Stefan aus dem Siepen: “Das Seil”

Ausbruch aus Utopia

Stefan aus dem Siepen: “Das Seil” (Roman)

Mit seinem neuen Roman legt Stefan aus dem Siepen eine Parabel über die Konsequenzen menschlicher Obsessionen vor. Trotz des sprachlich ausserordentlich hohen Niveaus und der Stilsicherheit des Autors ist das Werk allerdings etwas über das Ziel hinausgeschossen.

Von Lisa Letnansky.

DasSeilZu einer nicht näher bestimmten Zeit in einem nicht näher bestimmten Wald liegt ein kleines Dorf, in welchem einige genügsame, simpel gestrickte und bescheidene „Dörfler“ ihr unspektakuläres Dasein als Bauern fristen. Die Vögel zwitschern, man kann beinahe das Gras wachsen hören, keiner ist des andern Feind – alles heiter Sonnenschein sozusagen. Doch diese archaische Idylle kann natürlich nicht ewig währen. „Eine dunkle gewundene Linie zog sich durch das Gras, im Licht des Mondes nur schwach zu sehen, ähnlich einer Schlange.“ Am Dorfrand liegt ein Seil, „dick wie ein Daumen“, das in den Wald hineinführt. Und dieses einfache Seil reicht auch schon aus, die Neugier der Dörfler zu wecken und ihre behagliche Existenz nachhaltig zu stören.

Bereits die ersten zaghaften Versuche, dem Seil einzeln oder in kleinen Gruppen in den Wald zu folgen, werden mit vorbotenhaften Mahnrufen quittiert. Während Bernhard nur ein Zweig hart ins Gesicht schlägt, wird Uli von einem Wildschwein angegriffen und muss mit dem Leben ringen. Doch dies kann die Männer nicht davon abhalten, dem Geheimnis auf den Grund zu gehen, ihre Frauen und Kinder im Dorf zurückzulassen und sich mit Pfeil, Bogen und Jagdmesser gerüstet ins Abenteuer zu stürzen.

Der Wunsch nach mehr

Der Plan, am Nachmittag desselben Tages nach Hause zurückzukehren, wird schnell über den Haufen geworfen, als sich das Seil als länger als vermutet erweist. „Offenkundig war niemand aufgelegt, sich schon jetzt auf den Rückweg zu machen, alle fühlten sich noch voller Kräfte, die Lust am Abenteuer, am ganz Anderen, die sie hierher getrieben hatte, war noch lange nicht gestillt…“ Das Seil und die Wanderung weckt etwas in den Männern, von dessen Existenz sie bis anhin noch nicht einmal geträumt hatten, „es weckte eine Sehnsucht in ihnen, die bisher in unzugänglichen Bezirken der Seele verborgen gewesen war: ein Mal ihrer angestammten Kleinwelt zu entrinnen, die tausend Fäden, mit denen sie an Haus und Dorf gefesselt waren, lustig-irsinnig zu kappen.“ Tagelang folgen sie den Windungen des Seils, wobei die Gefahren des Waldes freilich nicht lange auf sich warten lassen. Wölfe und Schlangen sind dabei lange nicht das Schlimmste, das ihre Wege kreuzt. Ist die Obsession einmal geweckt, erweisen sich die Männer mit der Zeit allesamt als eigennützige Wüstlinge, die auch vor Gewalttaten untereinander nicht zurückschrecken.

Bauer, bleib bei deinem Vieh!

Eins muss man Stefan aus dem Siepen lassen. Seine Sprache ist fesselnd, elegant und hat Wucht. Einfache, den Bauern entsprechende Sätze wechseln sich ab mit unheilschwangeren Formulierungen, die beim Leser schon einmal Gänsehaut erzeugen können. So schildert er beispielsweise eine Art pantheistisches Naturbild, bei dem das Wetter oft eine prophezeiende Sinnhaftigkeit entfaltet: „Am Himmel trieben zähe Wolkenschlieren, sie passten nicht recht zum Erntemonat, wirkten wie unzeitige Boten des Herbstes. Es schien, als hätten selbst die Blätter der Bäume über Nacht ihr durchsättigtes Grün verloren, als mische sich ein feiner Gelbton, etwas von Mürbe-Sein, Überreife in das Laub … Gegen Mittag kam ein starker Wind auf, fuhr mit einem Zischen, das wie der Vorbote einer großen Wut war, über die Bäume.“

Dennoch kann „Das Seil“ mit den grossen Parabeln der Weltliteratur wie „Animal Farm“ oder „Andorra“ nicht mithalten. Dazu fehlt die nötige Stringenz der Bedeutsamkeit. Eine Parabel soll dem Leser ja die Welt oder Teile von ihr in einfachen Bildern vor Augen führen und sichtbar machen, was in der Komplexität meist untergeht. Man folgt Stefan aus dem Siepen gerne insofern, als dass der Mensch, wenn er seine Obsessionen nicht loslassen kann, eine zerstörende Kraft entwickelt. Manchmal wäre nachgeben durchaus besser als stur bleiben. Aber folgt man dem Seil der Argumentation weiter, liegen da einige unausweichliche Holpersteine auf dem Waldweg. Als besonders schwierig erweist sich das utopische Arkadien, welches der Autor als Ausgangslage und somit gleichnishafte Entsprechung des heutigen, komplexen menschlichen Lebens wählt. Das Unheil, das über das Dorf hereinbricht, als sich seine Bewohner aufmachen, um einem einfachen Seil zu folgen, erweist sich in dieser Geschichte als absolut unnötig und sinnlos. Wären sie doch daheim bei Frau und Hof geblieben und hätten ihr einfaches, aber glückliches Leben weitergelebt! Doch was ist die Moral von der Geschichte? Schuster, bleib bei deinen Leisten, Bauer, bleib bei deinem Vieh? Gib dich damit zufrieden, was du hast, stell es nicht wegen Kleinigkeiten aufs Spiel? Doch was wäre die Menschheit ohne ihre Neugier und ihren Wissensdurst? Gibt es nicht auch Dinge, für die es sich lohnt, den schwierigen, steinigen Pfad zu gehen und nicht umzukehren, egal welche Schwierigkeiten sich einem in den Weg stellen? Der Roman beantwortet diese Frage mit „Nein“, und das ist seine Krux. So einfach ist es dann eben doch nicht.


Titel: Das Seil
Autor: Stefan aus dem Siepen
Verlag: dtv
Seiten: 180
Richtpreis: CHF 21.90

Ein Gedanke zu „Stefan aus dem Siepen: “Das Seil”

  • 28.07.2014 um 19:16
    Permalink

    Das ist halt etwas, was jeder Mensch in seinem Leben für sich entscheiden muss: Geht er einen steinigen Weg und kehrt nicht gleich um, wenn unerwartete Hürden auftauchen. Oder behält er, was er hat, um nichts aufs Spiel zu setzen.

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