Mass & Fieber / Don Quixote “Tell / Zahhak” | Zürcher Theaterspektakel, Landiwiese

Apfelschuss und Schulterschlangen

Mass & Fieber / Don Quixote “Tell / Zahhak” | Zürcher Theaterspektakel, Landiwiese

Bild|Copyright: ZTS 2012, Christian Altorfer
Bild|Copyright: ZTS 2012, Christian Altorfer

Identifikation und Verfremdung sind die beiden Schlagwörter, denen sich die beiden Theatergruppen Mass & Fieber und Don Quixote in ihrem munteren Heldentausch bedienen. Wenn Iraner von Wilhelm Tell und Schweizer von Zahhak berichten, erscheint Altbekanntes in einer neuen Perspektive und Fremdes auf einmal gar nicht mehr so fremd.

Von Lisa Letnansky.

An den Wänden hängen die Schweizer Berge. “Es blast en Wind uf eusne Berge“, trällern die Darsteller als ein einig Volk von Sängern ganz zum Schluss des Stückes, doch bis dahin war es ein langer Weg. Vom Vierwaldstättersee über den Rütli, von arabischen Ländern bis in den Iran ging die heroische Reise. Interkulturelle Theaterprojekte sind momentan ja ohnehin schwer angesagt, doch die Zusammenarbeit der Schweizer Gruppe „Mass & Fieber“ mit dem iranischen Theater “Don Quixote“ kratzt weder am ethisch-moralischen Ego ihrer Zuschauer, noch proklamiert sie ein politisches Statement. Mit “Tell / Zahhak“ graben sie nämlich viel tiefer, rütteln an den Grundfesten jeder Volksidentität und decken so überraschende Parallelen auf. Das Konzept ist dabei so einfach wie bestechend: Die Iraner interpretieren die Geschichte des Schweizer Volkslieblings Wilhelm Tell, und die Schweizer erzählen die Geschichte des Despoten Zahhak aus dem persischen “Buch der Könige“.

Tod im Hammam
So kommt es, dass Tell (Farbod Farhang) an diesem Abend nicht Schweizerdeutsch, sondern Farsi spricht, und überhaupt wirkt der Mythos in seinem neuen Gewand wieder frisch und frei von jeglicher Folklore. Don Quixote bedienen sich in ihrer Interpretation der Elemente des klassischen persischen Theaters; viel Musik und tragender Sprechgesang begleiten Rütlischwur und Auflehnung, Apfelschuss und Unterdrücker-Mord. Die Männer tragen allesamt Hosen der traditionellen iranischen Ringer und der zeltartige Tschador von Tells Gattin Hedwig (Mina Doroudian) wirkt wie ein Fels in der Brandung, der wahlweise Unterschlupf gewährt oder die Protagonisten bedeutungsschwanger auf die Bühne gebiert. Tells prominentestes Accessoire, seine Armbrust, wurde kurzerhand durch einen Bogen ersetzt, und an einer Stelle schwingen Tell und Gessler (Ramin Sayardashti) um die Freiheit. Auch die Handlung wurde gekürzt – die Schweizer sollen ja auch noch dran kommen – und im Grossen und Ganzen auf die Mordszenen verdichtet. Dabei kommen die Iraner ohne viele Worte aus. Dezent ironisch gehaltene, stets mit dem Wörtchen “Obacht!“ eingeleitete Bildschirm-Belehrungen weisen wie nebenbei auf Parallelen zur iranischen Kultur hin. So erfährt der Zuschauer beispielsweise, während dem Vogt im Hammam die Augen ausgestochen werden, dass auch viele iranische Freiheitskämpfer im Hammam ermordet wurden. Durch die gefühlten 45°C im “Nord“ auf der Landiwiese erhält diese Szene eine ungeahnte Authentizität.

