Elio Pellin, Ulrich Weber (Hg.): «… all diese fingierten, notierten, in meinem Kopf ungefähr wieder zusammengesetzten Ichs»

Graustufen des Ichs

Elio Pellin, Ulrich Weber (Hg.): «… all diese fingierten, notierten, in meinem Kopf ungefähr wieder zusammengesetzten Ichs» – Autobiographie und Autofiktion (Sachbuch)

Im Prozess der Selbstdarstellung fliessen fiktionale Elemente mit ein – gewollt, geplant und unvermeidbar. Diese Beitragssammlung zeigt literaturwissenschaftlich verschiedene Facetten und Formen, wie Schweizer Autoren mit ihrer Realität umgehen.

Von Noemi Jenni

alldiesefingiertennotiertenReflektiert der Schreibende Erlebtes, gestaltet er bereits mit und verändert Gewesenes auf dem Papier. Sei dies, um es für aussenstehende Leser attraktiv aufzuarbeiten oder einfach, weil er selber Schwerpunkte setzt. Doch nicht nur in der hier analysierten Schweizer Literatur wird diese Methode mehr oder minder gezielt eingesetzt. Auch die acht Experten zeigen unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationsansätze auf dieselben Autoren, nicht zuletzt, weil sie methodisch unterschiedlich ans Werk gehen. Im Buch sind, zur Illustration der minuziösen Interpretationsarbeit an einzelnen Sätzen und Worten, handschriftliche Manuskriptauszüge der Autoren abgedruckt, damit der Leser die Analyseprozesse Buchstabe für Buchstabe mitverfolgen kann.

Die Expertisen befassen sich teilweise mit ganzen Lebenswerken (Annemarie Schwarzenbach), einzelnen Textschnipseln (Robert Walser, Urs Widmer) und autobiographischen Dokumentationen der Arbeit (Paul Nizon, Friedrich Dürrenmatt). So wird es möglich, den Autoren auf die Spur zu kommen. Wir können sehen, wie die Autoren durchstrichen, korrigierten, anpassten und dazu fachkundigen Interpretationen folgen. Die Lebensgeschichten und die historischen Kontexte der diskutierten Schreibenden sind sehr unterschiedlich und so auch die Literaturformen, in denen sie sich zum Teil sehr stark selbstreflexiv mit dem eigenen Leben und Schreibprozess auseinandersetzten.

Der „autofiktionale Pakt“

Die Textsammlung entstand im Rahmen der Sommerakademie Centre Dürrenmatt in Neuenburg. Acht Expertinnen und Experten stellten dabei Schweizer Literatur in einem internationalen Kontext zur Diskussion. Originalmanuskripte und andere Archivalien wie handschriftliche Notizen und Briefe finden hier besondere Berücksichtigung. Es handelt sich vor allem um Spätwerke; Walsers „Bemühungen“, Nizons „Journale“, Dürrenmatts „Stoffe“ und Widmers „Buch des Vaters“.

Nach einer methodischen Einführung, in der auch die Schlüsselbegriffe „Autofiktion“ und „Autobiographie“ beschrieben und wissenschaftlich analysiert werden, ist die Basis für die Diskussion bereits eröffnet. Denn die Abgrenzung der Begriffe gegeneinander ist keineswegs scharf. Im Prozess der Verschriftlichung einer Autobiographie durchsetzt sich diese mit fiktiven Elementen. Wichtig ist allen Experten die Referenzgrösse Serge Doubrovsky, der den Begriff der „Autofiktion“ geprägt hat – meistens allerdings um sich von ihm abzugrenzen und in den Originalen selbstreflexive Ansätze der Autoren hervorzuheben, die den Definitionen von Doubrovsky widersprechen. Diese Ausgangslage bildet ein Stück weit einen roten Faden zwischen den Beiträgen, die sich kaum aufeinander beziehen.

Wie sich zeigt, bleibt „Autofiktion“ ein breiter Begriff, in dem vieles Raum finden kann, um sich zu entfalten, reflektiert, selektioniert und vergessen zu gehen. Wer weiss schon, was wirklich ist und wen interessiert es?

Die Lektüre verändert die Sicht auf das Schaffen der berühmten Autoren und hinterlässt ein Gefühl der Relativität des Subjektiven.


Titel: «… all diese fingierten, notierten, in meinem Kopf ungefähr wieder zusammengesetzten Ichs» – Autobiographie und Autofiktion
Herausgeber: Elio Pellin, Ulrich Weber
Verlag: Chronos 2012 (Sommerakademie Centre Dürrenmatt Neuchâtel, hg. vom Schweizerischen Literaturarchiv, Band 3)
Seiten: 208
Richtpries: CHF 23.00

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