Interview mit Mary Chapin Carpenter

„Ich konnte nirgends mehr hingehen, ohne diese Präsenz der Trauer zu akzeptieren“

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Mit ihrem zwölften Album „Ashes and Roses“ ist der fünffachen Grammy-Gewinnerin Mary Chapin Carpenter abermals ein Meisterwerk gelungen. Beeinflusst durch einschneidende Erlebnisse in ihrem Privatleben – eine Lungenembolie, eine Scheidung und den Tod ihres Vaters – sind 13 tief berührende, jedoch nie kitschige oder larmoyante Folk-Pop-Lieder entstanden, subtil produziert und fokussiert auf Gitarre, Piano und Mary Chapins Altstimme. Im Telefoninterview sprach nahaufnahmen.ch mit der 54-jährigen Amerikanerin über die physische Präsenz von Trauer, Träume als Inspiration für Lieder und den Wunsch nach Seelenfreundschaften.

nahaufnahmen.ch: Mary Chapin, die autobiographischen Texte der Lieder auf Ihrem neuen Album „Ashes and Roses“ handeln von Trauer und Verlust und reflektieren die Ereignisse in ihrem Leben in den letzten Jahren. Haben Sie je gezögert, die sehr persönlichen Lieder zu veröffentlichen?

Mary Chapin Carpenter: Nein, ich habe nie gezögert. Ich denke nicht, dass die Lieder in einem negativen Sinne persönlich sind, eher im Gegenteil. Ich habe immer über Dinge geschrieben, die ich in der Welt und bei mir selber beobachte. Deshalb hätte ich auch nicht gewusst, worüber ich sonst hätte schreiben sollen.

nahaufnahmen.ch: Das Album hat einen narrativen Bogen, von der Trauer zu Beginn gehen die Lieder über zu einem zaghaft hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft. Wieviele Lieder haben Sie ursprünglich für das neue Album geschrieben und wie haben Sie diejenigen Lieder ausgewählt, die nun ihren Platz auf „Ashes and Roses“ gefunden haben?

Ich habe ursprünglich etwa 23 Lieder geschrieben. Es ist für mich immer ziemlich schwierig, diesen Prozess des Auswählens zu erklären. Man weiss irgendwie instinktiv, dass bestimmte Lieder Sinn machen und ihre Berechtigung haben, auf dem entsprechenden Album zu sein.

nahaufnahmen.ch: Haben Sie lange dafür gebraucht, die Reihenfolge der Lieder festzulegen, um diesen erzählerischen Bogen mit Anfang und Schluss zu erhalten?

Die Reihenfolge der Lieder festzulegen ist immer eine schwierige Aufgabe. Bei diesem Album war es besonders respekteinflössend, da ich wusste, dass ich diesen narrativen Bogen wollte, der sozusagen von der Dunkelheit ins Licht führt.

nahaufnahmen.ch: Bei ihrem neuen Album liegt der Fokus auf akustischen Gitarren, dem Piano und ihrer Stimme, was den Liedern Raum zum Atmen gibt. Standen die Arrangements bereits vor den Aufnahmen fest oder haben Sie diese zusammen mit den Musikern und dem Produzenten Matt Rollings (ehemaliges Mitglied der Tourband von Mark Knopfler, Anm. d. Red.) im Studio kreiert?

Das Album tönt, was die Produktion betrifft, sehr akustisch, sehr sparsam, da haben Sie Recht. Allerdings sind die Instrumente dieselben, die ich für alle meine Platten verwendet habe. Ich habe also nicht die Anzahl der Instrumente reduziert. Alles hängt jedoch von den Arrangements ab und es kommt sehr darauf an, wie man an die Lieder herangeht. Bei einigen Liedern dieses Albums wusste ich bereits beim Schreiben ziemlich genau, wie ich sie haben möchte. Bei anderen liessen wir uns die Arrangements im Studio in Zusammenarbeit mit all diesen wunderbaren Musikern einfallen.

nahaufnahmen.ch: Was ist eigentlich das Geheimnis ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit mit  Matt Rollings, mit dem Sie bereits „Between Here and Gone“ (2004), „The Calling“ (2007) und „The Age of Miracles“ (2010) produziert haben?