1000 Jahre Tyrannei
Nachdem Tell als Held nach Hause zurückgekehrt und – in dieser Version – dennoch von seiner Frau verlassen wurde, sorgt ein Clown in breitestem Baseldytsch für etwas Auflockerung und macht die Bühne frei für die helvetische Interpretation des persischen Nationalepos über Tyrannei und Fremdherrschaft. Hier wird der machthungrige Zahhak (Silvester von Hösslin) von einem Teufel (Mareike Sedl, Nicole Steiner) dazu überredet, seinen Vater zu ermorden, um auf den Königsthron zu gelangen. Nach einem durch eine List erreichten Schulterkuss wachsen dem Despoten Schlangen aus den Schultern, die fortan mit dem Hirn junger Männer gefüttert werden wollen. Bald veranlasst ihn die Hirnknappheit im eigenen Land jedoch dazu, mit Gebrüll und Kickboards im Iran einzufallen und dort den ohnehin nicht sehr beliebten König Dschamschid zu entthronen. Anfangs erscheint Zahhak im knallbunten Plüschmantel, zum Schluss im eleganten Anzug, denn beinahe 1000 Jahre währt seine Herrschaft über sein Volk von hirnlosen Zombies, bis ein sich der Schmid Kaveh (Dominique Müller), dem der sechzehnte und letzte Sohn zur Schlangenernährung entrissen werden soll, ein Herz fasst und zum Boykott aufruft, um Feridun (David Berger), den rechtmässigen Thronerben – man erkennt ihn übrigens an seinem bunten Lichter-Kopf – auf seinen angestammten Platz zu versetzen. Dass die Schweizer (im Gegensatz zu den Iranern) nicht ganz ohne Klamauk auskommen, ist dabei überhaupt nicht schlimm. Nach eineinhalb Stunden in der sauerstoffarmen Massen-Sauna ist man ganz froh über die grellen Spezialeffekte inklusive Kettensäge.

Zweifelhaftes Heldentum
“Na, Kaveh, wie läuft’s so mit dem Freiheitskampf?“ fragt Tell, nachdem Recht und Gerechtigkeit wieder hergestellt ist. Und spätestens hier beginnt es auch dem Letzten zu dämmern. Heldentum ist kein Spass. Helden werden zwar verehrt, doch niemand achtet auf das Blut, das an ihren Händen klebt. Helden sind Antidemokraten, die von einem anderen Blickwinkel betrachtet genauso gut als Kriminelle gelten könnten. Aber was ist es, das ein Held zum Held macht? Dieser und anderen Fragen können wir zum Schluss in der Open-Air-Installation “Garten der Helden“ nachsinnen. Dort wird dem Publikum lauwarmer Tee gereicht, es kann sich über bekannte und nicht so bekannte Helden informieren, kunstvoll bebilderten Geschichtchen lauschen oder sich dem eigens für diese Produktion hergestellten Heldenquartett widmen. Nach einem letzten Ständchen wird es in die laue Nacht auf der Landiwiese entlassen, wo sich noch immer unzählige Menschen und Strassenkünstler tummeln. In Gedanken aber ist es noch lange bei seinen Helden.


Besprechung der Aufführung am 21. August 2012
Weitere Vorstellungen am 22. und 23 August 2012
Dauer: 3 Std., mit Erfrischungen

Darsteller: David Berger, Arash Bozorgzadeh, Mina Doroudian, Abbas Habibi, Farshad Fozouni, Silvan Jeger, Farbod Farhang, Dominique Müller, Ramin Sayardashti, Mareike Sedl, Nicole Steiner, Silvester von Hösslin

Regie: Ali Asghar Dashti, Niklaus Helbling
Text: Nasim Ahmadpoor, Brigitte Helbling
Musik: Farshad Fozouni, Martin Gantenbein, Silvan Jeger
Bühne: Ali Ashgar Dashti, Anja Hertkorn, Marie Holzer
Kostüme: Mozhgan Eivazi, Anja Hertkorn
Dramaturgie: Nasim Ahmadpoor, Aydin Alinejad
Video: Elke Auer
Licht: Björn Salzer
Ton: Mike Hasler
Artwork: Thomas Ryner

Im Netz
www.massundfieber.ch
www.donquixotescene.com
www.theaterspektakel.ch

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