Béla Pintér & Tarsulata “Szutyok / Miststück” | Zürcher Theaterspektakel, Gessnerallee

Zurück zu den Anfängen

Béla Pintér & Tarsulata “Szutyok / Miststück” | Zürcher Theaterspektakel, Gessnerallee

Bild|Copyright: Theater Spektakel Zürich
Bild|Copyright: Theater Spektakel Zürich

Anhand einer ins Groteske mündenden Bauernfabel legt Béla Pintér mit einfachsten Mitteln die Missstände einer Gesellschaft im Mikrokosmos bloss. Egoismus und Vorurteile treiben nicht nur die meisten seiner Figuren an, sondern auch die Geschichte vom “Miststück“ langsam und bedächtig in Richtung Katastrophe.

Von Lisa Letnansky.

Attila und Irén sind Ende Vierzig, als sie erfahren, dass Irén aufgrund einer Komplikation bei einer Routine-Operation die Gebärmutter entfernt werden musste und sie nun keine eigenen Kinder mehr bekommen kann. Der Professor, ein einschüchternder Halbgott in Weiss mit Stachelmaske, zieht an seinem Ärztekittel eine meterlange Schleppe hinter sich her und lässt jegliche Kritik an sich abprallen. Er tat, was getan werden musste, Emotionen oder gar Mitleid sucht man bei ihm vergebens. Für das Paar mit Kinderwunsch bleibt nur noch ein Ausweg: Adoption.

Im städtischen Waisenhaus erfahren sie jedoch, dass für Säuglinge die Warteliste lang ist, frühestens in zwei Jahren könnten sie an die Reihe kommen. In ihrer Verzweiflung beschliessen sie Hals über Kopf, die halbwüchsige Rózsi zu adoptieren, die von allen nur “Miststück“ genannt wird, die sie zuvor aber so herzergreifend angefleht hatte, sie mitzunehmen. Doch Rózsi ist nur im Doppelpack zu haben, also fährt auch Anita, die mit Rózsi durch einen Blutspakt verbunden ist, durch den sie beinahe ihren Arm verloren hätte, mit ins Dorf der frischgebackenen Teenie-Eltern. Erst dort scheint diesen klar zu werden, was sie sich gerade aufgehalst haben. Anita ist eine Roma, die von den fremdenfeindlichen Dörflern alles andere als freundlich willkommen geheissen wird, und hinter der hübschen Blume, die sich Rózsi in den Mund gesteckt hatte, verstecken sich Hässlichkeit und abstossende, verrottete Zähne.

Fundamentalisten-Theater
Zurückbringen können sie die Kinder nun natürlich nicht mehr, und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Während sich Anita anpasst und dankbar zeigt und von den Dorfbewohnern langsam akzeptiert wird, kann sich die zornige Rózsi nur schwer einleben. An jeder Ecke wittert sie Ungerechtigkeiten, und als Anita einmal mit einem Diebstahl alle Vorurteile gegen sie bestätigt und die Dorfgemeinschaft dem reuig schluchzenden Mädchen dennoch verzeiht, hält sie es nicht mehr aus. Rózsi verlässt das Dorf und schliesst sich der rechtsradikalen “Ungarischen Garde“ an. Doch das ist natürlich noch nicht das Ende der Geschichte; was so unheilschwanger angefangen hat, muss zwangsläufig in eine Katastrophe eskalieren, welche nicht alle überleben werden.

Béla Pinter ist einer der einflussreichsten Regisseure der freien Theaterszene Ungarns und stellt ohne grossartige Effekte grosse menschliche Problematiken dar. Der Kunstgriff, in “Szutyok / Miststück“ wie nebenbei noch ein Theater im Theater zu installieren – die Dorfgemeinschaft ist noch zusätzlich durch die örtliche Theatergruppe verbunden, mit welcher sie ein Stück über Kindsverlust und Kinderwunsch aufführen – beleuchtet die Thematik nicht nur einfach von einem anderen Blickwinkel. “Sie haben mit einfachsten Mitteln menschliche Tiefen ausgeleuchtet“, lobt der Jury-Vorsitzende den Regisseur Attila, und das gilt auch für Béla Pintér und sein Ensemble. Spezialeffekte oder innovative Einfälle kriegt man hier nicht geboten. Dafür hallt das Stück noch Stunden später in einem nach. Der Jury-Vorsitzende nannte das “Fundamentalisten-Theater“, ein Theater, das zurück zu seinen Ursprüngen geht.

Keine Bösewichte und keine Opfer
Der Ursprung des Theaters ist die menschliche Seele, oder wie es Novalis formulierte: “Das Theater ist die tätige Reflexion des Menschen über sich selbst.“ Die folkloristische Musik und die Dekonstruktion der bäuerlichen Idylle mag an der Oberfläche zwar auf das ländliche Ungarn verweisen, wo das Volk seit Viktor Orbáns Amtsbeginn 2010 unter der autoritären Regierung zu ersticken droht und die rechtsradikale “Ungarische Garde“ immer mehr an Einfluss gewinnt. Doch die menschlichen Dilemmata, die Pintér darstellt, sind keine rein ungarischen. Sie sind global. Und das ist das Grossartige an diesem Stück. In “Szutyok / Miststück“ gibt es keine Bösewichte und keine Opfer. Die Figuren handeln alle egoistisch und sind sich alle selbst die nächsten, verletzten ihre Mitmenschen aber nicht aus Gier, Machthunger oder Bosheit. Das ist aber kein spezifisch ungarisches Charakteristikum. Wir wollen doch alle einfach nur glücklich sein, und wenn es gar nicht anders geht, verfolgen wir unser Glück auch mit allen erdenklichen Mitteln, ganz nach dem Motto: “Wo gehobelt wird, fallen Späne.“ Dass Pintér diese Wahrheit bis ins Groteske steigert und in eine Katastrophe ausufern lässt, macht sie nicht weniger wahr.


Besprechung der Aufführung am 18. August 2012
Weitere Vorstellungen am 19. und 20. August 2012
Dauer: 1:40 Std., ohne Pause


Regie: Béla Pintér
Darsteller: Zsófia Szamosi (Rózsi), Tünde Szalontay (Irén), Éva Enyedi (Anita), Zoltán Friedenthal (Attila), Szabolcs Thuróczy (Onkel Bandi), László Quitt (Onkel Pali), Györk Szakonyi (Béla), Hella Roszik (Etus), Béla Pintér (Professor, Polizist, Chairman of the Jury)

Musik: Róbert Kerényi
Dramaturgie: Éva Enyedi
Bühnenbild: Gábor Tamás
Kostüme: Mari Benedek, Júlia Kiss
Masken & Puppe: Sosa Juristovszky
Licht: Zoltán Vida
Regieassistenz: Rozália Hajdú
Produktionsleitung: Anna Hidvegi


Im Netz
www.pbest.hu (Website des Ensembles, auch auf Englisch verfügbar)
www.theaterspektakel.ch

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