Über die Ausbildung an Abendschulen

Bildung in der Nacht

Krijtjes_en_spons (Quelle: niederländischsprachige Wikipedia)

Am Abend wenn es dunkel wird versammeln sich zahlreiche Menschen aller Altersklassen in leeren Schulgebäuden, um zu ungewöhnlicher Zeit die Schulbank zu drücken und einen Abschluss zu machen. Dabei bieten Abendschulen aussergewöhnliche Vorteile in der Ausbildung und brauchen auch in der Qualität den Vergleich mit Tagesschulen nicht zu scheuen.

von Stefan Schustereder, Lehrer am Abendgymnasium Weil am Rhein

Besucht man eine Klasse an einer der Abendschulen, so wird schnell die Vielfältigkeit der Schülerinnen und Schüler deutlich. So auch am Abendgymnasium Weil am Rhein, direkt an der Schweizer Grenze. Hier trifft man alleinerziehende Mütter im Alter von Mitte 20 neben Hausfrauen, die oft älter sind als die Lehrer. Hier lernen 20-jährige Lehrlinge zusammen mit  älteren Mitarbeitern im mittleren Management Vokabeln oder verzweifeln an der Bedienung grafischer Taschenrechner.

Was die Schüler – Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft – eint, ist der Wunsch nach einem weiteren, höherwertigen Schulabschluss, manchmal verbunden mit dem Ziel eines späteren Studiums.

Genaue Zahlen gibt es nicht darüber, wieviele Schülerinnen und Schüler jedes Jahr an einer Abendschule einen weiterführenden Schulabschluss erlangen. Statistisch werden die Abendschulen mehr oder minder ignoriert und auch in der öffentlichen Kommunikation finden sie kaum Beachtung.

Dabei lohnt es, einen Blick auf diesen Teil der Bildungssysteme zu werfen, der im wahrsten Sinne des Wortes oft im Dunklen arbeitet. Die Dauer dieser zusätzlichen Ausbildung reicht von einem bis zu vier Jahren, Unterricht findet oft täglich zwischen 17:30 und 22:00 Uhr statt. An manchen der oftmals privaten und teilprivaten Einrichtungen wird auch samstags gelernt.

Manager, Mütter und Jugendliche
Dabei wird in Klassen mit sieben bis 25 Schülerinnen und Schülern gemeinsam Englisch, Französisch, Mathematik und Biologie gelernt. Wie an den Tagesschulen werden Klausuren geschrieben, Referate gehalten und gegen Ende der Kurse Abschlussprüfungen gemacht. Dazu gehören das Abitur, die Fachhochschulreife aber auch Realschulabschluss und in der Schweiz die Matur.
Viele Menschen, die dem Konzept der Abendschule begegnen, fragen sich dabei, warum die Schülerinnen und Schüler die hier angestrebten Abschlüsse nicht schon vorher gemacht hatten.

Die Antwort darauf ist so vielseitig wie die Lernenden selbst. Manche Mutter hat ihre Ausbildung wegen der Geburt der Kinder unterbrochen, mancher Tagesschüler entschloss sich, die Schulausbildung zu unterbrechen, um einen Beruf zu erlernen oder um Geld zu verdienen.

Schülerinnen und Schüler verlassen die Tagesschule, um Eltern und Grosseltern zu pflegen oder ihr Glück in der Musik oder beim Tanz zu suchen. Andere sind in ihrem Beruf am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angekommen und möchten sich durch einen weiteren Schulabschluss, eventuell mit einem nachfolgenden Studium, beruflich weiter entwickeln oder neu orientieren.

Kinder, Kreativität und Einkommen
Auch findet man in allen Klassenstufen Schülerinnen und Schüler, die durch das Schulsystem am Tag aussortiert wurden: Schulabbrecher, Rausgeworfene und Exmatrikulierte. Dabei überrascht, welches Potential häufig gerade solche Schülerinnen und Schüler an der Abendschule entfalten können: Der Anteil an Absolventinnen und Absolventen mit Migrationshintergrund erscheint höher als an den jeweiligen Tagesschulen. Immer wieder gibt es Einzelfälle, wo eine spezielle Begabung an den ordentlichen Schulen aufgrund von Verhaltensauffälligkeiten oder Sprachproblemen übersehen oder ignoriert wurde.

