NIFFF 2012 – Asiatischer Wettbewerb

Hyperaktive Anwälte, gedankenverlorene Roboter und Lassies Wiedergeburt

Niff 2012 – Asiatischer Wettbewerb

Aceattorney

Der asiatische Wettbewerb bot dieses Jahr eine gute Mischung aus neuen Namen und altgedienten Meistern – so richtig zu überzeugen wusste die Auswahl leider trotzdem nicht. Die Beitrage schienen mehrheitlich auf gute Unterhaltung ohne grössere Ambitionen geeicht, was für den Preis aber ohnehin keine Rolle spielte. Wie jedes Jahr wurde dieser ohnehin vom Publikum vergeben, und wie immer gewann eine Komödie. Könnte ein echter Jurypreis zu einer mutigeren Auswahl führen? Wir wissen es nicht und gaben uns halt mit unorthodoxen Gerichtsverfahren, schwarzem Humor und mindestens einem echten Heuler zufrieden.

Von Christof Zurschmitten und Lukas Hunziker.

Ace Attourney (Takashi Miike, Japan 2012)

Ein wenig bedauern darf man jedenfalls schon, dass Takashi Miike in den letzten zwei Jahren “lediglich” zwei Komödien nach Neuchâtel schickte, die im barocken Gesamtwerk des Regisseurs (88 Filme, Tendenz steigend) kaum grössere Spuren hinterlassen dürften – und nicht etwa seine gefeierte jüngere Zuwendung zum historischen Film („13 Assassins“ und „Hara-Kiri“).

Immerhin: Auch wenn “Ace Attourney” keine gewaltigen Wellen werfen wird, darf ihm niemand vorwerfen, er reisse sich nicht ein Bein (und einen Unterarm und ein Ohrläppchen) aus, um zu unterhalten. Dass Spektakel hier Pflicht ist, wird niemanden erstaunen, der mit der Videospiel-Vorlage vertraut ist: Dort werden, in einer parodistischen Überspitzung des japanischen juristischen Systems, Gerichtsverfahren im Eilmarsch unter Einsatz aller (meta-)physischen, medialen und psychologischen Mittel und Tricks ausgefochten. Attraktive Menschen, die Gerechtigkeit wollen, check – aber  dennoch ist das alles entschieden mehr RTL 2 als HBO, gewissermassen.

Mutig ist dabei, wie Miike (dem der Game-Entwickler Capcom bei der Filmproduktion sehr genau auf die Finger schaute) die medial bedingte Absurdität der Computerspielvorlage ohne das Gesicht zu verziehen adaptiert: Die extravaganten Frisuren der Protagonisten etwa, nicht zuletzt als Distinktionsmerkmal in der grobklotzigen Pixelgrafik gedacht, werden ebenso ohne Pardon auf die Leinwand geholt wie die „Logik“ der Ermittlungsverfahren, bei denen der entscheidende Hinweis immer in Klickweite sein muss und somit auch im Film den Ermittlern immer wieder in den Schoss fällt. Für entsprechend missraten müsste man „Ace Attourney“ halten, wenn man ihn fehlinterpretieren würde als Charakterdrama (solche gibt es ohnehin nicht, nur Karikaturen), als Justizdrama oder auch als Krimi. Doch wenn der Film gemessen an diesen Massstäben auch auf der ganzen Linie scheitert – er tut es wissend, augenzwinkernd und so spektakulär, dass er letztlich etwas völlig Eigenes wird: fortgeschrittenes Kasperletheater im Gerichtssaal.

Eine ganze Weile ist diese schrille Absurdität denn auch durchaus sehr vergnüglich – bis dem Film seine Treue zur Vorlage irgendwann doch noch ein Bein stellt: Das erste „Pheonix Wright“-Spiel besteht, den beim Computerspiel nun mal sehr anderen Kundenerwartungen gemäss, aus fünf unterschiedlichen, relativ umfangreichen Fällen. In Miikes „Ace Attourney“ werden diese zusammengeschnürt in einen einzigen Meta-Fall mit zahllosen Kurven und Kanten – was  irgendwann dann doch sehr verworren, zäh und überlang wird.

Und dennoch erinnert man sich des Films mit Nachsicht: Es ist ohnehin zweitrangig, wer, wann, was gemacht hat – in Erinnerung bleibt nur, wie sie es getan haben: im Vollgasmodus, von vorne bis hinten. Das muss man nicht sympathisch finden. Darf man aber durchaus.