Zu jener Zeit, als ich begonnen habe, mit Matt zusammenzuarbeiten, wollte ich die produktionstechnischen Möglichkeiten auf meinen Platten etwas ausweiten. Ich wollte nicht mehr so eingeschränkt sein durch die Erwartungen einer Plattenfirma. Matt half mir als Co-Produzent, dies zu ermöglichen. Der Grund, wieso wir uns so gut verstehen ist, dass er mich genau das machen lässt, was ich möchte (lacht). Das heisst nicht, dass dies in der Vergangenheit mit meinem ehemaligen Co-Produzenten John Jennings nicht der Fall war. Aber wir hatten zu jener Zeit vielleicht andere Rahmenbedingungen. Sowieso ist die Entstehung jedes Albums immer eine ganz neue Erfahrung. Es ist ganz und gar nicht garantiert, dass man mit dem Produzenten immer der gleichen Meinung ist. Das war auch diesmal nicht anders. Aber am Ende habe ich das letzte Wort und dafür bin ich sehr dankbar.

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nahaufnahmen.ch: Einer der bewegendsten Songs auf dem neuen Album ist „Learning the World“. Darin beschreiben Sie die Trauer als eine Person, die immer anwesend ist, beispielsweise auf dem Beifahrersitz des Autos Platz nimmt oder spätnachts in der Küche mit Ihnen am Tisch sitzt. Wie ist dieses Lied entstanden?

Manchmal ist es für mich immer noch hart, überhaupt darüber zu reden. Die Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, waren mit sehr viel Angst und Trauer verbunden. An einem gewissen Punkt schien mir, dass die Trauer fast physisch präsent war. Ich konnte ihr nicht mehr entfliehen. Das ist es, was die Trauer ausmacht: Sie nimmt den ganzen Körper derart gefangen, dass es in einer beängstigenden Art und Weise schon fast normal ist, dass dieses Gefühl die ganze Zeit präsent ist. Es ist sehr isolierend und fühlt sich entsetzlich an. Ich habe mit diesem Lied versucht, so gut ich konnte, zu beschreiben, dass es sich manchmal anfühlte, wie wenn ich beobachtet und sich ständig jemand in meiner Nähe aufhalten würde. Ich konnte nirgends mehr hingehen, ohne diese Präsenz der Trauer zu akzeptieren. Wenn ich im Auto sass, habe ich manchmal laut vor mich hin gesprochen, wie wenn ich zur Trauer sprechen würde. Es ist schwierig, dies zu beschreiben, aber genau so fühlte es sich an. Wenn man dann langsam über die Trauer hinwegkommt, ist es so, wie wenn man nochmals ganz neu lernen müsste, gewisse Dinge zu tun. Daher kommt der Titel des Liedes, „Learning the world“. Man lernt, nach all den Schicksalsschlägen im Leben wieder zu existieren.

nahaufnahmen.ch: War es eine Art kathartische Erfahrung, dieses Lied zu schreiben, um mit der Trauer leben zu können?

Offensichtlich war es kathartisch. Manchmal frage ich mich aber, wie weit ich darüber hinweg bin. Oft werde ich sehr traurig, wenn ich schon nur darüber rede, wie soeben, als ich mit Ihnen darüber gesprochen habe. Die Trauer schleicht sich an und plötzlich gibt es eine Art Überfall der Emotionen. Es ist sehr schwer, dem zu entfliehen.

nahaufnahmen.ch: Licht am Ende des Tunnels ist im Song „New Years Day“ in Sicht, in dem Sie singen „I dwell in possibility / on New Year’s Day“. Hat Neujahr für Sie eine spezielle Bedeutung?