Die Ausbildung an der Abendschule bietet so zwei signifikante Vorteile für Schülerinnen und Schüler, die aus verschiedensten Gründen an den Tagesschulen scheiterten: Zum einen wird ihnen ermöglicht, ihr offensichtlich vorhandenes Potential und ihre Fähigkeiten in einem oder mehreren Fächern weiter zu entwickeln und sich zu verwirklichen. Zum anderen werden so, Stichwort Fachkräftemangel, gut bis hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte und zukünftige Akademiker der Gesellschaft zugeführt, welchen eine Karriere durch die Statik und Undurchlässigkeit des traditionellen Tagesschulensystems verwehrt geblieben wäre.

Zweiter Bildungsweg: Keineswegs Bildung zweiter Klasse
Gegenüber den Schülerinnen und Schüler der Abendschulen wird, wie auch gegenüber ihren Lehrerinnen und Lehrern, immer wieder der Vorwurf erhoben, es an einer ‚richtigen‘ Schule nicht ‚gepackt‘ zu haben. In Anbetracht der Prominenz, die das Abitur oder die Matura an einer Abendschule abgeschlossen haben, erscheint dieser Vorwurf nicht durchdacht: Unter den Absolventen von Abendschulen finden sich Namen wie die des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder oder des ehemaligen Bundesministers Norbert Blüm sowie des früheren Vorstandsvorsitzenden bei Daimler, Jürgen Schrempp.

Gleichzeitig bleiben die Stärken der Abendschulen bei einem solchen Vorwurf unbeachtet: Kleine Klassengrössen bieten die Möglichkeit einer intensiven Zusammenarbeit zwischen Lernenden und Lehrenden, schwache Schüler können intensiv betreut und starke Schüler individuell gefördert werden. Dabei fällt auf, dass Absolventinnen und Absolventen sich durchaus mit den Leistungen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler an den Tagesschulen messen können: Der Abiturdurchschnitt am Abendgymnasium Weil am Rhein im Jahr 2011 war mit 2,2 besser als der Landesdurchschnitt in Baden-Württemberg mit 2,37.

Somit muss anerkannt werden, dass im Hinblick auf zunehmenden Fachkräftemangel den Abendschulen eine wichtige und wachsende Bedeutung in der Ausbildung zuerkannt werden sollte. Hinzu kommt, dass Schülerinnen und Schüler, welche ihren Schulabschluss berufsbegleitend oder zusätzlich zur Organisation einer Familie erreichen, aufgrund ihrer Lebenserfahrung und früherer Ausbildungen über signifikant stärkere Kompetenzen in den Bereichen Motivation, Zeitmanagement und Organisation verfügen als ihre Pendants an Tagesschulen. Gleichzeitig kann davon ausgegangen werden, dass hier auch die Motivation, die Abendschule zu besuchen, bei den Schülerinnen und Schüler selbst liegt, anders als bei Tagesschülern, hinter deren Schulbesuch häufig elterliche Fürsorge, gegebenenfalls auch notwendiger Druck zu vermuten ist.

 

One thought on “Über die Ausbildung an Abendschulen

  • 29.09.2012 um 14:16
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    Gut, dass jemand mal eine Lanze für diesen wenig beachteten Zweig der Schulbildung bricht und aufzeigt, wie viel Potenzial in den oftmals verschmähten Schülern steckt.
    Der Autor kennt den Abendschulbetrieb meines Wissens nach aus eigener Erfahrung, da er Jahre lang als Lehrer des Abendgymnasiums tätig war. Doch so lobenswert es auch ist, dass eine Institution wie das Abendgymnasium existiert, so stellt diese dennoch ein Armutszeugnis für das bestehende Schulsystem da. Ich hoffe, dass unser Schulsystem irgendwann einmal davon Abstand nimmt, Schüler, welche durchs Raster fallen, einfach auszuselektieren.

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