“Isn’t anyone alive anymore?” (Gakuryu Ishii, Japan 2012)

Isnt Anyone Alive

Gewisse Parallen zu „Ace Attourney“ hat auch der Film aufzweisen, mit dem sich der vor zwei Jahren als Ehrengast am NIFFF eingeladene Sogo Ishii neu erfinden will. Ishii ist in erster Linie bekannt für seine hyperkinetischen, lauten und offensiven frühen Filme, mit denen er den Anfängen der Punk-Szene ein Denkmal setzte und sich selbst installierte als eine Art Pionier der anfangs der 90er aufblühenden unabhängigen Filmszene Japans.

Ishiis Vorstösse in den Mainstream – zumindest die hier zulande bekannten („Gojoe“) – waren zwar weniger rau und avantgardistisch, aber dennoch  ganz und gar dem Bewegungskino und der Action verpflichtet. Insofern ist „Isn’t Anyone Alive“ durchaus eine Überraschung: Der unter dem neuen Künstlernamen Gakury gedrehte Film ist – vordergründig – eine Komödie, die auf einem Theaterstück basiert. Bei näherer Betrachtung stellt sich Normalität zumindest ansatzweise dann aber doch wieder her:

In Shiro Maeda, Schriftsteller, Autor des besagten Stücks und Co-Drehbuchautor von „Isn’t Anyone Alive“, hat Ishii jedenfalls eine verwandte Seele gefunden: Maeda steht sehr schräg (aber höchst erfolgreich) in der japanischen Theaterlandschaft. In einem entschlackten, minimalistischen Stil bringt er mit surrealem Humor die Befindlichkeit der „Lost Generation“ zum Ausdruck: Jener vom wirtschaftlichen Aufschwung zu kurz Gekommenen, denen die Sinnfrage abhandengekommen ist und die Absurditäten des alltäglichen Lebens und Liebens genügend Herausforderung für eine Existenz bieten. Keine wirkliche Überraschung, dass Maedas Aussenseiterstatus Ishiis Interesse wecken konnte.

Und tatsächlich ist „Isn’t Anyone Alive“ denn auch ein seltsames Biest von einer Komödie. Die Ausgangslage ist simpel genug: Die Wege von 17 Personen kreuzen sich auf einem Universitätscampus, der zum Schauplatz eines schleichenden apokalyptischen Ereignisses wird. Man kennt so etwas aus japanischen (Horror-)Filmen wie „Kairo“ oder „Eli, Eli, Lema Sabachtani“ zur Genüge: Es gibt keine Erklärung, ja offenbar nicht einmal eine erkennbare Ursache – aber nach und nach sterben alle Menschen auf dem Gelände einen qualvollen Tod.

Immerhin ist die Inkubationszeit lang genug für zahlreiche – gelegentlich nette, öfters jedoch böse, und nicht selten auch absurde – letzte Worte: „Isn’t Anyone Alive“ bleibt seiner Theaterherkunft insofern verpflichtet, als der Dialog, säuberlich aufgeteilt in diskrete Szenen an nur wenigen verschiedenen Schauplätzen, so ziemlich alles ist, und die Handlung ein ferner Punkt am Horizont. (Dem Himmel sind wenigstens einige beunruhigende, Schlusseinstellungen gewidmet, die quasi den Film abschliessend doch noch hereinlassen.) Bleiben also die Worte und die Leute, die sie äussern. Letztere sind mehrheitlich neue Gesichter, durchmischt mit einigen Veteranen wie Shota Sometani („Pingpong“) und Kiyohiko Shibukawa. Sie neigen zu etwas arg viel Enthusiasmus – wobei schwer zu sagen ist, ob der Hang zum Overacting ihrer Unerfahrenheit geschuldet ist, Ishiis Regie oder dem Einfluss eines manzai-beeinflussten japanischen Sinn für Humors, dem an Subtilität nicht unbedingt viel gelegen ist.

Völlig unzugänglich ist dieser Humor freilich nicht – im Gegenteil. Die Absurdität der Situationen (das Ringen um gewichtige letzte Worte, der Konflikt zwischen der Angst davor, allein zu sterben und dem Wunsch nach Intimität, oder auch nur die Schwierigkeit, zu laufen, wenn einem die Eingeweide aus dem Arsch rutschen)  werden Freunde schwarzen Humors zweifelsohne schätzen. Es wurde gelacht im Kinosaal. Lautstark. Mehrmals! Und dennoch unterwandert der Hang zur Repetition (auch hier wieder: ein etwas zu langer Film), zum Dampfhammerhumor, immer wieder die Bedrohlichkeit und Einsamkeit der Situation und die damit einhergehenden Ansprüche, die spezifische condition humaine einer verlorenen Generation abzubilden. „Isn’t Anyone Alive“ funktioniert als Farce durchaus – die darunter gemischten, nie ganz fassbaren ambitionierteren Tendenzen lassen aber seltsam offen, welchen Ton der Film eigentlich treffen will.

