“I Wish” von Kore-Eda Hirokazu

Die Welt der Wünsche

“I Wish” von Kore-Eda Hirokazu

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Nach seinem wunderbar betörenden Glanzstück „Nobody Knows“ (2004) beweist der japanische Regisseur Kore-Eda Hirokazu einmal mehr seine Fähigkeit, die kindliche Perspektive cineastisch zu erkunden. “I Wish” ist ein melancholischer Feel-Good-Movie über Wünsche und Wunder in der Kindheit.

Von Garabet Gül.

Über was sich Kinder nicht alles wundern, sich nicht alles fragen und wünschen, nicht alles werden wollen, in infantiler Begeisterung für die Dinge und die Geschehnisse in der Welt. Die Welt in der Kindheit erscheint wie ein Schlaraffenland unzähliger Möglichkeiten, eine Welt der Wünsche mit dringlichem Wirklichkeitsanspruch, wo jede Möglichkeit noch tatsächlich erreichbar erscheint. In der Kindheit werden zukünftige Realitäten erträumt, wird zwischen diversen Lebensträumen gewechselt. Und manchmal wünschen sich Kinder nicht mehr als ihre Familie zurück oder ein versöhnliches Filmende vom Regisseur.

Der Wunsch nach einer vereinten Familie

Der zwölfjährige, nachdenkliche Koichi wohnt seit der Scheidung seiner Eltern zusammen mit seiner Mutter bei seinen Grosseltern im Süden der Insel Kyushu, ganz nahe des Vulkans Sakurajima, dessen unheimliche Erscheinung und dichte Asche das Bild der Insel und den Alltag der Menschen entscheidend prägen. Der jüngere Bruder, Ryunosuke, lebt weiterhin bei seinem Vater, einem Rockgitarristen, im Norden der Insel. Koichi wünscht sich nichts sehnlicher als die Wiedervereinigung seiner Familie. Ryunosuke hingegen ist unbeschwerter und geniesst die  Freiheiten bei seinem Vater.

Eines Tages in der Schule hört Koichi von einem Gerücht. Am Eröffnungstag der neuen Hochgeschwindigkeitszuglinie, welche den Norden und den Süden der Insel miteinander verbindet, werde sich Wundersames ereignen. Wenn die Züge mit über 200 Stundenkilometer aneinander vorbei fahren, entfalte sich eine beispiellose Energie und alle unmittelbar beim Kreuzungspunkt der Züge getätigten Wünsche gingen in Erfüllung. Koichi findet keine Ruhe mehr und plant zusammen mit zwei Freunden die Reise zum Kreuzungspunkt. Ryunosuke ist zunächst skeptisch, lässt sich aber von drei Mitschülerinnen überzeugen. Die sieben Kinder machen sich auf zum Abenteuer, zusammen mit ihren Wünschen und einem toten Hund im Rucksack, der wieder zum Leben erweckt werden soll.

Überzeugende Kinderschauspieler

Es wäre einfach, anhand einer solchen Vorlage eine kitschige Filmgeschichte mit emotional überzeichneten Bildern zu erzählen. Mit Geschichten über Kinder lassen sich Gefühle sehr einfach und direkt bewirtschaften. Lachende und weinende Kinder auf der Leinwand bewegen die Gemüter unmittelbar, vielleicht vergleichbar mit Filmen, in denen niedliche Tiere inszeniert werden. Schwieriger ist es, dieser Versuchung nicht zu verfallen und einen Film mit Kindern zu drehen, der das Künstlerische nicht zugunsten einer vermarktbaren Larmoyanz vernachlässigt. Der neuste Film von Kore-Eda Hirokazu besitzt zwar nicht die Wucht von „Nobody Knows“, doch wie dieses Sozialdrama über verwahrloste Kinder in Tokyo besticht auch „I Wish“ durch eine behutsame Erzählweise und unaufgeregte Bilder.

© Studio / Produzent
© Studio / Produzent

Das Drehbuch überzeugt nicht durchgehend. Die Episode mit dem älteren Ehepaar etwa, bei dem die Kinder auf ihrer Reise übernachten können, ist eine in ihrer Zufälligkeit etwas erzwungen wirkende, sich in sentimentale Gefilde verlierende Nebenerzählung, die getrost hätte weggelassen werden können. Überzeugend sind die jungen Darsteller. Für die beiden Hauptrollen wurden die als Komikerduo aus dem japanischen Fernsehen bekannten Brüder Koki Maeda (Koichi) und Ohshiro Maeda (Ryunosuke) besetzt. Vor allem der 14-jährige Koki schafft es, seinen Charakter glaubwürdig darzustellen.

Nagayoshi Seinosuke, der Makoto, einen der Freunde von Koichi, spielt, habe den Regisseur während den Dreharbeiten gefragt, ob er den toten Hund im Film  wieder lebendig werden lassen könne. Er wünsche sich ein Happy End. Wenn auch der Hund nicht wieder lebendig wird und ebenso andere Wünsche sich nicht erfüllen, handelt es sich keineswegs um ein trauriges Filmende. Wie der Familienvater Kore-Eda Hirokazu selber über seinen Film sagt, lernen die Kinder, dass in der Welt nicht alle Wünsche verwirklicht werden können und Wunder sehr rar sind. An Gefühlen nahe an der Verzweiflung lernten Kinder zu wachsen, dies sei für den Filmemacher das eigentliche Wunder des Lebens.


Seit dem 23. August 2012 im Kino.

Originaltitel: I Wish (Japan 2011)

Regie: Kore-Eda Hirokazu
Darsteller: Maeda Koki, Maeda Ohshiro, Ohtsuka Nene, Odagiri Joe, Kiki Kirin
Dauer: 128 Minuten

CH-Verleih: Frenetic

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