Literaturfestival Leukerbad 2012

Undercover-Polizisten im Bademantel

Auch bei der 17. Ausgabe des Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad bestand das Erfolgsrezept aus stimmigen Leselokalitäten und einem abwechslungsreichen Programm: Neben bekannten Autorinnen wie Sibylle Lewitscharoff und Nicole Krauss sowie den Grandseigneurs Peter Bichsel und Franz Hohler überzeugten vor allem die Südtirolerin Sabine Gruber und die in Belgien wohnhafte Nigerianerin Chika Unigwe mit ihren neusten Werken.

Von Christoph Aebi

Man sah den Löwen leibhaftig vor sich, der es sich urplötzlich auf dem Teppich im Arbeitszimmer des Philosophen Hans Blumenberg, Hauptprotagonist in Sibylle Lewitscharoffs neustem Roman „Blumenberg“, gemütlich machte. Die plüschige Hotelbar, in der Lewitscharoffs Lesung stattfand und in welcher die Autorin an einem dunkelbraunen Massivholzschreibtisch sass, hätte genauso gut Blumenbergs Arbeitszimmer sein können. Zur stimmigen Atmosphäre trug weiter bei, dass die in Stuttgart geborene Lewitscharoff nicht nur eine Sprachvirtuosin, sondern auch eine Meisterin des Vortragens ist. Im an die Lesung anschliessenden „Literarischen Hors d’Oeuvre“ mit dem künftigen Literaturclub-Moderator Stefan Zweifel erfuhr man den Grund dafür: Für Lewitscharoff sind „Rhythmusfragen von allergrösstem Belang“ und erste Fassungen der Texte liest sich die Autorin immer wieder selbst vor, um eine „rhythmische Variationsbreite der Texte“ zu erlangen. Passend gewählt war auch die Lokalität für die Lesung der seit mehreren Jahren in Hamburg lebenden Schweizer Schauspielerin und Autorin Monique Schwitter. Im Alten Bahnhof, dessen Uhr konsequent eine Minute vor zwölf anzeigt, trug Schwitter „Die Grube“ aus ihrem zu Recht hochgelobten Erzählband „Goldfischgedächtnis“ vor. Darin begibt sich eine alternde, herzkranke Schauspielerin, deren geistige Kräfte sich spürbar verlangsamen, auf eine letzte (Zug-)Reise Richtung Nordsee.

Mitten in einem Fellini-Film

Die atmosphärischen Leselokalitäten sowie das abwechslungsreiche Programm sind das Erfolgrezept des Literaturfestivals Leukerbad. Nicht verwunderlich also, dass die Organisatoren in diesem Jahr mit 2500 Besuchern abermals einen Rekord verbuchen konnten. Für die traditionsreiche Mitternachtslesung auf der Gemmi musste diesmal kurzfristig Ersatz gefunden werden, da die erneuerte Gemmibahn erst mit einem Tag Verspätung ihren Betrieb wieder aufnehmen konnte. So fuhr man denn des Nachts mit der Torrentbahn zur auf 2350 Meter über Meer gelegenen Rinderhütte, wo Christoph Simon eine in und für Leukerbad verfasste Geschichte vorstellte. Darin wird der Erzähler in einem Leukerbader Viersternehotel zum Kleptomanen und sieht plötzlich, selber erschreckt über seine Tat, Undercover-Polizisten im Bademantel patrouillieren.

NicoleKraussEvaMattesLliteraturfestival-leukerbad_2012_03 © Literaturfestival Leukerbad

In einem wahrhaftigen Bad, jenem des Rehazentrums, fanden bereits zum zweiten Mal die Abendlesungen statt. Das mit Backsteinen und Milchglaswänden ausstaffierte Bad verströmt den Charme vergangener Zeiten. Im Bassin, wo sonst Rheumatiker im Wasser ihre Runden drehen, wurden weisse, mit Kerzen und Blumen festlich dekorierte Tische aufgestellt. Die amerikanische Autorin Nicole Krauss (Ehefrau des noch bekannteren Schriftstellers Jonathan Safran Foer) sagte denn zur Begrüssung des Publikums auch ganz entzückt: „Ich habe gerade das Gefühl, mitten in einem Fellini-Film zu sein“. Krauss reiste nach Leukerbad, um ihr neustes Buch „Das grosse Haus“ vorzustellen. Darin verbindet ein antiker Schreibtisch lose die Schicksale von vier über die halbe Welt verstreuten Ich-Erzähler und –Erzählerinnen. Der deutschen Übersetzung des komplexen Buches lieh in Leukerbad die Schauspielerin Eva Mattes ihre Stimme (die Fassbinder-Muse und aktuelle Konstanzer Tatort-Komissarin stellte am Festival gleich noch ihren autobiographischen Karriererückblick „Wir können nicht alle wie Berta sein“ vor) , die bei ihrer Lesung die Bewunderung für das literarische Werk von Krauss nicht verbarg.