“Howling” (Ha Yoo, Südkorea 2012)

Howling

Anakin Skywalker war nicht der erste Held, der zur Dunklen Seite wechselte – seit jeher  schlummert der Todestrieb auch in den Herzen der Guten. Dass – horribile dictu – gerade Lassie den Pfad der Gerechten einmal verlassen würde, hätte vor “Howling” aber wohl kaum jemand vermutet. Der Seoul-Thriller um einen misteriösen Wolfshund (okay, keinen Collie, aber Grösse und Gesichtsform stimmen) beginnt wie ein besserer “Tatort”: ein unmotivierter, brummliger Detektiv bekommt für seinen jüngsten Fall eine  Partnerin aufgebrummt – die erste Frau in seiner schon fast klischeehaft chauvinistischen Abteilung. Diese wittert (genau, SIE ist auch ein bisschen wie Lassie!) jedoch, dass ihr scheinbar langweiliger Fall wesentlich brisanter sein könnte, als zuerst angenommen, denn erste Ermittlungen zeigen nicht nur, dass der Tote in Verbindung mit einem Kinderprostitutionsring stand, sondern auch, dass das Opfer eines mysteriösen nächtlichen Hundeangriffs ebenfalls in diesen verwickelt zu sein scheint.

Langsam wird aus einem komplexen Kriminalfall somit die Geschichte eines Wolfshunds, der Rache für seines Herrchens Tochter einfordert, welche in die Prostitution verkauft wurde. Lassie hat also nicht wirklich die Seiten gewechselt, sondern nimmt es mit seiner Loyalität nur etwas gar ernst. “Howling” beginnt als sehr souveräner Thriller, der sich schon nur über das Motiv der Diskriminierung weiblicher Polizeibeamten sorry, Polizeibeamtinnen, die emotinale Involvierung des Zuschauers sichert. Sobald wir dann aber den in Zeitlupe die Strasse entlang rennenden Wolfshund sehen, gejagt von bösen Polizisten, obwohl er sich mit seinen Zähnen doch nur Gerechtigkeit für ein kleines, unschuldiges Mädchen erkaufen will, macht man den Film nur noch emotional mit und vergiesst in der Schlussszene ein paar Tränchen. Verlässt man fünf Minuten später den Kinosaal, ist es einem allerdings schon wieder peinlich, auf welch einfache Kinotricks man immer noch reinfällt, obwohl der Film eigentlich ziemlich durchschnittlich war.

Fazit: Drei von fünf Wolfsheulern für “Howling” – zwei für das unoriginelle, aber durchaus sympathische Detektivduo, einen für die Slow-Motion Szenen rennender und sterbender Hunde, die man zwischendurch braucht, um sich zu erinnern, warum es eigentlich Kino gibt.

“Doomsday Book” (Kim ji-woon/Yim Pil-sung, Südkorea 2012)

Doomsdaybook

Ein Film, drei Regisseure, drei Variationen der Apokalypse: “Doomsday Book” klang ohne Zweifel nach einem interessanten Konzept. Zumal vor allem ein Name die Erwartungen schürte: Kim Ji-woon, der mindestens seit „The Good, The Bad and The Weird“ als einer der verlässlichsten Genre-Regisseure des jüngeren Südkoreanischen Kinos gilt. (Letztes Jahr lieferte er dem NIFFF mit „I Saw The Devil“ ausserhalb der Konkurrenz erneut einen gnadenlos harten, aber äusserst souveränen Thriller.)

Nun schien „Doomsday Book“, Ironie des Schicksals, trotz Starpower eine Weile ganz zum Untergang verdammt. Nach Fertigstellung zweier der vorgesehenen drei Segmente wurden die die finanziellen Mittel plötzlich gekappt – der dritte geplante Beitrag, Han Jae-rims Musical-Adaption einer O. Henry-Kurzgeschichte, wurde nie gedreht. Erst mit einem neuem Geldgeber an Bord konnte der Film wider Erwarten zwei Jahre später doch noch fertiggestellt werden. Sieht man dem Film seine Vorgeschichte an? Das Endprodukt darf auf jeden FAll die seltsamsten Stimmungsschwankungen in der jüngeren Filmgeschichte für sich verbuchen – weiss aber jedoch weder in den einzelnen Beiträgen noch als Gesamtes völlig zu überzeugen.

