Elena Chizhova: „Die stille Macht der Frauen“

Schweigen ist Glück und Schande

Elena Chizhova: „Die stille Macht der Frauen“ (Roman)

Eine unaufgeklärte junge Frau erwartet ein Kind – unehelich und fremdbestimmt. Elena Chizhovas Russland ist grau, kalt und unmenschlich; und doch brennt ein warmes Feuer in der Küche und es riecht nach frischen Piroggen.

Von Noemi Jenni

diestillemachtderfrauenAntonina arbeitet in einer Fabrik in Leningrad in den Sechzigerjahren. Die Lebensmittel sind rationiert, die Wohnungen mehrfach geteilt, gegessen werden vor allem Kartoffeln und die Weihnachtsbäume sind vertrocknet. Das Gewerkschaftskomittee kontrolliert alles mit wachsamem Blick, auch Affären, Freundschaften und Familienentwicklungen.

Antonina wird schwanger, naiv wie sie ist, und als sie sich für eine Abtreibung entschliesst, ist es zu spät. Den Vater des Kindes, von dem sie nicht mehr als den Vornahmen kennt, sieht sie nie wieder, ausser in ihren Träumen. Ein neues Fabrikkind wächst heran. Vorgesehen sind Krippe, Kindergarten, Pionierlager und Kollektiv. Wegen dem Kind wechselt Antonina in eine Wohngemeinschaft mit drei alten Witwen: Glikerija, Jewdokija und Ariadna.

Aber: Das Kind, Susanna, spricht nicht. Antonina ist bestürzt und hat Angst, dass es ihr weggenommen und in ein Heim gesteckt wird. Unerwartete Hilfe erhält sie von den drei Alten, die die Erziehung zuhause übernehmen. Alle drei verloren ihre Familien in den Weltkriegen, durch die Blockade und durch oppositionelle politische Aktivitäten und konzentrieren nun all ihre warmen Gefühle auf das Kind. Sie sind sehr religiös – zu dieser Zeit nicht gerne gesehen – und lassen Susanna, ihrer Meinung nach der Name einer Tempelprostituierten, heimlich auf den Namen Sofja taufen. Sie bringen ihr Französisch, sticken und malen bei– doch sprechen will das Kind nicht.

Antonina verguckt sich in der Fabrik in Nikolai, unterstützt wird die Bekanntschaft durch den Chef, der sie beinahe zwingt, mit ihm auszugehen. Doch als bei ihr eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wird, wird es ernst.

Wenn es kalt ist, wird näher zusammengerückt

In präziser, schnörkelloser Sprache beschreibt Elena Chizhova die triste Stimmung, das viele Leid, das Dunkle und die neue Familie, die entsteht. Von Anfang an ist klar, dass Antonina sterben und dass sich ihre Tochter kaum an sie erinnern wird – eine bedrückende Ausgangslage. Doch die Geschichten hinter den drei alten Babuschki beginnen zu wachsen, Gestalt anzunehmen. Mit jedem Auftritt in der Erzählung bekommen sie mehr Konturen und werden zu Leidens- und Lebensgenossinnen, die auch untereinander durch das Kind immer wärmer werden.

Elena Chizhova hat jeder ein tragisches Schicksal kreiert, dass doch sehr glaubwürdig und nachvollziehbar ist. In jedem Kapitel ändert die Autorin die Perspektive und lässt so auch die alten Frauen laut mitdenken, ihre Erfahrungen und Erinnerungen einbringen. Die orthodoxen Frauen haben viel zu erzählen, von der Liebe zu Juden, dem Verlust des Adelstands und den Bolschewiki. Durch ihre Sichtweisen entsteht ein vielschichtiger Roman zur bewegten Vergangenheit Russlands und den naiven Vorstellungen der sozialistischen Jugend. Gerüchte sind stärker als direkte Worte. Das Individuum steht gesellschaftlich im Hintergrund und trotz der politisch deklarierten Gleichheit herrscht die Eifersucht. Die Autorin macht das Individuum, das Kind, zur Protagonistin und legt ihren Schwerpunkt auf die kleinen Prozesse im Alltag.

Durch die graue Schlichtheit schafft es Elena Chizhova, dieses 60er-Jahre-Russland fassbar wiederauferstehen zu lassen und ihm ein Gesicht zu verleihen – das von Frauen.


Titel: Die stille Macht der Frauen
Autorin: Elena Chizhova
Übersetzerin: Dorothea Trottenberg
Verlag: dtv
Seiten: 277
Richtpreis: CHF 21.90

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