„New Year’s Day“ war das letzte Lied, das ich für das neue Album geschrieben habe. Ich habe es am vergangenen Neujahrstag komponiert. Es handelt von einem Traum, den ich die Nacht zuvor gehabt hatte. In diesem Traum traf ich einen sehr guten, alten Freund, mit dem ich früher in Washington D.C. in Bars und Clubs Musik gemacht hatte und dem ich mich immer sehr nahe gefühlt habe. Im Traum haben wir zusammen Zeit verbracht und uns Geschichten erzählt. Als ich wieder aufgewacht bin, fühlte ich mich so glücklich, dass ich diesen Traum gehabt hatte. Denn alles, was wir Menschen wirklich wollen in unserem Leben ist ja, dass uns jemand in unserem Innersten kennt. Wir möchten das Gefühl haben, von anderen akzeptiert, respektiert, verstanden, geschätzt und geliebt zu werden. Im Traum gab mir mein Freund dieses Gefühl. Ich hoffte, während ich all dies träumte, dass ich mich am nächsten Morgen wieder daran erinnern würde. Und ich habe mich erinnert und darüber dieses Lied geschrieben. „I dwell in possibility“ ist übrigens ein Zitat der Lyrikerin Emily Dickinson, das ich für mein Lied entlehnt habe. Neujahr repräsentiert all dies, die Erneuerung und die Beteuerung all der guten Dinge, die uns im Leben etwas bedeuten.

nahaufnahmen.ch:Passiert es Ihnen oft, dass aus Träumen Lieder entstehen?

Nicht wirklich. Dieses Lied ist deshalb besonders kostbar für mich.

nahaufnahmen.ch: Um eine Seelenfreundschaft geht es auch in „Soul Companion“, dem Duett mit James Taylor.

„Soul Companion“ habe ich letzten Herbst geschrieben. Als ich damit fertig war, dachte ich mir, es wäre schön, wenn James Taylor mit mir zusammen das Lied singen würde. Ich habe zwar nicht erwartet, dass dieses Duett wirklich zustande kommt. Mein Manager hat ihn dann aber angerufen und James rief mich zurück und sagte mir, er würde dieses Lied sehr gerne mit mir im Duett singen. Er hatte den Song gehört und mochte ihn sehr. Ich war sehr überrascht, fast ein bisschen geschockt. Jedes Mal, wenn ich nun das Lied höre, kann ich es fast nicht glauben. Es ist wirklich ein Traum, der wahr geworden ist.

nahaufnahmen.ch: Welche Musiker und Sänger bewundern Sie sonst noch?

Oh, da gibt es ganz viele. Randy Newman, Mark Knopfler, Rufus Wainwright oder Shawn Colvin beispielsweise, um nur einige zu nennen.

nahaufnahmen.ch: Mit Shawn Colvin zusammen haben Sie in diesem Frühjahr zum ersten Mal eine gemeinsame Tournee mit dem Titel „Songs and Stories“ gemacht, während der  Sie abwechslungsweise akustische Versionen Ihrer Lieder sangen. Im Oktober werden Sie mit diesem Programm in England, Schottland und Irland auftreten. Wie kam es zu dieser Tour?

Wir kennen uns schon seit Jahren und haben immer wieder sehr gerne zusammen gearbeitet. Nur haben wir bis jetzt nie eine richtige Tour gemacht, nur sie und ich, ohne Band. Bei der Frühjahrtournee durch die USA hatten wir eine grossartige Zeit. Deshalb dachten wir, wir sollten es auch in England, Schottland und Irland mit Konzerten probieren. Danach würden wir die Tournee gerne fortsetzen und wann immer es uns möglich ist, zusammen Konzerte spielen.

nahaufnahmen.ch: Wie stehen die Chancen, dass wir Sie auch hierzulande live erleben können?

Ich würde nichts lieber tun, als bei euch Konzerte zu geben. Im Moment habe ich zwar keine Informationen darüber, aber ich hoffe, dass es mit Konzerten irgendwann klappt.

 

„Ashes and Roses“ von Mary Chapin Carpenter ist bei Universal Music erschienen.

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