Den Auftakt macht Yim Pil-sungs „A Cool New World“, eine Art Zombie-Burleske: Ein nerdiger Armeeheimkehrer (Ryu Seung-beom) hütet das Haus seiner Eltern und steckt sich durch eine Verkettung von Zufällen – dargestellt in einer Montage, auf die PETA nur deshalb nicht neidisch ist, weil sie zutiefst ironisch ist – am Virus, der wohl der kleinere Bruder der Erregers aus „28 Days Later“ sein muss. Mitten während eines Date wird die Sache zuerst romantisch, dann unappetitlich, und schliesslich geht die gesamte Welt vor die untoten Hunde, ungefähr in diesem Tempo. „A Cool New World“ hat seine Momente, insbesondere wenn er sich über die koreanische Medienlandschaft lustig macht – insgesamt aber ist er etwas zu lautstark um Lacher bemüht, und steht am Ende da wie der eine Typ im Rettungsbunker, der einen von der anrückenden Zombiehorde ablenken will, indem er einem Mantafahrerwitze erzählt.

Dieser, sagen wir einmal: bodenständige Humor, ist umso bemerkenswerter, als er zum zweiten Teil von „Doomsday Book“ passt wie Untote zu Jane Austen: Kim Ji-woons „Heavenly Creature“ ist eine stille, spirituelle Meditation über das Wesen des Menschen. Im Zentrum der Sci-Fi-Handlung steht ein humanoider Roboter, der gegen seine Programmierung und Zwecke aufbegehrt, indem er an den Routinen eines buddhistischen Klosters teilnimmt – und schliesslich Erleuchtung erlangt. Doch während die Mönche in ihm die Inkarnation (bzw. Inmetallunation) Buddhas sehen, erkennen seine Hersteller eine Bedrohung für die Menschheit und schicken einen Techniker, um ihn zu reparieren. Der Rest dieses längsten Segments von „Doomsday Book“ ist… nichts als Disput zwischen den Parteien, ein nicht enden wollendes Gespräch. Das ist, als Konzept, ungeheuer mutig und als Zentrum eines Mainstreamfilms auch geradezu unwahrscheinlich konsequent durchgezogen. Auch die Ausgangslage, Asimovsches Gedankengut auf buddhistischer Philosophie prallen zu lassen, verspricht einiges… hält aber nichts davon. Das überwältigende Problem ist es, dass die Meditation enorm oberflächlich, ja geradezu banal bleibt, und der Film als Film zu konventionell, um dem Gespräch eine interessantere Form zu geben als die einer bildungsbürgerlichen Stammtischdiskussion. „Heavenly Creature“ besetzt somit eine unangenehme Mitte – Zuschauer, die genügend Interesse mitbringen für seine Thematik dürften sich geradezu schulmeisterlich belehrt fühlen. Alle anderen aber dürften sich in derart tiefer Weise in das Segment versenken, dass es von Schlaf nicht wesentlich zu unterscheiden ist.

Zum Schluss gibt es dann noch einmal Stilbruch deluxe und eine weitere Komödie: Der Schlussakt ist, im Grunde genommen, ein einziger grosser Witz, dessen Pointe man nur allzu einfach verrät, wenn man sich über seine Handlung auslassen will. Festgehalten sei deshalb nur, dass „Happy Birthday“ bei weitem der originellste Beitrag zu „Doomsday Book“ ist. Zwar bringt ebenfalls nicht alle Pointen zum Zünden und kann den durchzogenen und etwas wirren Gesamteindruck auch nicht mehr korrigieren – aber für einige Lacher und Überraschungen ist er immerhin gut. This is how the world will end: Not with a bang, but a smile.

“Remington and the Curse of Zombadings” (Jade Castro, Philipinen 2011)

Zombadings

Ein philippinischer Film über einen homophoben Chauvinisten, der dazu verflucht wird, selber schwul zu sein. Und Zombies.

Schwulsein als Strafe? Inselzombies? Nicht mit uns! Politisch korrekt erzogen und gebrandmarkt von den, sagen wir: gewohnungsbedürftigen Vorstössen ins Humorfach seitens einiger Beiträge zum asiatischen Wettbewerb der letzten Jahren, sind wir “Remington and the Curse of Zombadings” fern geblieben. Prüdismus, eat your heart out: Der Film ist beim Publikum gut genug angekommen, um den Preis des asiatischen Wettbewerbs heimzuholen. Zu Recht? Wir werden es nie erfahren, denn wir wurden dazu verflucht, unser Leben lang ignorant zu bleiben. Unser aufrichtiges Bedauern.

Lukas Hunziker

Lukas Hunziker ist Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch. In seinem Garten stehen drei Bäume, in seinem Treppenhaus ein Katzenbaum. Er schreibt seit 2007 für nahaufnahmen.ch.

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