T.A. Wegberg: “Klassenziel”

Mein Bruder – ein Mörder?

T.A. Wegberg: “Klassenziel” (Roman)

In Deutschland und vor allem in Amerika längst traurige Realität, in der Schweiz Gottseidank noch nicht: Amokläufe an Schulen. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern, die sich mit diesem Thema befassen, beginnt der vorliegende Roman unmittelbar nach der Tat und konzentriert sich ausschliesslich auf das Davor und Danach.

Von Stefanie Feineis

Wegberg-KlassenzielDie beiden Brüder Dominik und Benjamin könnten unterschiedlicher nicht sein: während der jüngere Benjamin, genannt Jamie, bei allen beliebt ist und seine Freizeit mit Sport oder seiner geliebten Band verbringt, isoliert sich Dominik zusehends und spielt lieber alleine am Computer.

Unterschiedliche Brüder

Auch die Schulleistungen der beiden sind sehr unterschiedlich, obwohl sie dasselbe Gymnasium besuchen. Während Dominik gegen schlechte Noten und sein eigenes Desinteresse kämpft und schliesslich aufgibt, fällt Jamie alles leicht. Zu Anfang versucht er noch, seinen Bruder aus der selbstgewählten Isolation zu holen und ihn in seine sportlichen Aktivitäten oder Freizeitunternehmungen einzubeziehen. Doch wegen Dominiks ablehnender Haltung und mangelnder Dankbarkeit verliert Jamie zunehmend das Interesse. Der einzige, mit dem Dominik gerne Zeit verbringt, ist der seltsame Marek. Aus Freude über diese vermeintlich gute Freundschaft fragen weder Jamie noch die Eltern nach, was genau die beiden ausser Computerspielen noch unternehmen; nicht einmal, als sich Dominik plötzlich auffällig für Waffen interessiert.

Andere Ziele

Da sich die Eltern der beiden erst kürzlich getrennt haben und daher mit eigenen Problemen beschäftigt sind, fällt lediglich Jamie auf, dass sein Bruder eine neue, aggressive Seite entwickelt. Aber auch er unterschätzt die Gefahr, und beschäftigt sich lieber mit seiner Band und seiner ersten Freundin. Und plötzlich eskaliert die Situation zwischen den Brüdern, als Jamies Versuch, Dominik mit einer Mitschülerin zu verkuppeln, auf fatale Weise fehlschlägt. Dominiks Hass auf seinen Bruder gipfelt darin, dass er ihn eines Nachts mit dem Motorrad in den Wald fährt und dort nach einem Streit in einer mobilen Toilette einsperrt. Als Jamie sich am Morgen endlich befreien kann und nach Hause zurückkehrt, erwartet ihn dort die Polizei mit unglaublichen Neuigkeiten: Dominik soll mit einer Waffe in die Schule gegangen sein und dort mehrere Schüler und Lehrer regelrecht hingerichtet haben, bevor er schliesslich selbst von der Polizei erschossen wurde.

Die Last des Überlebens

Erst ganz langsam realisiert Jamie, dass Dominik wirklich zum Mörder geworden ist. Da sein Bruder und die Tat plötzlich allgegenwärtig sind, hält er es zu Hause bei der Mutter nicht mehr aus. Schliesslich einigen sich die Eltern, dass er künftig bei seinem Vater in Berlin leben und dort auf eine neue Schule gehen soll. Dort findet sich der früher so beliebte Jamie in der ungewohnten Position des Aussenseiters wieder. Es fällt ihm zum ersten Mal schwer, auf andere zuzugehen und Anschluss zu finden. Dazu kommt noch die Angst, die neuen Mitschüler könnten durch Zufall seine Vorgeschichte herausfinden. Auf einmal fühlt sich Jamie isoliert und allein, und muss daher unwillkürlich an seinen Bruder denken. Hat sich Dominik auch so gefühlt? Im Gegensatz zu seinem Bruder gelingt es ihm jedoch, sich mit einer Gruppe Aussenseiter anzufreunden, vor allem mit Kenji, der ebenfalls in einer Band spielt.

Wer hat Schuld?

Von Anfang an konfrontiert Wegberg den Leser mit zwei wechselnden Perspektiven: davor und danach. Die Tat selbst rückt in den Hintergrund, wird nur als Tatsache erwähnt, aber nicht beschrieben. Zu Recht, geht es doch dem Autor mehr um eine Analyse der Gründe und Folgen. Sein Ziel ist es zudem nicht, einzelnen Personen oder Gruppen die Schuld an dem Amoklauf zu geben. Vielmehr zeigt er auf, dass eine solche Tat ein Zusammenspiel von Unverständnis der Eltern, Wegsehen der Lehrer, Ausgrenzung der Mitschüler und der Persönlichkeit des Täters erfordert. Die Botschaft des Buches ist ganz klar: Hinter einem Amoklauf steht eine Vielzahl von kleineren Ereignissen und Niederlagen, die durch ihre Summe letztlich zur Katastrophe führen. Zum Aussenseiter kann ausnahmslos jeder werden, und oft sind die Täter zunächst selbst Opfer. Letztlich sind es dann nicht staatliche Massnahmen und strikte Kontrollen, die Amokläufe verhindern, sondern Freundschaft und Zusammenhalt.

Ein sehr gutes Buch zu diesem leider immer noch aktuellen Thema, das anschaulich aufzeigt, welche Folgen ein Amoklauf für alle Beteiligten hat. Informativ, ohne besserwisserisch zu wirken, und unterhaltsam, ohne nur auf Tragik und Schock zu setzen. Absolut empfehlenswert vor allem für Jugendliche, aber auch für erwachsene Leser.


Titel: Klassenziel
Autor: T.A. Wegberg
Verlag: Rowohlt
Seiten: 285
Richtpreis: 13.40 CHF

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