfer und wird regelmässig von seinen selbst ernannten Freunden beleidigt und schikaniert. Rick baut sich eine Parallelwelt auf, indem er sich in die Welt der Comics flüchtet. Er entwirft Cherryman und lässt seinen Comic-Helden gegen das Böse dieser Welt antreten.

Macht der Struktur

Das Buch wird aus der Perspektive des 18-jährigen Rick erzählt, und zwar wird die Geschichte rückblickend aufgerollt. Rick schreibt Doktor Layton, einem Kriminalpsychologen, Briefe und erzählt das Geschehene aus seiner Perspektive. Der Leser wird auf die Spuren eines Verbrechens geschickt, hat aber keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird, ausser dass Rick irgendwie darin verwickelt sein muss. Wie ein Kriminalroman liest sich Arjounis Buch und es gelingt ihm meisterlich Spannung zu erzeugen. Die logische Konstruktion ist das Interesse einer guten Detektivgeschichte. Es ist sehr ausgeklügelt, dass Arjouni sich dieser Gattung bedient. Die Rekonstruktion der Geschehnisse erscheint dem Leser plausibel und logisch. Mehr noch: Durch die Perspektive von Rick entwickelt der Leser Mitgefühl für ihn und fängt an ihm zu vertrauen, so dass am Ende der Geschichte etwas noch so Schlimmes eintreten könnte und er immer noch auf der Seite des Protagonisten stünde. Tatsächlich werden schreckliche Dinge passieren. Arjouni beschreibt Machtstrukturen, denen sich weder der Leser noch sein Held entziehen können.

Tagebuch über einen jüdischen Kindergarten

Rick befindet sich in Berlin, hat seine Lehrstelle als Gärtner angetreten und sich in ein Mädchen verliebt. Seine kleine Aufgabe besteht darin, dass er für den Heimatschutz einen jüdischen Kindergarten im Auge behalten soll. Er führt eine Art Tagebuch darüber, was für eine Sprache gesprochen wird, welche Flaggen am Haus hängen und wie gross der Polizeischutz ist. Rick wurde erklärt, dass schliesslich der deutsche Steuerzahler für den jüdischen Luxuskindergarten aufkommen müsse, während deutsche Kinder in deutschen Kindergärten im Dreck spielen. Rick ist davon ziemlich unbeeindruckt, erledigt einfach seinen Job, ohne viel nachzudenken. Doch es zeichnet sich immer deutlicher ab, wer alles in die Struktur des Heimatschutzes verwickelt ist. Von seinem wahnsinnig sympathischen Chef über die Raufbolde aus Storlitz bis hin zu Pascal, dem Typen, der ihm die Lehrstelle besorgt hat und dem Rick fortan als Mister White in seinen Comics die Augen aussticht. Sie alle arbeiten in irgendeiner Weise für den Heimatschutz und neuerdings gehört auch Rick dazu. Er stellt fest, dass er bereits zu tief in diesem Machwerk drinsteckt, als dass er aussteigen könnte. Denn diese Leute kennen seine Tante und seine neue Liebe. Die Motive für das Aufrechterhalten des Heimatschutzes sind unterschiedlich, doch spielt dies schlussendlich eine Rolle? Heiligt der Zweck alle Mittel? Wie weit darf man für seine eigene Freiheit gehen?

Arjouni erzählt die Geschichte von Menschen, die in die Rolle von Tätern geraten und von Opfern, die sich nicht aus ihrer Rolle befreien können. Eine Entdeckung.


Titel: Cherryman jagt Mister White
Autor: Jakob Arjouni
Verlag: Diogenes
Seiten: 176
Richtpreis: CHF 13.90

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