Fakten und Fiktion kunstvoll vermischt

Mehrere Erzählstimmen – und sogar ein Roman im Roman – prägen auch das neuste Werk „Stillbach oder Die Sehnsucht“ der im Südtirol aufgewachsenen Autorin Sabine Gruber, die auf einer Hotelterrasse mit Blick auf die eindrückliche Leukerbader Bergkulisse las. Kunstvoll vermischt Gruber Fakten über die wechselvolle Geschichte ihrer Heimatregion, zwischen italienischem Faschismus, deutscher Besatzung und Resistenza, mit den Biografien ihrer fiktiven Protagonisten, drei Frauen aus dem (ebenfalls fiktiven) Südtiroler Ort Stillbach und dem auf faschistische Verbrechen spezialisierten Historiker und Touristenführer Paul.

Ebenfalls auf intensiven Recherchen basiert das erste auf Deutsch übersetzte Buch der in Belgien lebenden nigerianischen Literaturwissenschaftlerin Chika Unigwe. Undercover recherchierte sie unter nigerianischen Prostituierten in Antwerpen, bevor sie ihren Roman „Schwarze Schwestern“ verfasste. Das eindringliche, fast dokumentarische Buch handelt von den zerbrochenen Träumen vier junger Nigerianerinnen, die statt im erhofften westeuropäischen Paradies im Rotlichtviertel Antwerpens landen. Eine der vier Frauen, Sisi, der kurz nach der Geburt von einer Wahrsagerin eine strahlende Zukunft vorausgesagt wurde, nur um schliesslich im Lichter-Farbenspiel, hinter einem Fenster auf Freier wartend, zu enden, wird das Abenteuer Europa nicht überleben. Erst dann beginnen die drei anderen Frauen, sich gegenseitig ihr Leben zu erzählen.

Gefängnis für regimekritisches Gedicht

Über erlebtes Unrecht zu erzählen – dies ist die Waffe des Chinesen Liao Yiwu, des aktuellen Trägers des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, der zum ersten Mal in der Schweiz auftrat. Das Interesse an Yiwus Lesung war derart gross, dass die Zuhörer sogar vor den Türen der Galerie St. Laurent der Lesung lauschten. 1989, nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, verfasste Yiwu ein regimekritisches Gedicht, wofür er zu vier Jahren Haft im Gefängnis und in einem Arbeitslager verurteilt wurde. Die schweren, brutalen Misshandlungen während dieser Zeit verarbeitete er in seinem aktuellen Buch „Für ein Lied und hundert Lieder – Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen“. Das Buch, in China wie alle seine Werke aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber der Regierung verboten, erschien in deutscher Sprache, kurz nachdem es Yiwu gelungen war, nach Deutschland zu emigrieren. In Leukerbad lieh der Schauspieler Thomas Sarbacher Yiwus erschütterndem literarischen Werk seine Stimme. Eine an die Lesung anschliessende, eindringliche Musik- und Gesangperformance von Liao Yiwu liess das zuvor Gehörte noch lange nachhallen.

Hohlers Überraschungscocktail

Grossandrang herrschte auch bei den Lesungen der Grandseigneurs der Schweizer Literaturszene, Peter Bichsel und Franz Hohler. Bichsel gab in seiner unnachahmlichen Art einige „Transsibirische Geschichten“ zum Besten, in denen er von Zugfahrten fabuliert, die sinnbildlich für Lebensabschnitte stehen, während denen ihn gute, unterdessen verstorbene Freunde wie der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld oder der Lektor Klaus Roehler begleitet hatten. Zum sowohl heiteren wie leicht melancholischen Grundton der transsibirischen Geschichten gesellte sich „Im Hafen von Bern im Frühling“, in dem ganz selbstverständlich im Frühling und Sommer in unserer Bundeshauptstadt die Schiffe mit Zigarren aus Kuba anlegen.

PeterBichselliteraturfestival-leukerbad_2012_04 © Literaturfestival Leukerbad

Franz Hohler wurde die Ehre zuteil, die letzte Lesung des Festivals zu halten, wofür er einen „Überraschungscocktail“ zusammengestellt hatte: Einem Text über eine Winterwanderung von Kandersteg nach Leukerbad, „einen der gesündesten Orte der Schweiz“ folgte die Erzählung über eine schon fast kafkaeske Odyssee eines Rauchers auf der Suche nach einer Raucherecke in seinem Hotel. Anschliessend las Hohler Texte über Spaziergänge, unter anderem einem „Herbstpaziergang zur Messe“, während dem eine Schar von Getriebenen, ihre Rollkoffer hinter sich herziehend und „süchtig auf frisches Bücherfleisch aus der Herbstschlachtung“, vom Frankfurter Bahnhof Richtung Buchmesse pilgerten. Mit einer Runde Kinderverse schloss Hohler seine Überaschungscocktail-Lesung ab, die symptomatisch für das abwechslungsreiche Sprachfeuerwerk war, das die Besucher und Besucherinnen des Festivals während drei Tagen vor eindrucksvoller Bergkulisse geniessen konnten.

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